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13:18 11.08.2019
Arvid Schnauer (81), emeritierter Pastor aus Rostock, steht vor dem Rathaus der Hansestadt. Als langjähriger Leiter des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses – gegründet im Herbst 1989 – haben er und seine Mitstreiter vielen Menschen aus der Stadt geholfen. Quelle: Martin Börner
Rostock

Gerechtigkeit: Arvid Schnauer (81), emeritierter Pastor aus Rostock, verbindet mit diesem Begriff die „erfüllendste und prägendste Zeit in meinem Leben“. Als langjähriger Leiter des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses – gegründet im Herbst 1989 – versuchen er und seine Mitstreiter innerhalb von knapp fünf Jahren, Unrecht, das vielen Menschen angetan worden war, wiedergutzumachen und für Gerechtigkeit zu sorgen. „Es ist erfüllend gewesen, dass ich dies tun konnte. Die Jahre in dem Ausschuss haben mich menschlich geprägt“, sagt Schnauer.

Etwa 10 000 Jugendliche, Frauen und Männer demonstrieren am 28. Oktober 1989 durch die Rostocker Innenstadt. Auf dem Foto passieren die Menschen gerade den Ernst- Thälmann-Platz. Auf der Demo fordern sie u. a. die Zulassung des Neuen Forums, freie Wahlen, einen zivilen Wehrersatzdienst und gewaltfreie Dialoge mit den Staatsorganen. Quelle: OZ-Archiv

Anfangs stehen Ungerechtigkeiten aus DDR-Zeiten im Mittelpunkt. Viele der Fälle hätten ihn mitgenommen, er habe schlimme Beispiele der „Zersetzung“ durch die Staatssicherheit gehört. „Meine Frau Jutta hat mir in dieser Zeit sehr beigestanden“, betont er.

Unrecht aus DDR-Zeiten und im vereinigten Deutschland aufarbeiten

Später kommt auch Unrecht im vereinigten Deutschland dazu, verursacht etwa durch die Treuhandanstalt. In vielen Fällen können die Gerechtigkeits-Streiter etwas für die betroffenen Jugendlichen, Frauen und Männer erreichen. „Wir mussten aber auch erkennen, dass Recht eben nicht immer gleich Gerechtigkeit ist“, sagt er. Sich um andere Menschen zu kümmern war „schon immer meine Berufung“, erklärt er.

Zwischen dem Abitur 1955 in seiner Geburtsstadt Schwerin und dem Versuch, 1963 bei der Musterung den Wehrdienst zu verweigern, absolviert Schnauer ein Theologiestudium an der Universität Rostock. Anfang Februar 1962 übernimmt er die Pfarre Blankenhagen nahe der damaligen Bezirksstadt. Es folgen im März 1974 die Wahl zum Pastor der Südstadtgemeinde Rostock sowie im September 1983 die Übernahme der neu gegründeten Pfarre im Rostocker Neubaugebiet Groß Klein, gemeinsam mit seiner Frau Jutta. Und: Von 1963 bis 1981 arbeitet Schnauer „nebenbei“ als Oberschüler-Pastor im Landesjugendpfarramt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Mecklenburgs.

Beistand für eingeschüchterte und überwachte Menschen

Bereits in diesen Jahren kümmert sich Schnauer engagiert um die Probleme von Schülern und deren Eltern mit der Staatsmacht. „Ich bin manchmal als Beistand mit den Schülern zu Gesprächen mitgegangen“, erzählt er. Dabei geht es etwa um Behinderungen bei der Zulassung zum Abitur. Oft kommen Menschen zu ihm, die eingeschüchtert und überwacht wurden. In der Wohnung von ihm und seiner Frau trifft sich regelmäßig ein Schülerkreis, beobachtet von Stasi-Leuten aus einer gegenüberliegenden Wohnung. „Vor unserem Haus wurden Schüler angesprochen, ob sie auch zu dem Popen wollen“, erinnert er sich. „Schnauer ist ein Störer“, liest er später in seiner Stasi-Akte. Sein Telefon wird lange Zeit abgehört.

Damit ist es im Herbst 1989 vorbei. Schnauer gehört zum Vorbereitungskreis der Friedensgebete und der Fürbittandachten für in der DDR verhaftete Demonstranten. Die organisieren Pastor Henry Lohse und seine Mitstreiter Anfang Oktober in der Rostocker Petrikirche. „Vor der ersten Fürbitte am 5. Oktober wurden Jugendliche aus unserer Groß Kleiner Gemeinde direkt vor der Kirche abgefangen und auf einen Lkw geschafft; sie hatten ausgerechnet Stasi-Leute gefragt, wo denn die Petrikirche sei“, berichtet er.

Am 6. November 1989 beschließen die Rostocker Stadtverordneten, einen Gerechtigkeitsausschuss zu bilden. Er soll Menschen rehabilitieren, die unter dem DDR-System gelitten hatten. Die außerordentliche Stadtverordnetenversammlung in der Sport- und Kongresshalle Rostock tagt fast acht Stunden lang und wird live im Radio übertragen. „Ich wusste sofort, dass ich in diesem Ausschuss mitarbeiten muss“, betont Schnauer. Das Gremium soll auch Amts- und Machtmissbrauch durch Funktionäre des Staates, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und Verletzungen der Gesetzlichkeit untersuchen. „Natürlich“ unter Leitung der bisherigen Stadtoberen.

Unter dem Druck der Demonstranten in den Kirchen und auf der Straße muss die SED-Führung der Stadt je zwei Vertreter der Kirche und des Neuen Forums in den Ausschuss berufen. Schnauer ist sofort dabei. „Der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ war mir aus der Bibel vertraut und für mein Handeln schon immer wichtig.“ Am 21. November treffen sich 17 Abgeordnete und Vertreter der neuen Bewegungen zum ersten Mal im Rathaus. Zur ersten Vorsitzenden wird – nach Rückzug des von der SED geplanten Vorsitzenden wegen angeblicher Morddrohungen – die Lehrerin Ulrike Oschwald gewählt. Arvid Schnauer übernimmt im Mai 1990 als ihr Nachfolger den Vorsitz.

Zerstörte Lebensläufe und kaputt gemachte Seelen

„Wir hörten von zerstörten Lebensläufen und kaputt gemachten Seelen.“ Wie von der Verhaftung einer Frau durch die Stasi, die auf der Fahrt ins Gefängnis von drei Männern bei ihrer Notdurft „bewacht“ wird. Oder von der Geldstrafe gegen eine alte Frau, der das Nachbarskind erzählt hatte, dass die Eltern in den Westen gehen wollten – die Frau hatte dies nicht „gemeldet“. Von einer Lehrerin, die zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen wird. Von einem Kraftfahrer, der seine Anstellung als Fernfahrer im Kombinat Ostseetrans verliert, weil er den Westen verherrlicht haben soll: Die Bockwurst sei dort viel besser. Oder von einer Frau, deren Leben „zersetzt“ wird, indem die Stasi in ihrer Wohnung immer wieder Gegenstände deponiert, die nicht dahingehören. Der Gerechtigkeitsausschuss erreicht sogar, dass mehrere hundert Seeleute von der Deutschen Seereederei Rehabilitierungszahlungen von über 3,5 Millionen DDR-Mark und fast einer Million DM erhalten.

1994 muss der Gerechtigkeitsausschuss aufhören

Nach der Kommunalwahl am 6. Mai 1990 lässt die neue Rostocker Bürgerschaft den Gerechtigkeitsausschuss weiterarbeiten – unter Leitung von Arvid Schnauer. Das ist DDR-weit einzigartig. „Wir mussten aber 1994 aufhören“, sagt Schnauer. In der neuen Kommunalverfassung war so ein Gremium nicht vorgesehen. „Leider blieben viele Fälle von Amtsmissbrauch und Immobilienhandel von DDR-Funktionären auf der Strecke, die haben wir nicht bewältigt“, erklärt er. Auch die Einheit habe viele Nachteile und Spaltungen gebracht. In den ersten Jahren sei es fast nur um Opfer und Täter in der DDR gegangen. „Die größte Gruppe aber, die Menschen, die ihr Leben gelebt haben mit all ihren Freuden und Schmerzen, ist an den Rand gedrängt worden“, erklärt der Pastor.

In Rostock haben Schnauer und seine Mitstreiter mit ihrem Bemühen, Gerechtigkeit herzustellen, deutliche Spuren hinterlassen. Als der Ausschuss Anfang Dezember 1990 ins Ehrenbuch der Hansestadt eingetragen wird, findet Bürgerschaftspräsident Christoph Kleemann treffende Worte für die engagierten Ausschussmitglieder: „Gerechtigkeit ist keine Sache der Taktik, sondern der Gesinnung und des Herzens.“ Und 1996 wird Schnauer für seine Verdienste um die Aufarbeitung der DDR-Zeit mit dem Kulturpreis der Hansestadt geehrt.

Von Bernhard Schmidtbauer

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