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MV aktuell Hotels oder Ferienwohnungen? Boltenhagen sucht nach einem Profil
Nachrichten MV aktuell Hotels oder Ferienwohnungen? Boltenhagen sucht nach einem Profil
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15:00 17.08.2019
Boltenhagen aus der Luft: Im Moment gibt es lediglich drei Hotels in dem Ostseebad. Das soll sich bald ändern. Quelle: Deutsche Luftbild GmbH
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Boltenhagen

Boltenhagen hat ein Problem.“ Mit diesen Worten beginnt Heidi Clausen ihre Führung durch das Ostseebad. Gemeinsam mit 20 Touristen steht sie vor dem Seehotel „Großherzog von Mecklenburg“ – einem von nur drei Hotels im Ort. „Nach der Wende konnte man sich nicht entscheiden. Will man mehr Hotels oder mehr Ferienwohnungen?“, sagt Clausen.

Letztendlich wurde die Entwicklung dem Markt überlassen – und der entschied sich für Ferienwohnungen. Rund 10 000 Betten gibt es heute in Boltenhagen, 80 Prozent davon in Ferienwohnungen – und von denen stehen viele außerhalb der Hauptsaison leer. Daher setzt der Ort jetzt auf weitere Hotelansiedlungen, die das ganze Jahr über attraktiv sein sollen.

Das Ostseebad Boltenhagen steht heute vor großen Veränderungen. Wo, wer und wie? Die Vorhaben in Bildern:

Die Ostseeallee führt einmal fast durch ganz Boltenhagen. Sie ist nicht nur die Hauptverkehrsader des langgezogenen Ostseebades, sondern an ihr wird sich zeigen, wie die Zukunft des Ferienortes gestaltet wird. Gleich drei große Brachflächen entlang der Straße liegen im Dornröschenschlaf. Seit Jahren arbeitet die Gemeinde mit Investoren und Planungsbüros daran, für diese Flächen eine sinnvolle Nutzung zu finden. Dies soll nun Fahrt aufnehmen – so etwa auf dem Gelände mit einer alten Militärruine am Ortseingang.

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Nur immer neue Hotels reichen nicht

Stockende Baupläne in Boltenhagen

Bereits 2009 hatte die Gemeinde für das Gebiet einen Bebauungsplan für ein Hotel mit 550 Betten erstellt. Passiert ist daraufhin lange nichts, ein potenzieller Investor sprang ab. Inzwischen gibt es mit der Primus Immobilien AG einen Nachfolger. Im Jahr 2017 wurden sogar schon 80 Bäume gefällt und das Gelände von Wildwuchs befreit. Inzwischen hat die Natur das Gelände jedoch wieder zurückerobert. Von dem Schild, das ehemals über ein Bauprojekt informieren sollte, steht nur noch das Holzgerüst. In Baumhöhlen und den verfallenen Gebäuden leben verschiedene Fledermausarten, die alle unter Schutz stehen. Nistkästen sollen ihren Bestand sichern.

Die Primus Immobilien AG hatte ein Konzept vorgelegt, doch die Anwohner äußerten zahlreiche Bedenken. „Zu viel, zu groß, zu üppig“, bringt Maria Schultz, Bauamtsleiterin der Gemeinde, die Sorgen der Bürger auf den Punkt. Der Investor plane derzeit neu und wolle im Oktober ein neues Konzept vorlegen. Wann die Ruine weichen wird? Noch unklar.

Fährt man von Richtung Wismar nach Boltenhagen, wird man direkt von dieser alten Militärruine „begrüßt“. Die Primus-Gruppe ist Eigentümer des Geländes und will hier einen Hotelkomplex errichten. Quelle: Moritz Naumann

Baulärm und Bewegung gibt es hingegen schon im Dünenweg. Das Appartementhotel „Baltischer Hof“ ist bereits in der Bauphase, feiert im September Richtfest und soll 2021 eröffnet werden. Darüber hinaus sei man mit der Planung eines Strandhotels am weitesten, sagt Boltenhagens Kurdirektorin Claudia Hörl.

Seit 2010 wird laut Hörl ein Komplex zwischen Ostseeallee und Strandpromenade geplant. Die Hirmer-Gruppe ist hier der Bauherr und will ein Travel-Charme-Hotel mit etwa 115 Zimmern errichten. „Wir sind kurz vor dem Abschluss“, bestätigt Schultz. Der Bauantrag beim Landkreis Nordwestmecklenburg liege bereits vor. „Es fehlt nur noch der Satzungsbeschluss.“ 2022 soll das Hotel eröffnen.

Die Hirmer Gruppe plant einen Hotelkomplex mit 115 Zimmern in Boltenhagen. Diese Planungsskizze zeigt, wie der Komplex an der Ostseeallee aussehen soll. Quelle: Hirmer-Gruppe

Ein Aja-Resort für Boltenhagen

Etwas unklarer ist die Situation auf der Fläche eines ehemaligen Sportplatzes im Zentrum von Boltenhagen. Hier ist ein aja-Resort mit etwa 225 Zimmern und Suiten geplant. Laut Lutz Weller, Geschäftsführer beim Bauherr DSR-Immobilien, wünscht sich der Hotelbetreiber eine Umsetzung des Resorts bis 2022. Die Baukosten werden etwa 35 Millionen Euro betragen.

Laut Weller wird die Errichtung öffentlich nutzbarer Wellness- und Spa-Angebote die Saison in Boltenhagen verlängern. Dies sei auch der Grund, warum die Ansiedlung neuer Hotels so wichtig ist, betont Claudia Hörl. Denn mit Hotels, die Angebote für Touristen und Einheimische mitbringen, könne man auch im Winter attraktiver werden. „Welcher Ferienwohnungs-Betreiber würde sich schon finanziell an einer Schwimmhalle beteiligen?“, fragt Hörl.

So weit sind die Hotelplanungen

Baltischer Hof – Dünenweg – Das Appartementhotel mit rund 100 Zimmern befindet sich in der Bauphase. Im September wird Richtfest gefeiert. Zeitpunkt der Eröffnung: 2021.

Aja-ResortOstseeallee 46 (alter Sportplatz) – Das Hotel soll 225 Zimmer, öffentliche Wellness- und Spa-Angebote, ein Nivea-Haus, ein Restaurant und eine Bar bieten – Zeitpunkt der Eröffnung: Frühestens 2022

Travel-Charme – Strandpromenade 30 – Das Hotel soll 115 Zimmer bieten – Der Bauantrag liegt dem Landkreis bereits vor – Zeitpunkt der Eröffnung: 2022.

Primus Immobilien AGOstseeallee 111 (alte Militärruine) – Das Konzept befindet sich in der Neuplanung und soll bis Oktober vorgestellt werden. Zeitpunkt der Eröffnung: unklar.

Planungen mit Hindernissen: Parkplätze und Verkehr

Doch noch gibt es ein Hindernis: „Gegenwärtig wird mit den Vertretern der Gemeinde, des Bauausschusses und der Verwaltung sowie mit dem Kurbetrieb an einer optimalen Lösung der Stellplatzthematik gearbeitet. Erst danach können wir mit der konkreten Planung beginnen“, erklärt Weller.

Die unklare Parkplatzsituation im Ostseebad beschäftigt Hotelbetreiber, Gemeinde und Kurverwaltung gleichermaßen. Aber auch in der restlichen Verkehrsinfrastruktur besteht Handlungsbedarf. Denn im Sommer stehen Touristen und Tagesgäste regelmäßig auf der Ostseeallee im Stau. „Wir sind dabei, alternative Konzepte zu prüfen“, sagt Claudia Hörl. Dabei gehe es auch um eine verkehrsberuhigte Zone im Zentrum rund um den Kurpark.

Stau in Boltenhagen auf der Ostseeallee: Vor allem während der Hauptsaison drängen sich viele Autos auf der Ostseeallee in Boltenhagen. Quelle: GVM

Eine Promenade soll entlasten

Der neue 27 Jahre junge grüne Bürgermeister Raphael Wardecki kann sich das gut vorstellen. So findet er vor allem eine Lösung attraktiv: ein Parkhaus am Ortseingang Wichmannsdorf. „Von dort aus könnten Tagesgäste über ein Park-and-Ride-System in den Ort und an den Strand gelangen.“ Laut Hörl habe man dies mit Shuttlebussen, die Tagesgäste in den Ort bringen, bereits erprobt.

Darüber hinaus teilen sich an der Hauptverkehrsader Fußgänger und Radfahrer den Gehweg, was für beide Gruppen eine unbefriedigende Situation ist. „Man sollte darüber nachdenken, die Parktaschen in der Ostseeallee für einen Fahrradweg zu nutzen“, schlägt Wardecki vor.

Die Gedankenspiele sind vielfältig, eine erste Entspannung ist in Sicht: die neue Dünenpromenade. Der Bau soll im Herbst beginnen und im Bestfall schon in der nächsten Saison für Entlastung der Gehwege sorgen. Auf einer drei Meter breiten und mehr als zwei Kilometer langen Promenade sollen Fußgänger in Ruhe spazieren können. Für die Radfahrer stehe dann die Strandpromenade zur Verfügung.

So soll die Strandpromenade in Boltenhagen einmal aussehen. Quelle: Boltenhagen

Boltenhagen: Naturbelassener Erholungsort oder Hotelbad?

Doch nicht bei allen treffen die Pläne von Gemeinde, Kurverwaltung und Hotelbetreibern auf Gegenliebe. Nadine Miller, Direktorin des etablierten Hotels „John Brinckman“, sagt, dass ihre Gäste das Flair und die Naturbelassenheit von Boltenhagen lieben. Sie sorgt sich darum, dass mehr Hotels diesen Eindruck zunichtemachen könnten. Ebenso gibt sie zu bedenken, dass nicht nur die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut, sondern auch das Problem mit Kurpark gelöst werden müsse.

Denn der Kurpark ist das kulturelle Zentrum von Boltenhagen, kann aber derzeit nicht in vollem Umfang genutzt werden. Seit 2007 ist die Kurverwaltung immer wieder im Rechtsstreit mit einem Anwohner, dem die Konzerte auf der Kurmuschelbühne zu laut sind. Höhepunkt der mittlerweile Ordner füllenden Auseinandersetzungen ist ein Beschluss des Verwaltungsgerichtes in Schwerin. Demnach dürfen nur noch zehn Großveranstaltungen pro Jahr dort stattfinden, die den Geräuschpegel von 70 Dezibel – etwa die Lautstärke eines Wasserkoches – im angrenzenden Wohngebiet nicht übersteigen dürfen. Bürgermeister Wardecki will das Problem nun in einem persönlichen Gespräch mit dem Kläger erörtern und nach Lösungen suchen, die für alle Beteiligten zufriedenstellend sind.

Es sind nur noch leise Töne, die aus der Kurmuschel im Kurpark dringen. Seit fast zwei Jahren muss die Kurverwaltung die Konzerte auf der Bühne so runterpegeln, dass bei den nächstanliegenden Wohnhäusern nur noch ein Schallpegel von bis zu 70 Dezibel zu hören ist. An Sonntagen sind das gar nur 55 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Wasserkocher erreicht etwa 70 Dezibel. Quelle: Moritz Naumann

Viel Geld wegen Lärm

Ortsführerin Heidi Clausen hat von dem Stillstand im Ort die Nase voll. „Es soll nicht immer so viel geredet, sondern mehr gemacht werden“, fordert sie. Ihren Ärger verbirgt sie auch nicht vor den Touristen, die ihr auf der knapp drei Stunden langen Tour durch den Ort folgen. Wie viele der 20 Teilnehmer in einem Hotel wohnen, fragt sie in die Runde. Nur drei melden sich. Schon 2022 könnten es ein paar mehr sein.

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Von Moritz Naumann

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