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Horror-Unfall auf A 20: Wie zehn Sekunden Blindflug viele Leben zerstörten

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19:10 09.12.2019
Svend J. wurde zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Quelle: Stefan Sauer
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Stralsund

„Das war ein Fall mit ganz großer Tragik und ganz großen Emotionen“, fasste der Richter in seiner Urteilsbegründung den Prozess treffend zusammen. Ein dänischer Autofahrer hatte im August 2018 an der Baustelle am A-20-Loch bei Tribsees fahrlässig einen Unfall verursacht, der zwei Menschenleben forderte.

Doch nicht nur die Leben der beiden Todesopfer wurden zerstört: Auch die Hinterbliebenen und der Todesfahrer selbst werden wohl noch lange mit den Folgen zu kämpfen haben. Verurteilt wurde der 37-Jährige zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung und je 2500 Euro Schmerzensgeld an die Familien der Opfer.

Häufchen Elend auf der Anklagebank

Der Angeklagte Svend J. entspricht ganz dem Klischee eines dänischen Wikinger-Nachfahren: Ein Bär von einem Mann mit vollem Bart und kräftiger Statur. Doch was da auf der Anklagebank im Stralsunder Amtsgericht saß, war eher ein Häufchen Elend als ein tapferer Recke. Der 37-Jährige, der selbst bei dem Unfall schwer verletzt wurde, humpelte in den Gerichtssaal, sein Gesicht drückte den ganzen Schmerz aus, den er den Hinterbliebenen, aber auch sich selbst mit seiner Fahrlässigkeit angetan hatte. Immer wieder weinte er.

Der Sachverständige der Dekra zeigte in erschreckenden Details, was am 5. August 2018 passiert war: Am A-20-Loch hatte sich wie so oft ein Stau gebildet. Es war ein heller, trockener Tag mit bester Sicht. Doch aus Gründen, die im Prozess nicht geklärt werden konnten, raste der Angeklagte mit bis zu 160 Stundenkilometern fast ungebremst in das Stauende.

Auto der Opfer flog „wie Pingpong-Ball“ durch die Luft

Der zwei Tonnen schwere Geländewagen ließ das kleine Auto der Opfer „wie einen Pingpong-Ball“, wie es der Richter formulierte, durch die Luft fliegen. Auch mehrere andere Fahrzeuge wurden getroffen, insgesamt wurden vier Menschen verletzt.

Das Auto, in dem die 34 und 31 Jahre alten Todesopfer – zwei Frauen aus Rostock – saßen, wurde bei dem Crash auf die Hälfte seiner Länge zusammengeschoben. Auch der Wagen des Unfallverursachers war total demoliert. Dieser sagte vor Gericht, er könne sich nicht an den Unfall selbst oder an die Warnblinker am Stauende erinnern.

Hat Svend J. auf sein Handy geschaut?

Der Gutachter rechnete vor: Mindestens 300 Meter vor dem Unfall war das Stauende deutlich zu erkennen. Das hätte sogar ohne Vollbremsung reichen müssen, um den Unfall zu vermeiden. Doch bis zu zehn Sekunden lang hatte Svend J. nicht reagiert – wie im Blindflug. Erst etwa 60 Meter vor dem Crash stieg er in die Bremsen. „Es gab einen sehr deutlichen Reaktionsverzug, der für mich nicht erklärbar ist“, so der Gutachter.

Da der Angeklagte sich nicht erinnerte, spekulierten die Anwälte der Nebenklage, die die Mütter der Opfer vertraten: Hatte Svend J. vor dem Unfall vielleicht auf sein Handy geschaut? Es lag jedenfalls nach dessen eigener Aussage immer griffbereit neben dem Fahrersitz und es gab keine Freisprecheinrichtung.

Die jungen Frauen saßen in einem Kleinwagen, als am Sonntag ein Mann mit hoher Geschwindigkeit auf das Stauende vor der A-20-Großbaustelle auffuhr. Sie starben noch an der Unfallstelle. Vier weitere Menschen wurden schwer verletzt.

Wichtigstes Beweisstück fehlte

Doch diese Frage wird wohl nie geklärt werden: Wie sich im Prozess herausstellte, waren die Verbindungsdaten des Handys nie ausgelesen worden. Noch irritierender: Keiner der Prozessbeteiligten wusste überhaupt, wo sich das Gerät, das die Polizei nach dem Unfall sichergestellt hatte, inzwischen befindet.

Was jedoch im Prozess deutlich wurde, war das menschliche Leid auf allen Seiten: Die Mutter einer der getöteten Frauen war im Saal. Sie weinte fast die ganze Zeit. Dem Richter sagte sie: „Wir waren wie Geschwister, wie Freunde.“

Getötete junge Frauen wollten heiraten

Die beiden jungen Frauen, die gemeinsam starben, waren ein Paar. Verlobt waren sie schon, die Hochzeit war geplant. „Aber dann kam der große Knall“, sagt die Mutter mit schwacher Stimme. Sie arbeitet in einem Heim, in dem es immer wieder vorkommt, dass Bewohner sterben. Wenn das passiert, kann sie nicht mehr weiterarbeiten. „Ich sehe dann immer meine Franzi da liegen.“

Die Kontaktaufnahmen des Todesfahrers zu den Hinterbliebenen waren etwas holprig, litten unter der Sprachbarriere. Mit Franzis Mutter konnte sich Svend J. einige Male über einen Messengerdienst schreiben. Dabei versuchte er, sich zu entschuldigen. „Ich bin dir dafür sehr dankbar. Was passiert ist, tut mir sehr leid, es schmerzt mich sehr“, sagte er an sie gewandt im Prozess.

Angeklagter appelliert an Gericht

Eine der jungen Frauen wurde auf See bestattet, die Angehörigen gedenken ihrer regelmäßig an der Warnemünder Mole. Als Svend J. zuletzt in Rostock war, ging er auch dorthin, warf einen Stein ins Wasser. „Ich hoffe, dass Sie mich nicht nur als Unfallfahrer sehen, sondern als Mensch, der Anteil nimmt“, so seine letzten Worte vor Gericht.

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Von Axel Büssem

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