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MV aktuell Alternativer Nobelpreisträger: „Unser Boden ist keine Fabrikhalle“
Nachrichten MV aktuell Alternativer Nobelpreisträger: „Unser Boden ist keine Fabrikhalle“
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09:14 05.03.2019
Michael Succow, der Vater der ostdeutschen Nationalparke und Träger des Alternativen Nobelpreises, plädiert für Landwirtschaft. Quelle: Stefan Sauer/dpa
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Greifswald

Die ersten Trecker drehen auf den Äckern schon wieder ihre Runden. Über Landbewirtschaftung, Düngereinsatz, Humusbildung und regionale Erzeugnisse wie den „Rügener Badejungen“ spricht die OZ mit dem Greifswalder Ökologie-Professor Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises.

Wenn Sie die ersten Trecker auf den Feldern sehen, was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ich hoffe, dass die Bauern unterwegs sind, um für die Gesellschaft gute und gesunde Lebensmittel zu erzeugen. Und ich wünsche mir, dass sie dabei sorgsam mit dem Acker umgehen. Denn gesunde Landschaft ist ein immer knapper werdendes Gut. Im Vergleich zu anderen Gegenden in Deutschland haben wir hier in Mecklenburg-Vorpommern noch relativ viel davon. Das ist auch eine wichtige Grundlage für den Tourismus. Kapital ist vermehrbar, Landschaft nicht. Für die Landnutzer ist es eine große Herausforderung, die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu mehren.

Inwiefern?

Boden ist keine Fabrikhalle, sondern ein Ökosystem, ein Raum voller Leben. Er hat die Kraft, fruchtbarer zu werden, wenn Regenwürmer, Bakterien und andere Organismen zusammenwirken. Wir hatten in den Vorjahren manchmal über Wochen keinen Regen, dann wieder Perioden mit sehr viel Niederschlag. Durch den rasanten Klimawandel werden sich diese Phänomene häufen. Wenn Böden bei Dürre stark austrocknen und bei viel Niederschlag die Regenmengen nicht aufnehmen können, hängt auch mit der Art ihrer Bewirtschaftung zusammen.

Was kann man tun, um für Wetterunbilden besser gewappnet zu sein?

Der Klimawandel zwingt uns, den Acker vor Vernässung zu schützen, ebenso wie vor Austrocknung, und dabei seine natürliche Fruchtbarkeit wieder herzustellen. Dazu muss der Humusbildung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Humus ist ein Puffer, der Nährstoffe und Feuchtigkeit auf natürliche Weise im Boden hält. Als es noch kaum künstlichen Dünger gab, war die Humuswirtschaft das A und O in der Landwirtschaft.

Sie sind auf einem Bauernhof in Brandenburg aufgewachsen, kennen Sie das aus eigenem Erleben?

Ja, mein Vater hat im Herbst Seradella oder Ackersenf als Gründünger ausgesät. Damit war der Boden im Winter bedeckt und vor Auswaschung geschützt. Zusammen mit Tiermist haben diese Mulchsaaten den Boden mit Leben erfüllt. So hatten wir auch in trockenen Jahren meistens vertretbare Ernten. Heute dagegen wird mit Glyphosat und anderen chemischen Mitteln Leben getötet. Hohe Kunstdüngergaben sollen dann ausgleichen, was an natürlicher Bodenfruchtbarkeit verloren ging.

Eine „Allianz der Vernünftigen“ gegen Agrarindustrie und Massentierhaltung haben Sie 2012 in einem vielbeachteten OZ-Interview gefordert. Hat sich in diesen sieben Jahren etwas verändert, gibt es eine solche Allianz inzwischen?

Insgesamt sehe ich eine positive Entwicklung. Viel mehr Menschen wollen sich heute bewusst ökologisch ernähren. Bei jungen Leuten geht der Trend sogar vielfach zu vegetarischer oder auch veganer Ernährung. Es gibt außerdem eine stärkere Hinwendung zum Regionalen. Darauf stellen sich Produzenten ein, es sind aber noch zu wenige. Sanddornsaft und Salami vom Rügenschaf fallen mir da ganz spontan ein, und die getrockneten Öko-Apfelringe aus Vorpommern.

Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: Der Traditionskäse „Rügener Badejunge“ wird demnächst in Thüringen hergestellt, die Molkerei in Bergen schließt. Wie passt das in die Zeit?

Gar nicht. Es ist ein Beispiel dafür, dass Profit über Gemeinwohl gestellt wird. Einem so bekannten, regionalen Produkt die Herkunft zu nehmen, zeugt von grober Verantwortungslosigkeit.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in der Landwirtschaft?

Manches wendet sich zum Positiven. Die Fläche für den Biolandbau wächst, das ist gut. Eine alte Getreideart, der Dinkel, wurde wieder entdeckt, vor allem im Ökolandbau. Brötchen und Kuchen aus Dinkelmehl sind beim Bäcker sehr gefragt. Da ist auch konventionell viel mehr möglich. Dinkel aus Polen einzuführen muss nicht unbedingt sein.

Sind Sie insgesamt zufrieden?

Nein, dafür gibt es zu viele Dinge, die betroffen machen. Vielerorts werden wir einen stummen Frühling erleben. Das Braunkehlchen, die Feldlerche, die Goldammer sind nur noch ganz vereinzelt zu finden. Das Insektensterben führt zu einem Verlust an Lebensfülle. Die Landwirtschaft ist auch in unserem Bundesland noch zu stark durch die Agrarindustrie geprägt - mit riesigen Flächen ohne Baum und Strauch, wenig Feldrainen. Angebaut wird, was das meiste Geld bringt: vor allem Winterweizen, Raps und Mais, mit einem enormen Einsatz von Agrochemikalien. Blattdüngung ist angesagt, die Wurzelsysteme verkümmern. Wenn über längere Zeit Regen fehlt, können die Pflanzen den Dünger nicht aufnehmen.

Was geschieht mit dem überschüssigen Dünger im Boden?

Beim nächsten Regenguss wird er über die hochverdichteten Fahrspuren in die Gewässer gespült, Nitrate reichern sich in Größenordnungen im Grundwasser, in den Klein- und Küstengewässern an. Im Umgang mit dem Wasserhaushalt gibt es noch viel zu verbessern.

Sie sind der prominenteste Vertreter des ostdeutschen Nationalpark-Programms von 1990. Man unterstellt Ihnen manchmal, Sie würden am liebsten ganz Mecklenburg-Vorpommern zum Nationalpark erklären. Ist das Ihr heimlicher Traum?

Nein, die Landwirtschaft ist unverzichtbar für Mecklenburg-Vorpommern. Wir sollten allerdings nicht das billigste Schweinefleisch der Welt produzieren, um es nach China zu exportieren. Das hat mit Nachhaltigkeit und Weltgerechtigkeit nichts mehr zu tun. Ich bin für eine Nutzungslandschaft, die den Namen Kulturlandschaft wirklich verdient. Mit mindestens sieben Kulturen in einer Fruchtfolge, so wie es unsere Vorfahren gemacht haben. Mit Blühstreifen, Winterbegrünung und heimischen Eiweißpflanzen statt importierter Soja. Dann kann auch eine durch Wirtschaft genutzte Landschaft schön sein. Es geht mir um den Dreiklang von Nützlichkeit, Vielfalt und Schönheit. Denn eine intakte Kulturlandschaft wird immer mehr zum „Sehnsuchtsort“ eines naturorientierten Tourismus.

Sehen Sie noch andere Dinge kritisch?

Leider haben junge Landwirte nur wenig Möglichkeiten, Flächen zu bekommen. Wo aber junge Leute das Land ihrer Väter nicht mehr bestellen, führt das häufig zur Zerstörung des ländlichen Raumes in sozialer, ökologischer und ökonomischer Dimension. Die in Brüssel und Berlin gemachte Agrarpolitik ist in der jetzigen Form nicht zukunftsfähig. Ich bin dankbar, dass unser Bundesland mit seinen begrenzten Möglichkeiten versucht, dem entgegenzuwirken und, wo Flächen frei werden, jungen Leuten, die dort leben und arbeiten wollen, eine Chance zu geben. Kritisch sehe ich auch, dass in Mecklenburg-Vorpommern mehr als ein Viertel der Fläche zur Energiegewinnung genutzt wird.

Warum halten Sie das für falsch?

Es ist nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen den Acker für gesunde Nahrungsmittel, nicht für Kraftstoff oder Strom. Energie liefern Sonne und Wind, die stellen uns dafür keine Rechnung. Mit großen Maschinen über den Ackerboden zu fahren, um Pflanzen für Energie anzubauen, dabei Treibstoff zu verbrauchen, außerdem Pflanzenschutzmittel und Dünger, das ist Energie- und Ressourcenverschwendung. Das wird die Gesellschaft in absehbarer Zeit nicht mehr akzeptieren.

Mehr dazu:

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Kommentar: Billige Nahrungsmittel: Zu viel Geiz-ist-geil-Mentalität

20 Jahre Succow-Stiftung

Michael Succow wurde 1941 als Sohn eines Landwirts in Lüdersdorf (Brandenburg) geboren. Er hat in Greifswald Biologie studiert und promoviert. Er arbeitete fast zwei Jahrzehnte als Bodenkundler an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR. 1990 war er kurzzeitig stellv. DDR-Umweltschutzminister. Er gehörte zu den Initiatoren des Nationalparkprogramms, durch das in den neuen Bundesländern sieben Prozent der Fläche unter Schutz gestellt wurden. Für sein Engagement wurde er 1997 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Das Preisgeld bildete 1999 den Grundstock für die Gründung der Michael Succow Stiftung als eine der ersten gemeinnützigen Naturschutzstiftungen Ostdeutschlands.

Am 3./4. Mai begeht die Succow Stiftung mit einem Festakt, Exkursionen und einer Podiumsdiskussion zum Thema „Landwirtschaft muss sich verändern“ in Greifswald ihr 20jähriges Jubiläum. Neben Projekten in Deutschland unterstützt die Stiftung unterstützt Natur-, Landnutzungs- und Klimaschutzvorhaben u.a. in Osteuropa, Zentralasien, Südostasien, Ostafrika und dem Iran.

Elke Ehlers

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