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MV aktuell Gefahr im Boden: Experten finden noch tonnenweise Bomben
Nachrichten MV aktuell Gefahr im Boden: Experten finden noch tonnenweise Bomben
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00:00 06.01.2014
Schießwolle ähnelt abgeschliffenen Ziegeln.
Schießwolle ähnelt abgeschliffenen Ziegeln. Quelle: Nabu
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Schwerin

Das jüngste Drama im nordrhein-westfälischen Euskirchen zeigt: Fast 70 Jahre nach Kriegsende liegen noch immer tonnenweise Bomben und Munition in deutschen Böden und Gewässern. Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist die Arbeit der Kampfmittelräumer eine Herkulesaufgabe.

Den Munitionsbergungsdienst im Land beschäftigen immer noch die Hinterlassenschaften der Weltkriege. 2012 machten die Spezialisten rund 72 Tonnen Kampfmittel unschädlich, das Gros davon wurde bei planmäßigen Sondierungen von alten Militärgeländen oder neuen Baugebieten aufgespürt, wie eine Sprecherin des Innenministeriums mitteilte. Für das Jahr 2013 lägen noch keine Zahlen vor. Es sei aber von einem ähnlichen Bergungsvolumen auszugehen, erklärte die Sprecherin.

Auch Zufallsfunde erfordern immer wieder den Einsatz der Kampfmittelräumer: Erst kurz vor Silvester zog ein Angler eine russische Übungsgranate zur Panzerabwehr aus dem Runden See bei Teterow.

2012 wurden etwas mehr als fünf Tonnen Bomben, Munition und Fragmente von Kampfmitteln nach zufälligen Funden bei 445 Soforteinsätzen der Experten des Munitionsbergungsdienstes abtransportiert und vernichtet. Das waren weniger als in den Jahren davor. 2011 umfassten die Soforteinsätze rund 12 Tonnen, 2010 knapp 9 Tonnen Kampfmittel.

In Mecklenburg-Vorpommern stehen drei Einsatzteams rund um die Uhr für das Bergen von Munition bereit. Es gibt zwei Zerlegebetriebe, einen in Mellenthin auf der Insel Usedom und einen in Jessenitz bei Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim).

Nach früheren Einschätzungen des Munitionsbergungsdienstes braucht es noch mindestens hundert Jahre, bis alle akut verseuchten Flächen im Nordosten von den gefährlichen Hinterlassenschaften geräumt sein werden. Von etwa 150 000 Hektar ist bekannt, dass diese Flächen mit Kampfmitteln belastet sind, akute Gefahren gehen von etwa einem Drittel dieser Flächen aus.

Schwerpunkte von zufälligen Funden bei Bauarbeiten lagen bisher in den Städten Rostock, Wismar und Schwerin sowie auf früheren Truppenübungsplätzen. Doch auch wer anderswo den Boden untersucht, kann auf Sprengkörper stoßen. Im vergangenen September fanden Archäologen bei der Suche nach Siedlungsresten in Penkun (Kreis Vorpommern-Greifswald) eine 50 Kilogramm schwere Bombe, die anschließend gesprengt wurde.

Annähernd 65 000 Hektar belastete Gebiete befinden sich in der Ostsee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns, wenngleich hier aufgrund der Wassertiefen keine unmittelbare Gefährdungen für Menschen bestehen, wie Experten glauben. Allerdings stößt man beim Bau von Offshore-Windparks immer wieder auf Granaten, Minen, Torpedos und chemische Kampfstoffe. Auch die Trasse für das Stromkabel, mit dem der Strom an Land transportiert werden soll, ist mit Munition gepflastert.

Im Juli 2013 wurden zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee vor MV gesprengt, eine dritte Bombe konnte an Land entschärft werden. Die jeweils 140 Kilogramm schweren Bomben wurden aus der viel befahrenen Kadetrinne gezogen.

Am vorigen Freitag waren bei der Explosion eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg ein Baggerfahrer getötet und mindestens 13 Menschen verletzt worden. Die Bombe war nach dem Krieg möglicherweise nur provisorisch mit Beton übergossen worden.

Schießwolle am Strand angeschwemmt
Der Naturschutzbund (Nabu) warnt davor, Angeschwemmtes am Strand unbedacht in die Hand zu nehmen. Die Folgen könnten Verletzungen sein. Neben Munitionsresten und bernsteinfarbenen Phosphorklumpen wird Schießwolle angeschwemmt, sagt Ingo Ludwichowski, Nabu-Geschäftsführer in Schleswig-Holstein. Spaziergänger hatten das einem abgeschliffenen Ziegelstein ähnelnde Material bei Kiel gefunden.

Schießwolle ist giftig und steckt in vielen Sprengkörpern, die im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen, besonders in Minen und Torpedos. Es ist ein explosives Gemisch aus den Sprengstoffen TNT, Hexanitrodiphenylamin und Ammoniumpulver. Der Name Schießwolle führt in die Irre. Es handelt sich nicht um weiches, sondern um ein hartes Material. Nimmt man es in die Hand, färbt sich die Haut gelb. Brandblasen können sich bilden.

Grit Büttner