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MV aktuell Auf Hochglanz-Tour durch Sibirien mit Gazprom
Nachrichten MV aktuell Auf Hochglanz-Tour durch Sibirien mit Gazprom
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19:06 31.05.2019
Bovanenkovo, Sibirien: 1500 Arbeiter leben in der Kleinstadt, die Gazprom errichtet hat, um noch mehr Gas nach Europa zu pumpen. Dazu gehört eine orthodoxe Kirche, in der gebetet werden kann. Quelle: Frank Pubantz
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Bovanenkovo

 Die Erde, unendliche Weiten. Kein Baum, kein Strauch wächst in der Tundra auf der russischen Halbinsel Jamal, 400 Kilometer oberhalb des nördlichen Polarkreises. Schneebedeckt ist der Boden, acht Monate Winter finden bald ein Ende. Dann taut der obere Teil der 250 Meter dicken Permafrostdecke. Von hier kommt politischer Sprengstoff, der Europa und einen großen Teil der Welt seit Monaten in Atem hält. Russisches Erdgas, das über die Ostsee-Pipeline Nord Stream in Lubmin bei Greifswald anlandet – geht es nach dem Willen des russischen Erdgaskonzerns Gazprom mit Nord Stream 2 bald in doppeltem Volumen: 110 bis 120 Milliarden Kubikmeter pro Jahr.

Vize-Produktionschef: Ein „Privileg“, hier zu arbeiten

Gas, von dem viele Menschen Vorteile hätten, sagt Viktor Moiseev. Die Arbeiter, die Verbraucher in Europa. Rund 1500 Euro verdiene ein Arbeiter in Bovanenkovo, einem kleinen Städtchen, das Gazprom mitten in der unwirtlichen Tundra errichtet hat. Es sei ein „Privileg“ hier zu arbeiten. Die Arbeiter kämen gern.

Viktor Moiseev, stellvertretender Produktionschef von Gazprom in Bovanenkovo, lobt die Bedingungen vor Ort. Quelle: Frank Pubantz

Moiseev ist Vize-Produktionschef für Gazprom in Bovanenkovo. Er sieht nicht aus, als ob er oft und lange den eisigen Winden im nördlichen Sibirien ausgesetzt ist. Er selbst wohne in Nadim, einer Stadt südlich der Halbinsel Jamal. Das gasförmige Gold gebe es aber vor allem weiter nördlich, drei Gasfelder hat Gazprom bereits erschlossen, das größte Vorkommen Russlands. Die Halbinsel sei so groß wie Frankreich, Dänemark und die Schweiz zusammen.

Viktor Moiseev führt über ein Gasfeld, zeigt Bohrturm, Förderanlagen und Speicherkessel, den Weg des Gases aus 1700 Meter Tiefe bis zum Abtransport. Er muss mit seinen Armen kräftig ziehen, um die hohen Stufen zum Kamaz, einem gewaltigen Lkw, zu erklimmen, der Besucher über viele Kilometer zu verschiedenen Anlagen bringt.

Es seien harte Bedingungen für die rund 1500 Arbeiter hier. Zwölf-Stunden-Arbeit in Schichten. 30 Tage am Stück, dann 30 Tage frei. Das Härteste aber seien die Bedingungen. Bis zu minus 50 Grad im Winter, dazu kaum Tageslicht. Im Sommer kämen die Mücken in Scharen. „Es gibt Tage, an denen kommt erst um 11 Uhr die Sonne raus, um 12 geht sie schon wieder unter“, sagt Moiseev. Das macht den Job psychisch zur Knochenarbeit. Und dennoch sei er überzeugt: Es lohne sich, hier zu arbeiten. Gazprom kümmere sich um seine Leute. Derzeit gibt es weiße Nächte.

Kleinstadt mit Kirche, Schwimmbad und Klinik

Das wird bei der Fahrt durch Bovanenkovo deutlich. Eine kleine Stadt mitten im Eis. Von Weitem leuchtet golden die Kuppel einer orthodoxen Kirche. Drinnen türmen sich die Heiligenbilder; wie auf Bestellung erscheint ein Gazprom-Arbeiter, bekreuzigt sich und betet. Unweit entfernt steht eine Poliklinik, nagelneu und so sauber, dass es schwerfällt, hier ärztliche Behandlung zu vermuten. Ein Arzt erscheint, führt durch mehrere Stationen. Vier Mediziner gebe es hier, „Spezialisten“, dazu diverse Schwestern. Er zeigt Röntgengerät und Zahnarztstuhl. Man könne vieles leisten, auch für die Zivilbevölkerung der Halbinsel. Kostenlos, versichert der Arzt – und spricht von „sozialer Verantwortung Gazproms“.

Gas wird aus 1700 Meter Tiefe gefördert

Die Führung geht weiter. Viktor Moiseev präsentiert stolz Häuser für die Arbeiter. Im 25-Meter-Schwimmbad ziehen einige Männer ihre Bahnen. In einer neuen Sporthalle spielen andere Fußball: zwei gegen zwei, mit verschiedenfarbigen Leibchen. Bedingungen wie auf einem Olympiastützpunkt. Es gibt ein Lesezimmer mit Büchern, einen Wintergarten zum Entspannen, einen riesigen Fitness- und einen Billardraum, in dem alle Kugeln auf dem Tisch liegen. Wie unberührt. „Showtime“, witzelt ein Journalist der Besuchergruppe. Arbeiter dürfen nicht befragt werden. Perfekte Welt. Als draußen ein Polarfuchs auftaucht, juchzt eine Dolmetscherin vor Entzücken.

Zwischenstopp: Gazprom führte westliche Journalisten durch die Gasförderanlagen in Sibirien. Quelle: Frank Pubantz

Der Konzern Gazprom hat Bovanenkovo offensichtlich auch erbaut, um Wirkung zu erzeugen. Um zu zeigen: Hier ist weit mehr geplant. Im Besucherzentrum gleich neben einem großen Konzertsaal fährt Igor Melnikov, Produktionschef vor Ort, ein Modell der Halbinsel Jamal hoch. Zu sehen sind kleine Bohrtürme, verschiedene Gesteinsschichten, die zur Erdgasgewinnung zu durchbohren sind. Bei 1700 Metern Tiefe sei man derzeit. Je tiefer es geht, desto höher werde der Druck, erklärt Moiseev.

Wie das geht, lässt er auf dem Gasfeld demonstrieren. Bis zu 50 Tage dauere es, bis der Bohrer das Erdgas erreicht. Später werden die Förderstellen zu Clustern, Netzwerken, verbunden. Das Gas gelangt über lange Leitungen zur Reinigung, Kompression und Aufbereitung. In Schaltzentralen überwachen Mitarbeiter die technischen Abläufe.

Programm endet mit Präsentation der Jamal-Nenzen

Der Kamaz rollt über eine holperige Straße. Dann passiert er einen Fluss, der „Dirty Water“, schmutziges Wasser, genannt werde. Grund sei die gelbliche Färbung, die vom Sand stamme. Bovanenkovo funktioniere im Einklang mit Natur und indigenen Bewohnern der Halbinsel, versichert Moiseev. Für Rentierherden gebe es Passagen in den Gasfeldern. Am firmeneigenen Flughafen angekommen, lässt der Gazprom-Mann eine Dolmetscherin mehrmals hervorheben, was die Besucher nicht verpassen dürften: In der Wartehalle haben Nenzen, Ureinwohner der Halbinsel, eine Art Camp aufgeschlagen. Ein Mädchen gerbt Fell mit der Hand, ein Mann singt, eine Frau verkauft Rentierfilet. Sie will kein Bargeld, lieber eine Kreditkarte.

Klotzen statt kleckern – nach dieser Devise hat der russische Staatskonzern Gazprom sein Camp für die Gasförderung auf der Halbinsel Jamal gebaut. Von hier strömt das Gas der Nord-Stream-Pipeline nach Lubmin.

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Frank Pubantz

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