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MV aktuell So heftig werden Polizisten, Retter und Amtsmitarbeiter in Vorpommern attackiert
Nachrichten MV aktuell So heftig werden Polizisten, Retter und Amtsmitarbeiter in Vorpommern attackiert
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14:12 05.09.2019
Gewalt gegen Polizisten im Einsatz ist keine Seltenheit (Symboldbild). Quelle: Carsten Rehder/dpa
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Vorpommern

Es war am vergangenen Freitagabend, als in Stralsund Rettungssanitäter in die Kedingshäger Straße gerufen wurden. Ein hilfloser Mann liege dort, hatte es geheißen, als sie losfuhren. Doch als die Retter ankamen, erlebten sie etwas anderes.

Der 60-Jährige schlug und trat nach ihnen und trat äußerst aggressiv auf. Selbst Polizisten, die herbeigerufen wurden, hatten Mühe, den Mann zu bändigen. Sie mussten ihn fesseln. Er hatte 2,13 Promille intus.

Hunderte Fälle im Jahr

Die Attacke ist eine von vielen, denen sich Rettungskräfte, Polizisten und Mitarbeiter von Ämtern in Vorpommern ausgesetzt sehen. Immer wieder werden Vertreter des Staates oder Retter im Einsatz angepöbelt, beleidigt, bespuckt, bedroht oder angegriffen. Hunderte Fälle kommen im Jahr zusammen.

Im Landkreis Vorpommern-Greifswald gingen die Tatbestände „Widerstand gegen die Staatsgewalt und Straftaten gegen die öffentliche Ordnung“ zwar von 2017 (578 Fälle) auf 2018 (481 Fälle) um 17 Prozent zurück, im Kreis Vorpommern-Rügen nahmen sie indes um elf Prozent (von 576 auf 639) zu.

Mit Kampfhund gegen Polizisten

In manchen Fällen kann es richtig gefährlich für die Einsatzkräfte oder Verwaltungsmitarbeiter werden. So war am 24. August ein betrunkener 65-jähriger Bielefelder auf Usedom mit einem Kampfhund auf Polizisten losgegangen, die seine Lebensgefährtin mit mehr als drei Promille am Steuer ihres Autos erwischt hatten.

Ebenfalls auf Usedom widersetzte sich im Februar ein 20-jähriger Fahrradfahrer einer Alkoholkontrolle und griff die Beamten an. Er erhielt gleich mehrere Strafanzeigen wegen Trunkenheit im Straßenverkehr, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte sowie Verstößen gegen das Betäubungsmittel- und Waffengesetz.

Die Reihe solcher Attacken ließe sich beliebig fortsetzen. Ob es sich um aggressive Partygäste in Wolgast handelt, die randalieren, weil sie die nächtliche Ruhestörung nicht beenden wollen (Widerstand, Körperverletzung und Beleidigung), oder um einen Autofahrer, der Morddrohungen aussprach und zwei Beamte angriff. Erst mit Hilfe eines beherzten Bürgers konnte der Mann gebändigt werden.

Polizist gibt Warnschuss in Rambin ab

An den Fall kann sich auch Christian Schumacher von der Gewerkschaft der Polizei noch gut erinnern, weil der Bürger später eine Auszeichnung für Zivilcourage erhalten hatte. „Der Ton wird rauer“, sagt der Gewerkschafter. „Wo früher beleidigt wurde, fliegen heute die Fäuste. Wir gehen dahin, wo es wehtut und treffen auf Menschen, die die Rechtsordnung oder uns als Repräsentanten des Staates ablehnen.“

Mario Ulrich, Leiter des Polizeihauptreviers in Bergen auf Rügen, kann sich daran erinnern, dass Beamte vor einem Jahr einen Warnschuss abgeben mussten, nachdem ein flüchtiger Räuber sie in Rambin mit einem stählernen Fahrradschloss angegriffen hatte.

Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren

Seit 2017 können tätliche Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren geahndet werden. Auch, wer eine Person behindert, die in einem Unglücksfall Hilfe leistet, muss im schlimmsten Fall mit einer Freiheitsstrafe rechnen.

Von solchen Fällen blieb Vorpommern bisher offenbar verschont. „Von Handgreiflichkeiten habe ich noch nicht gehört, aber Pöbeleien unter Alkoholeinfluss kommen schon mal vor“, sagt Steffen Albrecht, Leiter des Eigenbetriebs „Rettungsdienst“ in Ribnitz-Damgarten. Umgekehrt habe es seinem Eindruck nach Fortschritte bei der Bildung von Rettungsgassen gegeben. „Da hat sich die Akzeptanz der Autofahrer spürbar erhöht.“

„Ich habe eine Waffe, ich kann auch noch mal wiederkommen“

Ähnlich scheint es sich bei den Ordnungsämtern zu verhalten. „Wir sind zwar Eingriffsverwaltung, haben aber noch nicht mit Anfeindungen zu tun gehabt. Weder beim Vollzug der Hundehalter-Verordnung, noch im Straßenverkehr. Allenfalls laute Diskussionen gibt es schon mal“, sagt Steffen Ulrich, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Bergen.

Richtig heftig geht es hingegen offenbar hinter den Mauern der Ämter des Landkreises und der Jobcenter zu. „Das fängt schon im Bürgerservice an und setzt sich vor allem im Sozial- und Jugendamt fort“, weiß Kreissprecher Olaf Manzke. „Ich habe eine Waffe, ich kann auch noch mal wiederkommen“, habe ein regelmäßiger Besucher schon mal gedroht. Der werde nun gefilzt, bevor er Zutritt erhalte.

Manche Klienten seien zudem psychisch gestört. Eine Geschichte von Anfang der 1990-erJahre werde noch heute in den Ämtern erzählt. „Damals hatte eine Mitarbeiterin einen Klienten aufgesucht, der ihr einen Platz in seinem Wohnzimmer anbot. Dann rief er zwei Schäferhunde herbei, denen er befahl, die Frau nicht wieder gehen zu lassen. So hat er die verängstigte Mitarbeiterin eine Stunde schmoren lassen.“ Manzke betont zwar, dass es sich um Einzelfälle handele, aber für den jeweiligen Mitarbeiter ist die Belastung sehr groß.

Beleidigungen und Drohungen gegen Jobcenter-Mitarbeiter

Aktennotizen zu solchen Vorfällen laufen auch bei Karina Werner, Betriebsleiterin des kommunalen Jobcenters, auf. Es käme vor, dass Bürger, die finanzielle Probleme haben, aufgebracht ins Jobcenter kämen, Türen aufreißen und lautstark ihre Anliegen vorbrächten. In solchen Fällen sei es schwer, wenn nicht unmöglich, die Bürger wieder zu beruhigen und sachliche Gespräche zu führen. Beleidigungen und Bedrohungen seien in solchen Fällen keine Seltenheit.

Das könne sich schon mal wie folgt anhören: „An eurer Stelle würde ich heute Abend aufpassen, wenn ihr das Haus verlasst. Ich kann für nichts mehr garantieren.“ Aggressive Klienten würden auf den Tisch hauen, Gegenstände oder Stühle umwerfen oder gegen Türen treten. „Zum Schutz der Mitarbeiter sei es daher unerlässlich, den Wachmann hinzuziehen, die Polizei einzuschalten, Anzeige zu erstatten oder ein Hausverbot auszusprechen“, so Manzke.

In Ribnitz-Damgarten musste die Polizei jüngst ebenso wie in Stralsund uneinsichtige Männer aus dem Jobcenter begleiten. In Grimmen habe eine Person mehrfach damit gedroht, eine Bombe in das Jobcenter zu werfen und das Gebäude anzuzünden und dies mit dem Satz bekräftigt: „Dies ist keine Drohung, dies ist ein Versprechen!“ Es folgten Strafanzeige und Hausverbot. In einem Fall auf Rügen sei eine Mitarbeiterin dermaßen eingeschüchtert gewesen, dass sie sich nach telefonischer Drohung und Rücksprache mit ihrer Teamleiterin in ihrem Büro einschloss.

Drohungen in der Post und im Internet

„Mittlerweile kommt es sogar häufiger vor, dass die Mitarbeiter den Beleidigungen und Bedrohungen auch privat ausgesetzt sind, sei es, dass sie postalische Drohbriefe erhalten oder auf verschiedenen Internet-Plattformen angegriffen werden. Dies geht natürlich nicht spurlos an ihnen vorbei“, so Manzke. „Alle Kollegen, die im Kontakt mit Bürgern arbeiten, haben regelmäßig die Möglichkeit, sich zum Umgang mit aggressiven Menschen weiterzubilden. Hier werden Möglichkeiten der Eskalation und des Selbstschutzes besprochen. Unsere Software beinhaltet auch ein Alarmsystem, sodass im Ernstfall Kollegen zu Hilfe gerufen werden.“ In besonders schweren Fällen werde nur noch schriftlich oder in enger Zusammenarbeit mit der Polizei kommuniziert.

Was sich sowohl die Mitarbeiter der Verwaltungen als auch Polizeigewerkschafter Christian Schumacher wünschen, ist mehr Wertschätzung von Politik und Gesellschaft. Und dass sie respektiert werden.

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