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Ideenschmiede MV: Junge Unternehmer erobern die Wirtschaft

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09:00 18.01.2020
Erfolg im zweiten Anlauf: Die Experten der Marketingagentur Lakör, Steffi Wulf und Frank Melz, beraten nun Start-ups. Quelle: Luisa Schröder
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Rostock

Christian Pietsch ist Anfang 30 und hat sich ein kleines Leder­taschen-Imperium aufgebaut. Und obwohl der rastlose Start-up-Unternehmer monatlich über 30 000 Stücke verkauft, lebt er weiterhin in einer Studenten-WG in Rostock. Das E-Werk ist der Stammsitz seiner Firma, hier entwirft Christian mit seinem Team neue Produkte und testet sie auf Tauglichkeit. Die Idee für Ledertaschen kam ihm bei einer Backpacker-Tour durch Indien, wo er heute Taschen direkt in Auftrag gibt und die Produzenten fair bezahlt. Mehr als zwölf Familien arbeiten inzwischen im Auftrag von „Gusti ­Leder“.

Christian Pietsch ist das Gesicht von Gusti Leder. Vor zehn Jahren hat er das Unternehmen gegründet – ein Onlineversandhandel für Ledertaschen. Da war der ehemalige VWL-Student gerade im dritten Semester. Mittlerweile ist viel passiert: Der in Prenzlau Geborene beschäftigt nun mehr als 130 Mitarbeiter, hat ein Logistikzentrum in Polen und 16 Ladengeschäfte, darunter: Berlin, München, Hamburg, Bremen und Göttingen.

Coworking für kreatives Netzwerken

Den ersten Store eröffnete er in Rostock. Für ihn hat die Stadt am Meer eine besondere Bedeutung, denn er hat die meiste Zeit seines Lebens in der Hansestadt verbracht.Im Jahr 2015 kaufte er das E-Werk in der Nähe des Rostocker Bahnhofs, und wandelte es in einen Coworking Space um. Er nutzt es für Gusti Leder als Kreativzentrum.

Gleichzeitig bietet er dort Start-ups viel Raum, um zu arbeiten. „Ich möchte die Start-up-Kultur fördern. Rostock hätte soviel Potenzial. Der Unterschied zu Berlin ist, dass dort die Ideen nicht bewertet werden, ob sie gut oder schlecht sind. Es wird einfach ausprobiert. In Rostock fehlt das agile Arbeiten“, erzählt der Unternehmer, dessen Berliner Büro sich genau neben Musiker Paul Kalkbrenners Tonstudio befindet. Außerdem sei es nicht ausreichend lediglich einen Coworking Space zu schaffen. Gespräche mit echten Gründern und Alumni müssten her. Viel mehr.

Start-up-Profi Christian Pietsch hat mit Lederwaren sein Geschäft aufgebaut. Eine erste Idee scheiterte, doch er gab nicht auf. Quelle: Luisa Schröder

Den vom Zentrum für Entrepreneurship organisierten MV-Preneur-Day finde er gut, doch der sei nur einmal im Jahr. Viel zu selten, als Austauschplattform für Gründer, findet . Weiter fügt er an: Das Studienfach Gründungslehre an der Universität sei zu verschult. Die jungen Leute müssten schon zu Beginn des Studiums gründen, und nicht erst am Ende. Das sei viel zu spät. Am Anfang seien die Opportunitätskosten noch nicht so hoch. Man hat keine teure Wohnung, keine Kinder und meist noch keinen hohen Lebensstandard.

Geschichten vom Scheitern sind wichtig

Junge Gründer müssen für ihre Idee brennen. Wenn es darum gehe, ein Gründungstipendium zu beantragen, gehe viel Kraft verloren. Kraft, um an der eigentlichen Idee zu tüfteln. Und zwar wegen des großen bürokratischen Aufwands. Es sei einfach zu aufwendig. „Zumal wenn die Förderung wegfällt, ist meist auch das Start-up am Ende“, erklärt Christian Pietsch, der vor drei Monaten Vater einer Tochter geworden ist. Er findet es wichtig, dass Gründer von ihrem Scheitern erzählen. „Denn erst daraus lernst du etwas“, so der Wahlberliner. Auch er brauchte zwei Anläufe für seinen Erfolg. Vor Gusti Leder versuchte er individuelle Ölbilder, gemalt im Ausland, zu verkaufen. Das hat nicht funktioniert.

Mit einem Filmabend am 18. Januar im Satower Theater in der alten Schule (ThiaS) gibt die Interessengemeinschaft Satower Land den Auftakt zu ihrer diesjährigen „Kul-Tour-Reise Satower Land“. Regisseur und Filmemacher Sebastian Lindemann präsentiert zwei neue Filme, „Der Lederbaron aus der Studenten-WG“

Hinfallen und wieder aufstehen lautet die Devise

In Sachen Neuanfang teilen die Experten Frank Melz und Steffi Wulf von der Marketingagentur für Start-ups Lakör die Ansicht von Gründer Christian Pietsch. Beide gehören zu den Stehaufmännchen in der Szene. Bevor sie zu Lakör kamen, haben sie beim Start-up Fahrradjäger gearbeitet. Sie entwickelten ein Fahrradschloss, das einen Peilsender beinhaltet. Dieser schlug Alarm, sobald ein Dieb das Fahrrad entwenden wollte.

Sowohl der Besitzer als auch andere Nutzer des Systems erhielten eine Benachrichtigung, wenn sie in der Nähe des Bluetooth-Senders waren. Vier Jahre haben sie an dem Produkt getüftelt, gefeilt und stets verbessert. Doch in der letzten Investorenrunde scheiterten sie. Das Geld reichte nicht mehr. Eine Woche dauerte die Trauerphase. Jetzt legen sie einen Neustart aus der Insolvenz hin.

Rostock hat Start-up-Potenzial

Seit Juni 2019 pushen sie andere Start-ups im Bereich Marketing. „Wir haben viel aus den letzten Jahren gelernt und geben unser Wissen nun weiter. Vor allem der strategische Blick fehlt vielen Gründern, weil diese sich eben nur auf ihr Produkt fokussieren“, erklärt der 35-jährige Frank Melz. Es war auch ein tolles Gefühl mal so vor dem Nichts zu stehen, denn dadurch waren wieder alle Türen offen. Wir konnten vollkommen frei denken und träumen, welche Idee wie nun umsetzen wollten“ sagt Steffi Wulf.

Max Jagusch (24, v.l.), Standortleiter des „Basislagers“, Minister Christian Pegel (SPD) und Gründer Jan Tauer von "tweedback" im OZ-Coworking-Space. Quelle: Frank Söllner

Die Marketingexperten, die ihr Büro im Coworking-Space der OSTSEE-ZEITUNG haben, sehen das Start-up- Potenzial in Rostock positiv. „Es gibt so viele geile Sachen, die in den Garagen schlummern, die nur entdeckt werden müssen und die wir bald sichtbar machen werden“, sagt Steffi freudestrahlend.

Jungunternehmer fangen klein an

Auch Ponyhof-Gründerin Charlotte Berger freut sich, dass sich immer mehr Menschen trauen, was eigenes auf die Beine zu stellen. 2013 organisierte sie ihren ersten hippen Künstlermarkt, damals noch mit sieben Ausstellern. Heute sind es bis zu 60. In all den Jahren musste sie einen absagen, weil es zu wenig Teilnehmer gab. „Das war ein Tiefschlag. Doch auch die Tiefschläge gehören dazu, genau wie der Erfolg.“ Ihre Märkte haben sich zu einem echten Happening entwickelt. Sie versucht, die Leute mit ins Geschehen zu integrieren und mit ihnen auf Entdeckungstour zu gehen.

Die Rostocker Geschäftsfrau Charlotte Berger (3. v.l.) ist ein alter Hase in der Gründerszene. Doch auch sie ist immer auf der Suche nach neuen Ideen. Quelle: Luisa Schröder

Was die Rostocker Start-up-Szene angeht, tut sich viel, findet sie. „Ich merke, dass immer mehr Leute Lust bekommen, ihre Ideen umzusetzen und sich trauen, mit ihrer Idee an den Markt zu gehen. Das kann ich in Rostock in vielen Bereichen entdecken. Viele tolle liebevoll gestaltete Cafés und Restaurants eröffnen. Es gibt zunehmend mehr Events und interessante Veranstaltungen.“ Gerade gab es einen Pop- up-Store für Fair-Trade-Fashion in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt.

Es sei schön zu beobachten, wie die Stadt am Meer so langsam aber sicher in dieser Hinsicht in Schwung kommt, so Berger. Auch sei es wichtig, lokale Anbieter und Unternehmer zu unterstützen, damit die Straßen bunt und vielfältig bleiben. „Die Leute sind in Rostock am Start und haben große Lust auf Start-ups, die mit dem Herzen aufgezogen werden“, verrät die junge Kreativunternehmerin.

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Von Luisa Schröder

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