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MV aktuell Großfeuer in Lübtheen: Stirbt jetzt der Wald?
Nachrichten MV aktuell Großfeuer in Lübtheen: Stirbt jetzt der Wald?
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18:23 04.07.2019
Wie viele Bäume im Waldbrand bei Lübtheen verbrennen, ist noch offen. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Lübtheen

Die Rauchsäulen über dem Waldbrand von Lübtheen sind mehr als 100 Kilometer weit zu sehen. Der Brandgeruch lässt sich sogar noch in viel größerer Entfernung wahrnehmen. Auf mehr als 1300 Hektar hatte sich das Feuer zwischenzeitlich ausgedehnt. Doch was bedeutet das für den Wald?

Wie hoch die Verluste an Bäumen und Tieren sein werden, lässt sich noch schwer abschätzen. Doch Experten machen Hoffnung: Völlig zerstört wird das Ökosystem wohl nicht.

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Ein erneutes Feuer auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim) hält die Region in Atem.

Kiefern und Eichen können Feuer überleben

„Wenn es bei einem Bodenfeuer bleibt, das nur durchläuft, können die Bäume überleben“, sagt Karl-Joachim von Brandenstein, zweiter Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes MV. „Gerade Kiefern, Eichen und andere Bäume mit grober Borke erholen sich nach so einem Feuer oft.“ Sie würden danach lediglich ein oder zwei Jahre nicht weiter wachsen. Kiefern sind in dem betroffenen Waldgebiet die dominierende Art. Bei anderen Arten wie Ahorn oder Buche mit dünnerer Borke werde dagegen durch Feuer die Zellstruktur zerstört, sie sterben ab.

Gefährlich werde es, wenn das Feuer länger an einem Ort verweilt und tiefer in den Boden geht, sagt von Brandenstein. „Wenn es an die feinen Wurzeln geht, ist es vorbei, denn diese kann der Baum nicht regenerieren.“ Von Brandenstein schätzt, dass ab 30 Zentimetern Tiefe die Bäume ein Feuer nicht lange überstehen können. Laut Agrarminister Till Backhaus (SPD) ist die brennbare Humusschicht in dem Wald mehr als doppelt so dick.

„Totholz kann zu einem Riesenproblem werden“

Erschwert werde die Situation, wenn ein Wald nicht wirtschaftlich genutzt werde. Dort liege viel Totholz, das länger brennt und so das Feuer länger an einer Stelle halte, so von Brandenstein. „Totholz ist zwar gut für die Natur, aber wenn es brennt, wird es zu einem Riesenproblem.“

Am Mittwochabend hatte es geheißen, das Feuer habe sich an manchen Stellen regelrecht eingenistet. Das könnte für die Bäume verhängnisvoll sein. Aus dem Schweriner Umweltministerium hieß es dazu: „Es ist mit größeren Ausfällen in den betroffenen Brandgebieten zu rechnen. Nicht alle Bäume werden an den Folgen des Waldbrandes eingehen. Von Folgeschäden durch Insekten, wie den Prachtkäfer, wird ausgegangen.“

Jungvögel könnte das Feuer hart getroffen haben

Der ehemalige Truppenübungsplatz bei Lübtheen, auf dem das Feuer wütet, ist ein Schutzgebiet mit einer großen Artenvielfalt, erklärt Ulf Bähker, Schutzgebietsbetreuer beim Naturschutzbund Nabu MV. Das gelte vor allem für die Heideflächen. Aber auch im Wald gebe es seltene Arten wie den Raufußkauz. „Hier könnte es Verluste geben, vor allem bei den Jungvögeln, die noch nicht flügge sind.“ Auch Amphibienarten, die sich bei Gefahr eingraben, könnten sterben. Das sei sehr bedauerlich, allerdings würden die Populationen dadurch nicht bedroht, glaubt der Experte. „Feuer kommt auch natürlich vor, unter dem Strich hält die Natur das aus“, sagt Bähker.

Das gelte auch für die besonders wertvolle Heide mit ihren offenen und halboffenen Flächen. „Außerhalb von Truppenübungsplätzen gibt es kaum noch solche mageren, trockenen Biotope“, so Bähker. In der Lübtheener Heide lebt unter anderem der Ziegenmelker, eine seltene Nachtschwalbenart, der Brachpieper, die Kreuzkröte oder der Feuerfalter. Aber auch hier sei Feuer nicht nur zerstörerisch: „Feuer ist auch ein Weg, die Heide zu verjüngen, da so verhindert wird, dass sie zuwächst“, erklärt der Naturschützer.

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Axel Büssem