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Gutshaus Streu auf Rügen: Von Hitler-Verschwörern, Abenteurern und legendären Schätzen

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10:24 27.01.2020
Gisa und Hans-Peter Reimann (beide 80) leben auf dem Gut Streu bei Schaprode auf der Insel Rügen. Sie haben die denkmalgeschützte Anlage als Ruine erworben und restauriert. Heute leben sie mit Kindern und Enkelkindern im Herrenhaus.
Gisa und Hans-Peter Reimann (beide 80) leben auf dem Gut Streu bei Schaprode auf der Insel Rügen. Sie haben die denkmalgeschützte Anlage als Ruine erworben und restauriert. Heute leben sie mit Kindern und Enkelkindern im Herrenhaus. Quelle: OVE ARSCHOLL
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Streu

Zwei ohne Furcht und Adel kämpfen sich durchs Gestrüpp, um eine Schönheit wachzuküssen. Doch die, die hier verwunschen im Dornröschenschlaf liegt, ist keine Märchenprinzessin, sondern eine Gutsanlage, die an der Westküste der Insel Rügen auf ihre Retter wartet.

Und die Retter kommen, an einem trüben Novembertag im Jahr 2001: Gisa und Hans-Peter Reimann, zwei Hamburger, suchen Rügens Küste nach einem Feriendomizil ab. Sie finden das ehemalige Rittergut Streu und mit ihm das um 1790 erbaute Herrenhaus – Schauplatz von Verschwörungen und Versteck eines legendären Schatzes.

220 000 D-Mark für eine Ruine

Einst konnte sein Anblick verzücken, doch als die Reimanns es erblicken, geizt das Anwesen mit Reizen: Die Fassade bröckelt. Fenster und Türen hängen – wenn vorhanden – nur noch mit einem Zipfel in den Angeln. Fußböden, Öfen, Wendeltreppe – im Haus fehlt alles. Dafür sind Schutt und Scherben im Übermaß vorhanden. Der Keller steht unter Wasser. Das Gutshaus – eine Ruine.

Wo die meisten Reißaus nehmen würden, stürzen sich die Reimanns ins Abenteuer. Sie sehen, was anderen Augen entging: ein Herrenhaus, gut teil- und somit für zwei Parteien nutzbar, auf eine der wenigen auf Rügen erhaltenen Gutsanlagen, die die Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhundertes widerspiegeln. Zusammen mit Freunden kaufen sie das Haus für 220 000 D-Mark. Die Wege trennen sich, die Reimanns gehen das Projekt schließlich allein an.

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„Wir waren damals schon im Rentenalter. Unser Sohn hat uns für verrückt erklärt. Inzwischen hat er selbst bei Wismar eine alte Büdnerei restauriert, die sah viel schlimmer aus als unser Haus“, erzählt Hans-Peter Reimann und lacht. Er und seine Frau sind heute beide 80 Jahre alt. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit, sind seit 62 Jahren ein Paar, 53 davon verheiratet. Das Gut sei ihr „Lebensabendprojekt“, sagt Hans-Peter Reimann. Die einstige Ruine ist heute ein Schmuckstück und Lebensmittelpunkt der Familie.

Fotostrecke: So schön ist das ehemalige Rittergut Streu

Den Nordflügel bewohnen die Reimanns selbst, im Südflügel lebt ihre Tochter Wiebke Puvogel zusammen mit ihrem Mann und vier Kindern. Bevor sie sich hier niederließ und eine Tierarztpraxis mit inzwischen 20 Mitarbeitern aufbaute, bekam die Veterinärmedizinerin sowas wie einen royalen Ritterschlag: „Sie hat sich in England einmal um die Polopferde von Prinz Charles gekümmert“, berichtet Hans-Peter Reimann stolz. Dass sich seine Tochter samt Familie trotz Erfolgen im Ausland im beschaulichen Streu niederließ, sei ein Glücksfall gewesen. „Andernfalls hätten wir das alles nie gemacht.“

So schön ist das ehemalige Rittergut Streu auf Rügen

Ein anderer Bewohner hat eine Weltreise hinter sich: Ein sechs Meter langes Tischtuch, aus Streuer Flachs im nahen Gingst gewebt, kam über verschiedene Wege bis nach Australien und in die USA, bevor es der Enkel des frühere Gutsbesitzers Hans Volckmann zurück in die Heimat brachte.

Hier war es einst Zeitzeuge einer Verschwörung: Das Tuch bedeckte den Tisch, an dem die Widersacher des wohl schlimmsten Diktators der Weltgeschichte konspirierten. In den Tagen vor dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 lud Hans Volckmann ranghohe Wehrmachtsoffiziere auf sein Gut nach Streu ein, zu einem als Krebsessen getarnten Geheimtreffen. Daran teilgenommen haben sollen hochrangige Persönlichkeiten wie General Otto von Stülpnagel – 1940 bis 1942 Militärbefehlshaber – in Frankreich und Generaloberst Friedrich Fromm, der bis dato Hitlers Ersatzheer befehligte.

Fotostrecke: So sah das Rittergut vor der Sanierung aus

Hans-Peter Reimann fasziniert es, dass so viel Historie in seinem Haus steckt. Um sie zu ergründen, durchforstet er gern die Geschichtsbücher. Seine eigene Vergangenheit ist nicht minder spannend. Er kommt in Hamburg zur Welt, nur wenige Wochen später bricht der Zweite Weltkrieg aus.

Rittergut Streu: So sah das Herrenhaus vor dem Umbau aus

Als die Elbmetropole im Bombenhagel versinkt, flieht die Familie nach Ostpreußen, wird von dort ins Erzgebirge zwangsevakuiert. Erst 1946 kehren sie in ihre Heimatstadt zurück, wo sie ein Leben in Armut erwartet. „Ich hab’ erlebt, was hungern heißt“, sagt Reimann.

Doch es geht bergauf: Er macht eine Lehre als Maschinenschlosser, studiert Volkswirtschaft, arbeitet nebenher im Hafen. Er heuert bei einem Schuten- und Schlepperbetrieb an, steigt bis zum Prokuristen auf und bleibt dem Betrieb bis zur Wende treu. „Aber eigentlich bin ich ein verhinderter Architekt“, sagt Reimann und lacht.

Diese Leidenschaft lebt er in Streu aus. Mit Liebe zum Detail bringen er und seine Frau unterstützt von der Familie Stück für Stück den Glanz zurück ins Gutshaus. Wichtiges Hilfsmittel: Einfallsreichtum. Der spiegelt sich im mit Öland-Stein gefliesten Entree des Mittelrisalits wider: An den Wänden stehen Kommoden, die optisch perfekt zur alten Kassettentür passen, tatsächlich aber umgearbeitete Küchenschränke eines schwedischen Möbelriesen sind. „Man muss sich zu helfen wissen“, sagt Reimann und grinst verschmitzt. Andernorts hat das Paar sehenswert Altes mit Modernem kombiniert.

Glücksgefühle am Ende der Welt

In nahezu jedem Zimmer kuschelt sich ein Kachelofen in eine Ecke, als würden sie seit Jahrhunderten dort stehen. Als Kontrast dazu haben die Reimanns Designerlampen aufgehängt, wie sie im 08/15-Lampenladen kaum zu finden sind. Die Wände ziert, was Gisa Reimann selbst schuf: Unter dem Dach hat sie sich ein Atelier eingerichtet, malt Landschaften und mehr.

Ihr Lieblingsplatz aber liegt im Erdgeschoss: die Bibliothek, an die sich der Wintergarten anschließt. Durch dessen Glaswände wiederum bietet sich ein Bild, an dem sich die Malerin nie satt sieht: Die Abendsonne schickt ihre Strahlen in Streifen durch den Gutsparkwald und setzt das Gartenhaus in Szene. Der Englandimport ist nach viktorianischem Vorbild erbaut und wird umringt von einem Cottagegarten. „Im Sommer blüht’s hier wunderschön“, schwärmt Gisa Reimann.

Momentan recken nur Schneeglöckchen ihre Köpfe aus der Erde. 3000 Meter darüber kreist ein Seeadler am Himmel. Die Abgeschiedenheit am Schaproder Bodden bedeutet Naturidylle pur. Gisa Reimann genießt das. Im Gegensatz zu den Anfangsjahren. „Ich dachte: ‚Oh Gott, mein Mann verschleppt mich ans Ende der Welt‘“, erzählt sie und lacht. Deshalb hat sie ihrem Liebsten ein Versprechen abgerungen: Bevor sie dem Hauskauf zustimmte, musste er ihr schriftlich zusichern, dass Hamburg ihr Hauptwohnsitz bleibt.

Auf Suche nach dem Silberschatz

Das ist noch immer so. Dreh- und Angelpunkt der Familie aber ist Streu. Auch Hans-Peter Reimann Schwester hat es mittlerweile hierher verschlagen: Sie lebt im früheren Verwalterhaus. Insgesamt sieben Gebäude auf dem Gutsgelände hat die Familie zu einstiger Blüte zurückverholfen, darunter das Haus, in dem die Puvogels Hund, Katz’ und Maus verarzten sowie einen Stall, dessen Boxen demnächst Patientenpferde beherbergen sollen. Das nächste Großprojekt liegt hinterm Zaun und bildet das Bindeglied zwischen Anlage und Boddenufer: der Gutspark. Der gehört zwar nur zu Teilen den Reimanns, darum kümmern wollen sie sich trotzdem.

Vielleicht stoßen sie dabei auf das, was sich Gerüchten nach irgendwo auf dem Gut befinden soll: ein Silberschatz. Den soll der ehemalige Gutsbesitzer kurz vor Einmarsch der Roten Armee vergraben haben. „Wir haben schon überall gesucht, mit Metalldetektor und Wünschelrute“, erzählt Hans-Peter Reimann. „Gefunden haben wir bislang nur Damenstrumpfhosen, Gummistiefel und Fischdosen“, ergänzt seine Frau und lacht. Das Paar kann es verschmerzen. Ihren größten Schatz haben sie sich mit dem Rittergut Streu längst selbst erschaffen.

Vom Adelssitz zum Mehrgenerationenhaus

Seit Ende des 13. Jahrhunderts war Gut Streu im Besitz der Familie von der Osten, die es im 18. Jahrhundert an die Familie von Lotzow veräußerte. Ende des 17. Jahrhunderts fiel es an die Familie von Platen, 1757 an die Familie von Bohlen, bis es 1899 in bürgerlichen Besitz von Johannes Volckmann überging. Dessen Sohn Hans Volckmann bewirtschaftete das 250 Hektar große Gut von 1922 bis 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er enteignet. Das Gut diente später als Flüchtlingsunterkunft, wurde dann unter Neubauern aufgeteilt und 1961 zur LPG Einheit Streu zusammengefasst. Das Herrenhaus war von mehreren Familien bewohnt, stand danach mehrere Jahre leer. Die Gutsanlage blieb ungenutzt, wurde in Teilen abgerissen und verfiel.

1992 verkaufte die Treuhand das Haus an private Eigentümer, die sich kaum darum kümmerten. Im Jahr 2001 erwarben die Reimanns, denen auch die Villa Sturmvogel in Binz gehört, das Herrenhaus (im 18. Jahrhundert als eingeschossiger Klinkerbau errichtet und 1871 im Stil englischer Architektur umgebaut und erweitert) und sanierten es. Die Arbeiten wurden 2007 weitgehend abgeschlossen werden. Das Gutshaus dient heute als Mehrgenerationenhaus, in dem auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden.

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