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MV aktuell Veruntreutes „Gorch Fock“-Geld floss in Marine-Filmprojekt
Nachrichten MV aktuell Veruntreutes „Gorch Fock“-Geld floss in Marine-Filmprojekt
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05:00 01.07.2019
Jagd auf U-Boote in der Arktis: erste Bilder von Stephen Dürr und seiner Serie. In die Finanzierung floss Geld, das für die „Gorch Fock“-Sanierung gedacht war. Quelle: plotsurfer
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Rostock

In das Filmprojekt des Hamburger Regisseurs und Schauspielers Stephen Dürr floss ein Millionenbetrag aus Sanierungsmitteln für die „Gorch Fock“, das Segelschulschiff der Marine. „Das ist leider so“, bestätigt Pieter Wasmuth, Aufsichtsratsvorsitzender der Elsflether Werft, der OZ. Bei der Überholung des Schiffs in dem niedersächsischen Betrieb explodierten die Kosten von zehn auf 135 Millionen Euro. Das Verteidigungsministerium überwies 70 Millionen Euro, einen Teil davon ließ die frühere Werftleitung in einem Hamburger Firmengeflecht versickern.

Mit dem Geld sollten Lieferanten bezahlt werden

1,5 Millionen Euro sollen angeblich auf diesem Weg als Darlehen in die Produktion der geplanten Marine-Action-Serie „True North“ (echter Norden) geflossen sein – über eine von den früheren Werft-Geschäftsführern gegründete GmbH. Empfänger war die Sintense Film GmbH, an der Werft und Dürr je zur Hälfte beteiligt sind. „Eigentlich sollten mit dem Geld die Lieferanten bezahlt werden“, sagt Wasmuth, der nach Entmachtung der alten Werftleitung eingesetzt wurde.

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Filmemacher will nichts von dubioser Herkunft gewusst haben

Filmemacher Dürr bestätigt die Kreditvergabe. Die Summe von 1,5 Millionen sei aber falsch. Die exakte Summe könne er nicht nennen, darüber hätten die Vertragspartner „Stillschweigen vereinbart“. Durch den Kredit war die Werft bisher finanziell an dem Serienprojekt beteiligt. Doch mittlerweile hat Dürr nach eigenen Angaben auch die Werft-Anteile an der Sintense übernommen. Zu welchen Bedingungen? Auch darüber sei Stillschweigen vereinbart worden. Dass das Geld aus dubiosen Quellen stammte und eigentlich für die Reparatur der berühmten Drei-Mast-Bark gedacht war, habe er nicht gewusst. Dürr: „Das war weder für mich noch die den Gründungsprozess begleitenden Juristen in keinerlei Weise erkennbar.“ Er zahle den Kredit nebst Zinsen zurück, wie es vertraglich vereinbart worden sei.

Gegen die früheren Werftchefs, die insgesamt 20 Millionen Euro vom „Gorch Fock“-Geld“ auf diese Weise zweckentfremdeten, ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen Korruption und Untreue.

Dreharbeiten auf Marine-Schiffen

Die Marine unterstützt das Filmprojekt, an dem Dürr seit Jahren arbeitet und das er – ungewöhnlich für die Branche – ohne Verleih, Sender oder Filmförderung im Rücken, offenbar allein aus eigenen Mitteln finanziert. Und eben mit Krediten, wie dem veruntreuten „Gorch Fock“-Geld. „Wir unterstützen die Dreharbeiten im Rahmen freier Kapazitäten. Wenn ein Schiff ohnehin fährt, prüfen wir, ob das Film-Team mit an Bord darf“, sagt Marinesprecher Johannes Dumrese. Zu der Hilfe sei die Marine verpflichtet, weil sie einen Vertrag mit Dürr abgeschlossen hat. Im Gegenzug verspreche man sich einen Werbeeffekt für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr. Die dubiose Finanzverbindung zum Segelschulschiff war im Rostocker Marine-Hauptquartier offenbar nicht bekannt. Marine-Inspekteur Andreas Krause setzte sich persönlich für die Serie ein. Der Vertrag zwischen Dürr und Marine fällt allerdings noch in die Zeit seines Vorgängers Axel Schimpf.

Prozess in Rostock

Der Vertrag zwischen Dürr und der Marine ist wiederum Gegenstand eines weiteren Verfahrens am Rostocker Landgericht. Der Filmemacher wollte der Bundeswehr per Abmahnung verbieten, Werbefilme wie „Die Rekruten“ im Internet zu zeigen. Der Filmemacher machte angebliche Exklusivrechte geltend. Dann zog die Bundeswehr gegen Dürr vor Gericht, um Rechtssicherheit zu bekommen. Ein erster Verhandlungstermin am 19. Juni wurde wegen einer Erkrankung des Richters vertagt.

Die Dreharbeiten für die Serie, bei der Ex-Soap-Schauspieler („Unter uns“) Dürr Regie führt und einen Hubschrauberpiloten spielt, der in der Arktis Jagd auf ein U-Boot macht, begannen Anfang des Jahres. Auf mehreren Schiffen wurde gefilmt, unter anderem in Wilhelmshaven und vor der Küste Norwegens.

Drehbuchautorin warf entnervt hin

Am Set läuft möglicherweise auch nicht alles so harmonisch wie in einer Vorabendserie. Das behauptet jedenfalls eine Drehbuchautorin, die an der Entwicklung von „True North“ beteiligt gewesen sein will. Zum Beweis präsentiert sie umfangreichen E-Mail-Verkehr mit Dürr und einen Vertrag, den er allerdings nie unterschrieben habe. Der Filmemacher schulde ihr eine fünfstellige Summe, entnervt habe sie hingeworfen. Auch andere Crewmitglieder seien gegangen. Dürr weist die Vorwürfe knapp zurück: „Das wäre mir neu“. Er befürchtet, dass gezielt Unwahrheiten verbreitet werden sollen, um ihm zu schaden.

Marine-Offiziere sollen bei Vorab-Aufführungen erster Ausschnitte begeistert gewesen sein. „Das sah sehr gut aus“, meint auch Sprecher Dumrese. Ob und wo die fertige Serie zu sehen sein wird, bleibt aber unklar. „Das kann ich Ihnen leider noch nicht mitteilen“, teilt der Regisseur mit. Angeblich will er sie Streaming-Diensten wie Netflix zum Kauf anbieten. Was die Aussichten betrifft, bleiben manche skeptisch: „Ich kann nicht beurteilen, ob das jemals Geld bringt“, sagt Werft-Aufsichtsratschef Wasmuth.

Gerald Kleine Wördemann