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MV aktuell „Schwerin ist die Stadt meiner Angst“
Nachrichten MV aktuell „Schwerin ist die Stadt meiner Angst“
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11:39 23.01.2019
Batsheva Dagan (93), eine Holocaust-Überlebende, die heute in Israel lebt. Sie ist Kinderpsychologin und Kinderbuchautorin und spricht mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland über den Holocaust. Regelmäßig besucht sie auch MV. Quelle: Virginie Wolfram
Schwerin

Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel, als Batsheva Dagan am Montag im Zug nach Schwerin sitzt. Und ganz plötzlich spürt die 93-jährige Frau, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken läuft, der nichts mit den Minusgraden zu tun hat. Es ist die Erinnerung, die sie erschaudern lässt. „Die Welt war weiß - auch damals“, sagt sie. Die ganze Fahrt über lassen sie die Gedanken an Auschwitz nicht mehr los. Sie war eine der Zehntausenden Häftlinge, die am 18. Januar 1945 aus dem deutschen Vernichtungslager Auschwitz evakuiert und auf einen Todesmarsch in Richtung Westen getrieben wurden. Damals war die polnische Jüdin 20 Jahre alt.

Heute ist sie 93 Jahre, lebt in Israel und ist eine der letzten Überlebenden des Holocausts, die mutig gegen das Vergessen anspricht.

„Ich bin die einzige, die die Besatzungszeit von uns überlebt hat“

Das sechs Jahre andauernde Martyrium der Frau – es ist kaum in Worte zu fassen. Nach der vergleichsweise unbeschwerten Kindheit als eines von neun Kindern in Lodz, folgten die schwere Zeit im großen Ghetto in Radom, die Flucht nach Deutschland, wo sie mit falschen Papieren untertauchte, und letztlich der Verrat ihrer Identität. Sechs Gefängnisse durchläuft sie, im Mai 1943 kommt Batsheva Dagan nach Auschwitz, danach ins KZ Ravensbrück und in die KZ-Außenstelle Malchow bei Schwerin, dann erst die Befreiung. Auf dem langen Weg zur Freiheit verliert sie ihre Eltern, die in Treblinka vergast werden und sechs Geschwister. „Ich bin die einzige, die die deutsche Besatzungszeit überlebt hat“, berichtet die Jüdin. Zwei ältere Brüder haben es noch vor der Besatzung geschafft, nach Palästina zu entkommen.

Batsheva Dagan (93) ist eine Holocaust-Überlebende, die heute in Israel lebt. Die Kinderbuchautorin spricht mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland über den Holocaust. Regelmäßig besucht sie auch MV. Quelle: Virginie Wolfram

20 Monate hat sie in Auschwitz überlebt. Die Erinnerungen sind kaum verblasst, sie erzählt die Details von ihrer Ankunft, als wäre es gestern gewesen. „Ich kam dort an, die Schutzhäftlinge bildeten einen Gang und zeigten mit ihren Händen eine Scherenbewegung. Das hieß: Haare ab. Ich hatte damals Zöpfe, eine Art Gretchenfrisur. Sie haben mir eine Glatze rasiert, einen Lumpen auf den Kopf gesetzt und ich musste alles ausziehen. Ich bekam die Uniform eines toten russischen Soldaten. Die trug ich auf der Haut, ohne Unterwäsche“, erzählt die heutige Israelin. Auf ihren Arm wird eine fünfstellige Nummer tätowiert: 45554.

„Diese Nummer ist mein Schicksal, meine Glückszahl, denn sie war ein Zeichen, dass ich vielleicht in Auschwitz überleben durfte. Ich war zum Arbeiten eingeteilt“, sagt sie und streicht fast zärtlich über die Stelle, an der die dunklen Ziffern in die Haut gebrannt wurden. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Viele verstehen das nicht, was die Zahl mir bedeutet. Aber ich lebe und das ist mein Sieg.“

Die Arbeiten, die die junge Batsheva in Auschwitz zu erledigen hatte, fallen ihr entsetzlich schwer. Sie muss die Habseligkeiten der Toten sortieren. Dabei findet die 18-Jährige auch viele Bilder von ihren früheren Lehrern. Die Schicksale beschäftigen sie. Batsheva muss Brennnesseln pflücken mit bloßen Händen, bis ihre Finger bluten. Nachts in ihren Träumen verfolgen sie die Bilder der Gaskammern. „Ich habe die ganze Prozedur gesehen. Sie mussten sich nackt ausziehen. Dann wurde Gas eingeleitet. Am Anfang hörte man das Geschrei. Dann plötzlich war nur noch Stille. Das Sonderkommando hat die Leichen rausgeschleppt und vor dem Tor aufgetürmt und später verbrannt.“

In Angst zu leben, ist der schlimmste Fluch

Auch vor der Zeit in Auschwitz führte das Mädchen ein Leben der Angst. Nach ihrer Flucht aus dem polnischen Ghetto besorgte sie sich gefälschte Papiere, gab sich als katholische Polin aus und arbeitete – ausgerechnet – bei einer Nazi-Familie in Schwerin als Dienstmädchen. „Es gibt keinen größeren Fluch als mit Angst zu leben. Schwerin ist die Stadt meiner Angst. Jede Minute dort hatte ich Angst aufzufliegen. Dort war ich nicht ich, sondern lebte eine Lüge“, sagt sie.

Im Haushalt eines Landgerichtsdirektors sei es jeden Morgen ihre erste Aufgabe gewesen, das große eingerahmte Porträt von Adolf Hitler abzustauben. Sie heizte ein, umsorgte die Damen beim Kaffeekränzchen. In den letzten Kriegsmonaten kehrte sie mit einer Freundin zu dem Haus zurück. Die Familie war nach Hamburg geflohen, hatten aber die Großmutter zurückgelassen. Nach Dagans Erzählungen erblasste die Frau, als sie die junge, totgeglaubte Jüdin wiedersah. Dann eilte sie in ihre Wohnung und kramte ein Bild des Mädchens hervor. „Das habe ich aufbewahrt“, habe sie ihr gesagt. Und: „Hitler hat uns alle betrogen.“ Es sei bis heute das einzige Foto aus ihrer Kindheit und Jugend.

Batsheva Dagan (93) ist eine Holocaust-Überlebende, die heute in Israel lebt. Das ist ihr neuestes Buch (Übersetzt: „Von hier nach dort im Verlauf der Zeit“), das jetzt in Hebräisch erschienen ist. Quelle: Virginie Wolfram

Jüdin spricht heute acht Sprachen fließend

Jahre später hat Batsheva Dagan das Haus wieder besucht. Auch Briefe der Versöhnung mit dem Urenkel des Landgerichtsdirektors hat es gegeben. „Mit Schwerin bin ich tief verbunden.“ Heute hat sie dort auch Freunde und Weggefährten gefunden.

Seit 2002 ist die Holocaust-Überlebende regelmäßig in MV. Ihr Deutsch ist auch nach all der Zeit hervorragend. Acht Sprachen spricht sie fließend. Polnisch und Jiddisch sind ihre Muttersprachen. Neben der Freundschaft und der Hilfsbereitschaft zu den Mitgefangenen, die sie die schrecklichen Kriegsjahre überstehen ließen, waren es auch Sprachen, die sie am Leben hielten. „Um zu überleben, habe ich mir Inhalte für die Seele gesucht“, sagt die 93-Jährige. Mit einer Mitgefangenen büffelte sie Französisch, bis sie es fließend beherrschte. Sie sog Gedichte und Lieder in ihr Gedächtnis auf, die sie teilweise heute noch wiedergeben kann.

Gestern hat Batsheva Dagan in Schwerin eine Rede gehalten, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Vor den Teilnehmern der Veranstaltung steht eine kleine, zierliche Seniorin, die sich ihre braunen Haare zu Locken frisiert, glänzenden Lippenstift, auffällige Ohrringe und Ringe trägt. Ihre zarten Hände sind gepflegt, ihre vielen Gesten ausdrucksstark. Wer ein vor Gram und Schmerz gezeichnetes Gesicht vermutet, wird eines Besseren belehrt. Weiche sanfte Falten und sehr wache, nachdenkliche Augen prägen dieses Gesicht. Wut, Bitterkeit und Hass sucht der Beobachter bei dieser Frau vergeblich.

„Es tut weh darüber zu sprechen, aber es ist meine Pflicht“

Die Erinnerungen an die Nazi-Zeit, sie schmerzen die Kinderbuchautorin. Besonders als das Gespräch auf ihre Schwester Anna kommt. Ein Schatten huscht über ihr Gesicht, als sie einen alten Brief ihrer großen Schwester erwähnt. „Anna war meine spirituelle Mutter, hat meine Aufsätze korrigiert, freute sich, dass ich so gut in der Schule war.“ Dagans Stimme bricht, Tränen schimmern in ihren Augen. Sie schluchzt kurz und leise.

„Es tut weh, aber es ist meine Pflicht darüber zu sprechen. Wir haben uns alle damals versprochen, wenn wir es überleben, dann soll die Welt von unserer Geschichte erfahren“, sagt Batcheva dann wieder mit fester Stimme. Deshalb besucht die Jüdin seit Jahrzehnten Deutschland und auch Mecklenburg-Vorpommern immer wieder. Trotz ihres hohen Alters und der Reisestrapazen nimmt sie den Weg auf sich, um der jungen Generation, den Schülern, ihre Erlebnisse zu schildern. „Genau wie meine Bücher kostet das Tränen und Energie. Aber es muss sein.“ Ihre Lebensaufgabe sei es, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt aus dem Trickfilm «Chika, die Hündin im Ghetto». Das Buch der Holocaust-Überlebenden Batsheva Dagan war die Vorlage zu einem gleichnamigen Trickfilm für Kinder, der erst vor einigen Tagen für den Grimme-Preis nominiert wurde. Quelle: TRIKK17/dpa

Ihre Enkel würden sie manchmal fragen, warum sie es sich immer antue wieder nach Deutschland zu fahren. Die Antwort darauf kommt ihr leicht über die Lippen: „Diese Generation ist nicht verantwortlich für die Vergangenheit, hat aber Verantwortung für das, was jetzt und künftig geschieht. Deshalb will ich mit ihnen reden.“ Batsheva Dagan ist eine Botschafterin für Toleranz, Respekt und Menschlichkeit.

Und plötzlich kommt doch ein kleiner Funken Ärger auf, als sie weiter spricht. „Ich habe alles gesehen, die Gaskammern und die Leichenberge, mir kann man nicht sagen, dass die Schoah nicht wahr ist“, sagt sie in Richtung der Holocaustleugner, die auch in Deutschland wieder öfter Gehör finden. „Diese Entwicklungen in Europa sind traurig, dass es Neonazis in die Gesellschaft zurückschaffen, sie sollten sich schämen. Es ist schrecklich, was zur Zeit passiert. Und ich kann es nicht verstehen, wie können Menschen diese furchtbare Vergangenheit einfach leugnen?“

Nach dem Ende ihrer Nazi-Odyssee zieht es Batsheva Dagan nach Brüssel. Dort lernt sie einen britischen Soldaten kennen und lieben. Sie heiraten und ziehen im Herbst 1945 nach Palästina. Seit nunmehr 73 Jahren ist Holon in Israel ihre Heimat. „In Europa konnte und wollte ich nicht mehr leben.“ Zwei Kinder kommen hinzu. Ein weiterer Schicksalsschlag: 1953 stirbt Dagans Mann. Fortab sorgt die Kindergärtnerin selbst für ihre Familie. Sie studiert Psychologie, schreibt Kinderbücher, die den Jüngsten den Holocaust erklärt, hält Vorträge, diskutiert mit Schülern, gewinnt Preise für ihr Engagement. Unter anderem trägt sie das Bundesverdienstkreuz.

Nazis löschten Familie fast aus – heute ist die Familie wieder groß

Ihre Kinderbücher über den Holocaust wie „Chika, die Hündin mit Ghetto“ haben alle ein Happy End. „Das war ich den Kindern schuldig, damit sie ihren Glauben an Gott und die Menschen nicht verlieren“, meint die Autorin. Aus der Geschichte entstand ein Zeichentrickfilm, der 2016 in Wismar Premiere feierte und nun weltweit Preise einheimst. Erst vor einigen Tagen wurde der Animationsfilm auch für den Grimme-Preis nominiert.

Inzwischen ist Batsheva Dagan zehnfache Oma, und sagenhafte 25-fache Uroma. “Ich habe wunderschöne Enkel“, sagt die Kinderpsychologin und strahlt über das ganze Gesicht. Ihre große Familie, in die sie einst hineingeboren wurde, wurde von den Nazis fast komplett ausgelöscht. Aber jetzt, im Lebensabend angekommen, kann sie durch ihre Söhne wieder voller Stolz auf ein große Familie blicken. Die Namen ihrer Enkel weiß sie mit 93 Jahren noch aus dem Effeff. Denn eines ist ihr nach Auschwitz wichtig geworden: die Namen der Menschen im Gedächtnis zu behalten. Damit nie wieder jemand nur eine Nummer im System ist, wie sie damals die 45554.

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Virginie Wolfram

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