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00:00 31.05.2018
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Stralsund

Manuela Schüler sitzt auf einem Hocker vor der Ausgabestelle der Stralsunder Tafel und raucht. „Ich bin unzufrieden mit der Entwicklung des Stadtteils“, sagt die 46-Jährige. „Früher war es ruhiger hier, aber jetzt werden die Ausländer nachts munter und feiern.“ Ja, sie hat gewählt: „Nur so kann ich etwas verändern.“

Im Stralsunder Stadtteil Grünhufe beteiligten sich so wenige Menschen wie nirgendwo sonst an der Landratswahl. Die OZ war vor Ort und hat gefragt, warum.

Stralsund Grünhufe

Der Stadtteil Grünhufe liegt im Westen von Stralsund und besteht aus den Vierteln Stadtkoppel, Vogelsang, Grünthal-Viermorgen und Freienlande. Insgesamt lebten in Grünhufe Ende vergangenen Jahres 6565 Einwohner, Tendenz steigend (2015: 6307). Das Viertel hat einen hohen Ausländeranteil und überdurchschnittlich viele junge Bewohner.

Angelika Nahrhaft (37) ist am vergangenen Sonntag nicht zur Landratswahl gegangen. „Ist doch egal. Es wird sich sowieso nie was ändern.“ Vor acht Jahren ist sie von Magdeburg nach Grünhufe gezogen.

Sie hat angefangen bei der Tafel ehrenamtlich auszuhelfen. „Bevor ich zu Hause rumsitze, helfe ich lieber.“ Nun hat sie eine richtige Stelle für 20 Stunden wöchentlich.

Beide Frauen und ihre Nachbarn waren aufgerufen, in der Integrierten Gesamtschule Grünthal ihre Stimme abzugeben. Tatsächlich gewählt haben in diesem Stralsunder Stadtteil nur wenige: 9,4 Prozent aller Wahlberechtigten.

Gibt es für den eklatanten Unterschied im Verhalten der Menschen eines Stadtteils gegenüber der Zahl aller Wähler eine Erklärung? Vor Ort wird deutlich, dass sich keine einfache Antwort darauf findet.

In Grünhufe ist städtebaulich viel passiert: Es gibt Parkplätze, einen Skaterpark und Vogelgezwitscher. Durch Rückbau von Wohnblöcken sind Blickachsen entstanden. Nur der zweite Blick offenbart kleine Details: Auf vielen Bänken stehen leere Bierflaschen.Trotz besten Wetters sind die Spielplätze und Parkanlagen leer.

„Kommen Sie rein, wir sind der Stadtteil“, ruft Verena Schmidt, Stadtteilkoordinatorin, herzlich. Im Nachbarschaftszentrum in der Auferstehungskirche treffen sich an diesem Vormittag 16 Akteure zu einer Beratung. Jorinde Gustavs, Künstlerin, die seit 50 Jahren in Grünhufe lebt, schiebt hinterher: „Aber kommen Sie nicht, um uns zu beurteilen!“ Schnell wird klar: Hier sitzen Macher. Zügig geht es um das Kinderfest, das Sommerfest, die interkulturelle Woche und die genehmigte Stelle für einen Streetworker.

Polizeihauptmeister Winfried Rook präsentiert in der Runde aktuelle Zahlen: „Es passiert hier weniger, als anderswo in Stralsund. Wir haben letztes Jahr 97 Straftaten registriert, 36 weniger als 2016.“ Achselzuckend ergänzt er: „Trotzdem ist die empfundene Unsicherheit der Menschen groß.“

Hilft ein Blick auf noch mehr Zahlen, um die Ursache der Wahlmüdigkeit zu finden? Grünhufe teilt sich in zwei Bereiche: Einerseits Häuser im Grünen und auf der anderen Seite die Plattenbausiedlung mit 4000 Einwohnern. In Letzterer ist jeder Dritte unter 18. „Wir freuen uns, dass hier so viele junge Menschen leben“, sagt Thomas Nitz, Leiter des Nachbarschaftszentrums, „aber es gibt kaum Angebote für Jugendliche und es fehlt ein Gegengewicht“. Er weist auf eine weitere Zahl hin: „Der Seniorenanteil in der Platte in Grünhufe liegt nur bei zehn Prozent. Das sind anderswo die klassischen Wähler, die fehlen uns.“

Vieles ist in Grünhufes Plattenbauten anders als in der Innenstadt: Fast die Hälfte der Bewohner bekommt Transferleistungen. Der städtische Durchschnitt sind 16 Prozent. Der Anteil der Flüchtlinge liegt bei 19 Prozent. In ganz Stralsund sind es 5,7 Prozent.

Thomas Nitz ist stolz auf seine Grünhufer und sagt: „Die Bevölkerung hat eine große Integrationsleistung vollbracht. Die letzte Einwohnerversammlung war gut besucht. Die Menschen interessieren sich für ihren Stadtteil, haben ihn nicht aufgegeben.“ Und man möchte anfügen: Nur die Politik haben sie aufgegeben.

Juliane Radike

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