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MV aktuell Greifswalder Pflege-Chefin: „Ich liebe den Beruf, doch ich würde ihn nicht noch mal machen“
Nachrichten MV aktuell Greifswalder Pflege-Chefin: „Ich liebe den Beruf, doch ich würde ihn nicht noch mal machen“
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08:50 30.08.2019
Marion Markert-Kunze (58), Chefin der Hauskrankenpflege Nordlicht in Greifswald. Quelle: Christian Rödel
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Greifswald

„Das ist ein schöner Beruf. Ich liebe den und habe den immer gern gemacht. Es macht Spaß und Freude mit den alten Menschen, die viel zu erzählen haben und immer auch sehr dankbar sind, wenn man sich um sie kümmert“, sagt Marion Markert-Kunze.

Die 58-Jährige betreibt in Greifswald die private Hauskrankenpflege Nordlicht. 160 Mitarbeiter hat sie und kümmert sich mit ihrem Team um rund 360 Patienten in den Großräumen Greifswald, Stralsund, Neubrandenburg und Rostock.

1993 allein mit Trabi und Arztköfferchen losgezogen

1993 hat Marion Markert-Kunze angefangen, in der Pflege in und rund um Greifswald zu arbeiten. Damals ist sie ganz allein losgezogen: mit ihrem kleinen Arztköfferchen und ihrem Trabi, später im Fiat Panda – dem ersten Wagen aus dem Westen. Sie erinnert sich gern daran und ist auch stolz darauf, was sie für die Menschen getan und was sie geleistet hat. Wenn diese Pflegerin von ihrem Job erzählt, leuchten die liebevollen blauen Augen. Für diesen Beruf, sagt sie, müsse man geboren sein – und das glaubt man dieser Frau.

Mehr lesen: Geldnot: Pflegefirmen in MV werfen Krankenkassen Hinhaltetaktik vor

Ihre ruhige Art strahlt einen gewissen Altruismus aus und eine Ruhe, die jedem zu sagen scheint: „Das wird schon.“ Keine Floskel, Anteilnahme auch in oft schweren Fällen. Denn meist endet das berufliche Engagement des Dienstes mit dem Tod des Patienten. „Man darf nicht jeden Tod mit nach Hause nehmen“, sagt Marion Markert-Kunze. Dann gehe man daran kaputt. Aber man darf auch keine maschinelle Routine einziehen lassen. Dann sei man in diesem Beruf falsch.

„Zu diesen Bedingungen würde ich es nicht noch mal machen!“

Ob sie noch mal in diesem Beruf anfangen würde? Marion Markert-Kunze denkt nach und schüttelt dann zögerlich, langsam den Kopf: „Nein“, sagt sie, „zu diesen Bedingungen auf keinen Fall. Unter diesen Umständen, unter diesem finanziellen Druck, der in dieser Branche herrscht, würde ich es nicht noch mal machen.“

Kommentar: Spahn zwingt mit seiner Politik kleine Pflegedienste in die Knie

Es sei alles anders geworden. „Im ambulanten Bereich hat jeder Betreuer 15 bis 20 Menschen zu betreuen. Im Frühdienst zwischen 6 und 10 Uhr habe jeder Betreuer pro Patient 15 bis 60 Minuten gut zu tun mit waschen, aufräumen, Medikamente geben, Injektionen, Verbände und Windeln wechseln, Zimmer aufräumen.“ Das sei so schon in Ordnung. Aber der Druck, der von außen auf die Dienste und damit die Mitarbeiter ausgeübt werde, sei so hoch, dass alle an ihren Limits arbeiteten.

„Die Kassen wollen uns doch gar nicht refinanzieren!“

„Die Kassen wollen uns doch gar nicht refinanzieren“, sagt sie. Marion Markert-Kunze hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim OZ-Forum in Stralsund gefragt, ob sie ihr helfen könne. Markert-Kunze sagte wörtlich: „Ich bin Inhaberin der Hauskrankenpflege Nordlicht. Ich bekomme seit fünf Jahren die gleiche Vergütung. Die Krankenkassen denken gar nicht daran, uns ein überlebensfähiges Angebot zu machen. Seit fünf Jahren steigen die Gehälter jährlich um zwei bis drei Prozent. Was unternehmen Sie, Frau Bundeskanzlerin, damit die ambulante Pflege, besonders die Intensivpflege, besser vergütet wird?“

Livestream zum Nachschauen:
OZ-Forum mit Angela Merkel im Stralsunder Ozeaneum

Spahn: „Zahlen sie Tarif, dann refinanzieren die Kassen das.“

Merkel leitete die Frage an ihren Parteifreund und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weiter. Der antwortete: „Seit 1. Januar 2019 ist es gesetzlich geregelt, dass die Kassen die Pflegedienste refinanzieren müssen, wenn die Dienste Tarif bezahlen. Zahlen Sie Tarif und die Kassen übernehmen die Kosten.“ Markert-Kunze erwidert: „Das stimmt nicht! Wenn wir Tarif bezahlen, lehnen die Kassen das Vergütungsangebot ab und sagen: ‚Mit Ihnen arbeiten wir nicht. Sie sind uns zu teuer.’“

Seit Jahren könne ihr Unternehmen wegen des Kostendrucks Investitionen wie die Anschaffung von Computern oder neue Dienstkleidung nicht finanzieren. Alles werde verschoben, weil das Geld fehle. „Die Kassen wollen uns in die Schiedskommission zwingen, um Zeit zu gewinnen“, sagt sie. Mit dieser Taktik würden die privaten Anbieter in die Knie gezwungen. Markert-Kunze sagt: „Was machen wir für eine Arbeit, dass wir so behandelt werden? Meine Mitarbeiter haben eine hohe körperliche und psychische Belastung.“ Das werde nicht gewürdigt. Im Gegenteil.

„Die Qualität wird sinken, die Preise werden steigen.“

Pflegedienste sehen sich mitten in einem Prozess der Dis­count­erisier­ung ihrer Branche. Durch den hohen Kostendruck würden immer mehr Dienste aufgeben und an Ketten verkaufen, die dann die Preise drücken. Markert-Kunze: „Die Qualität wird sinken, die Preise werden steigen. Die Mitarbeiter werden in die stationäre Pflege gezwungen, so dass dort die Lücke geschlossen wird. Das Defizit wird die privat-familiäre Pflege übernehmen. Angehörige sollen immer mehr in die Verantwortung genommen werden.“

Jedes Jahr bekomme sie als Eigentümerin eines der 450 Pflegedienste in MV von großen Ketten Angebote, ihr Unternehmen zu kaufen. „Die sehen, dass ich auf die 60 gehe und machen ein Angebot.“ Und warum, so die Frage, sie nicht verkaufen würde, wenn die Lage so dramatisch ist? „Tja“, Marion Markert-Kunze schaut aus dem Fenster. Es hängt halt nach 26 Berufsjahren halt doch weit mehr dran als Geld und Zahlen.

80 000 pflegebedürftige Menschen bis 2030

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit rund 450 ambulante Pflegedienste – aufgeteilt auf rein private Dienste und die der Wohlfahrtsverbände, die sich unter anderem aus Einnahmen der Glücksspiele finanzieren. Die privaten Dienste müssen ihre Refinanzierung der Personal- und Sachkosten mit den Krankenkassen selbst verhandeln. Die Betreuung und Organisation der Pflege ist aufgeteilt auf 18 Pflegestützpunkte in den Kreisen Parchim (3), Mecklenburgische Seenplatte (3), Nordwestmecklenburg (3), Landkreis und Hansestadt Rostock (5), Vorpommern-Rügen (2), Vorpommern-Greifswald (3) und Schwerin (1). Seit dem Jahr 2005 ist die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in MV von 51 168 auf 67 995 im Jahr 2011 und mittlerweile auf mehr als 70 000 gestiegen. Bis 2030 wird mit einem Anstieg auf über 80 000 Menschen, die in MV pflegebedürftig sind, gerechnet. Im Jahr 2011 sind rund sechs Prozent der Menschen über 70 Jahre im Land pflegebedürftig gewesen. Bei den über 90-Jährigen sind es hingegen 70 Prozent.

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