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MV aktuell Torgelow: Eine ganze Stadt in Trauer
Nachrichten MV aktuell Torgelow: Eine ganze Stadt in Trauer
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07:21 23.01.2019
Der Vater von Leonie kniet bei der Trauerfeier in der Kirche in Torgelow. Quelle: Christopher Niemann
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Torgelow

Mit einer stillen Gedenkfeier verabschiedeten sich am Dienstagabend mehr als 300 Menschen in Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) von Leonie. Die Christuskirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, draußen warten gut zwei Dutzend Torgelower, die nicht mehr hineinpassen. Bürgermeisterin Kerstin Pukallus und Pfarrer Frank Sattler halten kurze Reden. Ein Trompeter spielt „Sag mir, wo die Blumen sind“. Dann stehen die Torgelower an, um am Altar eine Kerze für Leonie anzuzünden und sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Es ist sehr ruhig. Nur vereinzelt sind Flüstern und Kinderstimmen zu hören, über allem läuten die Kirchenglocken. Keine Spur von Aggression oder Wut, die sich in den vergangenen Tagen vor allem im Internet entluden.

„Das täuscht“, sagt Patrick Mannhart (24), der mit seiner Familie gekommen ist. Leonies Tod habe die Kleinstadt-Idylle zerstört. „So eine Tat hätte hier keiner für möglich gehalten“, sagt er. Obwohl Leonies Familie erst seit einem halben Jahr in Torgelow wohnt, seien alle Bewohner tief betroffen“, sagt Mannhart. Ein paar Meter von der Kirche entfernt, in einem Eckhaus an der Breiten Straße, hat Leonie gelebt. Und dort ist sie am Samstag vor einer Woche gestorben, an den Misshandlungen von David H., dem Lebensgefährten ihrer Mutter.

Zur Trauerfeier in der Christuskirche in Torgelow für die verstorbene Leonie kamen Hunderte.

Oliver E., Leonies Vater, sitzt in der ersten Reihe der Christuskriche und bleibt bis zum Schluss. Ein Anwalt liest einen verzweifelten Brief vor, den E. geschrieben hat. Als die meisten Besucher gegangen sind, zündet auch Oliver E. eine Kerze an. Er geht als einer der Letzten, unaufhörlich weinend, ein Freund muss ihn stützen, sonst würde er sich nicht auf den Beinen halten können.

Ein Meer aus Kerzen, Plüschtieren, gemalten Kinder-Bildern und gebastelten Geschenken erinnert vor Leonies Haus an die Tat. „Vielleicht kann aus dieser Trauer etwas Neues, Gutes entstehen“, sagt Pfarrer Frank Sattler in seiner Rede. „Etwas, was unser Leben menschlicher macht.“ Er äußert die Hoffnung, dass die Torgelower wieder mehr miteinander sprechen als übereinander – was letztlich auch helfen könne, tödlichen Missbrauch zu verhindern. Sattler beklagt aber auch, wie „kaputt“ die Gesellschaft sei. Bürgermeisterin Kerstin Pukallus, die erst seit November im Amt ist, warnt vor der „teilweise boshaften Konkurrenz- und Beschimpfungsmentalität in den sozialen Netzwerken“. Sie appelliert an die Torgelower, „zusammenzurücken. Das zeichnet eine Kleinstadt aus“.

Der erste Polizei-Einsatz, die Anteilnahme an dem Tod des Mädchen, die Flucht des Tatverdächtigen und die tagelange Suche nach ihm: Hier finden Sie Bilder zum tragischen Tod von Leonie aus Torgelow.

Lenonie war Samstag vor einer Woche nach Knochenbrüchen und schweren Kopfverletzungen in ihrem Wohnhaus in Innenstadt gestorben. David H. hatte zunächst angegeben, die Sechsjährige sei eine Treppe hinabgestürzt, was sich bei der Obduktion als Lüge herausstellte. Der gebürtige Anklamer ließ das Kind sterben, ohne Hilfe zu holen, die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg wirft ihm Mord durch Unterlassen vor. Auch Leonies Bruder Noah-Joel (2) wurde offenbar schwer von H. misshandelt. Das Kind lebt inzwischen wieder bei seinem und Leonies Vater in Wolgast. Verwandte hatten schon länger den Verdacht, dass H. die Kinder misshandeln könnte. Das Jugendamt wurde nach einer Anzeige tätig, konnte aber nach eigenen Angaben keine Auffälligkeiten feststellen.

David H. war zwei Tage nach Leonies Tod bei seiner Festnahme aus dem Pasewalker Polizeirevier geflohen. Polizisten fassten ihn sieben Tage später an diesem Montag in der Nähe von Ducherow, als er sich mit seinem Anwalt stellen wollte. Innenminister Lorenz Caffier kritisierte die Beamten in Pasewalk und kündigt Aufklärung sowohl bei Polizei als auch beim Jugendamt an.Inzwischen wurde H. erneut verhört. Er stritt die Tat ab.

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Gerald Kleine Wördemann

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