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MV aktuell Handy-Zeitalter: Hat die Telefonzelle in MV endgültig ausgedient?
Nachrichten MV aktuell Handy-Zeitalter: Hat die Telefonzelle in MV endgültig ausgedient?
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13:09 17.11.2019
Urlauberin Manuela Tiedge (49) aus Fürstenwalde telefoniert in Kühlungsborn an einer der selten gewordenen Telefonzellen im Land. Ob auch diese bald verschwindet? Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Leuchtend gelb standen sie bis in die 90er Jahre an nahezu jeder Ecke des Landes: die Telefonzellen. Oft bildeten sich lange Schlangen davor, denn für viele Menschen waren sie die einzige Möglichkeit, (unterwegs) zu telefonieren. Im Zeitalter des Mobiltelefons gelten die kleinen Häuschen heute eher als Relikt längst vergangener Tage. Doch ganz so ist es nicht: Vereinzelt sind sie in Mecklenburg-Vorpommern noch zu finden – in neuer Optik und teils mit neuer Funktion.

Vom gelben über das pink-graue Telefonhäuschen bis hin zu zweckentfremdeten Zellen, die als Klo oder Büro dienen. Die Fernsprechanlage hat in 120 Jahren eine ganz schöne Entwicklung durchgemacht und ist vielfältig einsetzbar, wie die Bilder zeigen.

Rund 18 000 Telefonzellen gibt es laut der Bundesnetzagentur noch in Deutschland. Wenig, wenn man bedenkt, dass es zehn Jahre zuvor noch 84 000 und Ende 1998 sogar 148 000 waren. Über 17 000 der noch heute existierenden Fernsprechhäuschen sind im Besitz der Deutschen Telekom. Wie viele davon in MV stehen, weiß aber noch nicht mal das Unternehmen genau. „Wir stellen nach wie vor eine bedarfsgerechte und flächendeckende Versorgung mit öffentlichen Telefonstellen sicher“, teilt Georg von Wagner, Sprecher der Deutschen Telekom, mit.

Jeder Deutsche besitzt ein Handy

Dennoch habe die Bedeutung der Telefonzelle mit dem Siegeszug des Handys natürlich abgenommen, wie von Wagner sagt. Jeder Deutsche habe statistisch gesehen mindestens ein Handy, ganz zu schweigen von einem Festnetzanschluss zu Hause. „Es gibt aber auch immer noch Orte mit einer hohen Nutzung. Flughäfen und Bahnhöfe zählen etwa dazu“, berichtet der Telekom-Sprecher. Die Zahlen der Anrufe sprechen aber für sich: 1999 wurden noch circa eine Milliarde Gespräche geführt, 2010 circa 120 Millionen. Aktuellere Erhebungen führt die Deutsche Telekom schon gar nicht mehr durch.

Abbau erst, wenn Umsatz unter 50 Euro

Immer wieder berichtete die OSTSEE-ZEITUNG in den vergangenen Jahren über den Abbau von öffentlichen Telefonstellen. Erst vor eineinhalb Wochen wurde auch in Bastorf bei Bad Doberan durch die Gemeindevertreter beschlossen, das letzte Gerät abzubauen. „Wenn wir einen Standort aufgeben möchten, brauchen wir dafür grundsätzlich das Einverständnis der jeweiligen Kommune und der Bundesnetzagentur“, erklärt von Wagner. Den Vorschlag machen darf die Deutsche Telekom aber ohnehin erst, wenn der Umsatz eines öffentlichen Fernsprechers unter 50 Euro im Monat sinkt, denn das Unternehmen hat einen Grundversorgungsauftrag, dem es nachkommen muss. „Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung offensichtlich nicht mehr besteht“, meint der Telekom-Sprecher.

Die Telefonzelle – eine 120-jährige Geschichte

Vor 120 Jahren, also 1899, wurden die ersten Telefonhäuschen mit Münzfernsprecher in Betrieb genommen.

Die erste Telefonzelle gab es bereits 1881. Sie funktionierte allerdings nicht mit Münzen, sondern mit sogenannten Telephon-Billets – Fernsprechscheinen à fünf Minuten Gesprächszeit –, die man für 50 Pfennig kaufen konnte.

Verbreitet warendie Telefonzellen erst ab den 20er Jahren. Die Nachfrage war deutlich größer als das Angebot und es bildeten sich endlos lange Schlangen vor ihnen.

1927 wurde die Bezeichnung „Fernsprechhäuschen“ amtlich festgelegt, im Volksmund durchgesetzt hat sich aber die „Telefonzelle“.

Ab 1932 mussten die Häuschen in den Farben der Deutschen Reichspost – Gelb und Blau – gestrichen werden. Rein gelb wurden sie erst nach dem Krieg. Mit der Gründung der Deutschen Telekom 1992 wurden immer mehr gelbe Telefonzellen abgebaut und durch die pink-grauen Häuschen ersetzt.

Ein Anruf kostet heute innerhalb des deutschen Festnetzes 50 Cent in der ersten Minute und dann 10 Cent je weitere angefangene Minute. Zu Mobilfunkgeräten liegt die erste Minute bei 80 Cent und dann je 15 Sekunden bei 10 Cent. Eine SMS beläuft sich auf 15 Cent.

Kühlungsborner Zelle von Touristen frequentiert

Die gelben Häuschen sind schon lange aus dem Stadtbild verschwunden. Im Frühjahr ist schließlich auch die letzte Telefonzelle in der Farbe der Deutschen Post vom Ufer des bayrischen Königsees abtransportiert worden. Ihre Nachfolger, in den Farben der Telekom – Pink und Grau –, sind ebenso kaum noch zu sehen. Üblich sind wenn, dann einfache, teilweise überdachte Säulen. Auch im Ostseebad Kühlungsborn ist so eine zu finden – an der Straße Zur Seebrücke. „Das ist eher ein kleiner Kasten als eine Telefonzelle“, meint die Inhaberin des nahe gelegenen Teehauses. Doch eine Mitarbeiterin des Bekleidungsgeschäfts „Wellensteyn“ berichtet: „Im Sommer wird die auf jeden Fall noch häufig benutzt. Wenn die ganzen Touristen da sind.“

„Manchmal ersetzen wir Telefonzellen durch günstigere Basistelefone“, erzählt von Wagner. Diese an einer Stele befestigten Geräte sind lediglich auf Kartenzahlung ausgelegt und stehen überwiegend zum Wählen kostenloser Nummern zur Verfügung. Strom benötigen sie im Gegensatz zu richtigen Telefonzellen nicht. „Wir müssen auch wirtschaftlich denken, denn Fernsprechhäuschen kosten das Unternehmen Geld. Vor allem der Strom, die Standortmiete und Wartungen fallen ins Gewicht“, erklärt der Telekom-Sprecher.

Neue Dienste steigern Bedeutung

Dennoch haben die öffentlichen Telefonstellen, laut von Wagner, nach wie vor einen hohen Stellenwert für die Deutsche Telekom. „Neue Dienste und Produkte steigern wieder ihre Bedeutung“, betont er. So könne man über die Geräte beispielsweise SMS verschicken. Einzelne Telefonstationen dienen außerdem als WLAN-Hotspot – bundesweit 2000 Stück. „In Kooperation mit dem öffentlichen Nahverkehr ist es an manchen Stationen auch möglich, Fahrgastinformationen abzurufen, sogenannte Rufbusse an abgelegene Haltestellen zu rufen oder elektronische Fahrscheine zu kaufen“, zählt von Wagner weiter auf.

Kauf und neue Nutzung möglich

Die ausgedienten Telefonzellen kommen im Übrigen in ein Lager nahe Michendorf (Brandenburg). Dort dienen sie entweder als Ersatzteillager oder können auch von Privatpersonen erworben werden. 450 Euro koste, laut Telekom, ein pink-graues Häuschen. Allerdings müsse sich der Käufer selbstständig um den Abtransport des circa 330 Kilogramm schweren Häuschens kümmern. Einige Leute scheinen die Kosten und den Aufwand aber zu scheuen. In MV fungieren ausrangierte, meist gelbe Telefonzellen heute beispielsweise als sogenannte Bücherzelle. Dort kann man sich kostenlos Bücher ausleihen oder tauschen. In Stralsund, in Wustrow auf Fischland-Darß-Zingst, in Stahlbrode im Landkreis Vorpommern-Rügen oder in Thandorf in Nordwestmecklenburg können solche Mini-Bibliotheken unter anderem besucht werden.

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