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MV aktuell Streit um Inklusion: Eltern von Emma wünschen sich Förderschule zurück
Nachrichten MV aktuell Streit um Inklusion: Eltern von Emma wünschen sich Förderschule zurück
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Emma (13) aus Schönberg besucht eine Förderschule. Ihre Schwester Luise (13) hat auch eine Förderdiagnose, geht wegen der Inklusion auf die Gesamtschule und ist überfordert. (Namen geändert) Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Schönberg

Über ihre Zukunft macht sich Emma keine Sorgen. „Ich will Floristin werden“, sagt das 13-jährige, selbstbewusste Mädchen aus Schönberg (Landkreis Nordwestmecklenburg). Zusammen mit ihren Eltern sitzt sie im kleinem Wohnzimmer der Familie und guckt den OZ-Reporter mit großen Augen neugierig an. Sie gehe gern in die Schule, sagt sie. Und was sind ihre Lieblingsfächer? „Mathe“, antwortet Emma, überlegt kurz, und fügt „Hauswirtschaft“ hinzu.

Weil Emma in der Grundschule langsamer lernte als andere, wechselte sie nach der Diagnoseförderklasse auf eine Förderschule in Schönberg. „Das fanden alle okay“, sagt Ingolf Reichert (alle Namen geändert). Emma hat sich gut entwickelt, sagt er. Luise ist Emmas drei Jahre jüngere Schwester. Ihre Schullaufbahn begann zunächst ähnlich wie die von Emma. Förderklasse am Anfang der Grundschule, Diagnose: Lernbeeinträchtigung. Mittlerweile geht Luise auf die Gesamtschule. „Die mögen mich alle nicht“, sagt sie über ihre Mitschüler. Sie wirkt deutlich unsicherer als ihre Schwester. Bei der Frage, wie es ihr an der Schule gefällt, fängt sie an zu weinen. In ihrem Deutschheft hat die Lehrerin jeden Fehler rot angestrichen, fast jede Zeile ist Rot. Ihre Note reichen von vier bis fünf. Sie sagt, sie hasse ihre Schule.

„Die Inklusion läuft schief“

Mit Luise Hausaufgaben machen, sei meist ein tränenreiches Drama, meint ihr Vater. Ihm wäre es am liebsten gewesen, wenn seine jüngere Tochter ebenfalls die Förderschule besuchen würde. Das ist nicht mehr vorgesehen, denn im Rahmen der Inklusion sind Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen ein Auslaufmodell. Die Klassenlehrerin hat sich dagegen ausgesprochen, dass Luise an die Schule ihrer Schwester wechseln kann. Dort sind die Klassen kleiner, 13 statt 20 Schüler. Die Lehrer haben eine sonderpädagogische Ausbildung, alles geht ein bisschen langsamer. „Eine Schutzzone“, sagt Ingolf R.. Seine ältere Tochter gehe es dort gut, sie überlegt, nach der neunten Klasse ein Jahr dranzuhängen, um den Berufsreife-Abschluss zu schaffen. Der Vater hat Angst davor, seine jüngere Tochter Luise auf die neue Förderschulform „geistige Entwicklung“ geben zu müssen, die in Grevesmühlen eröffnen soll. „Das klingt doch wie geistig behindert“, sagt er.

Reichert engagiert sich in der Elternvertretung und im Kreiselternrat. „Die Inklusion läuft schief“, meint der gelernte Schlosser. Zwar gebe es für Luise an der Gesamtschule zwei Stunden zusätzlichen Stützunterricht pro Woche. „Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Er will zum nächsten Schulhalbjahr einen Antrag beim Schulamt stellen, dass Luise doch noch an die Förderschule wechseln darf.

237 zusätzliche Lehrerstellen

Die Probleme der Schönberger Familie sind kein Einzelfall, meint Maik Walm, Landesvorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW. Sowohl die Lehrer als auch die Schüler würden unter den schlechten Bedingungen leiden. „Das Land ist sehenden Auges in diese Situation gegangen“, sagt Walm. Bereits vor der Inklusion seien die Schulen in MV reformbedürftig gewesen. Er verweist darauf, dass MV jahrelang die meisten Schulabgänger ohne Abschluss hatte. Nun fehle ein überzeugendes Konzept, wie der gemeinsame Unterricht denn überhaupt funktionieren soll. Nicht selten komme es vor, dass ein einziges Kind mit Verhaltensauffälligkeiten den Unterricht einer ganzen Klasse zum Absturz bringt. Es gebe viel zu wenige Lehrer, um das wichtige Projekt umzusetzen, meint Walm. Das Bildungsministerium kündigt in den kommenden fünf Jahren 237 zusätzliche Lehrerstellen an. Reicht nicht, so die GEW. „Das entspricht gerade einmal einer halben Stelle für jede Schule“, kritisiert der Co-Landesvorsitzende.

Politischer „Inklusionsfrieden“ seit 2016

Das Schweriner Bildungsministerium „nimmt Sorgen von Eltern und Lehrkräften ernst“, betont Sprecher Henning Lipski. Die Inklusion werde schrittweise und „mit Augenmaß“ umgesetzt. „Uns ist wichtig, alle mitzunehmen und niemanden zu überfordern“, so der Sprecher. So sei etwa die geplante Schließung der Förderschulen mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung wieder von der Tagesordnung genommen worden. In Waren und Schwerin sollen sogar zwei neue Schulen dieser Art eröffnet werden.

Der Landesverband Bildung und Erziehung lobt, dass sich MV viel mehr Zeit mit der Inklusion lässt, als ursprünglich vorgesehen sei. Am weiteren Fahrplan will Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) nicht mehr rütteln. Politisch sei die Strategie gewollt und werde durch den sogenannten Inklusionsfrieden seit 2016 von SPD/CDU und der oppositionellen Linken mitgetragen. Die damals noch im Landtag vertretenen Grünen lehnten das Inklusions-Konzept als nicht tragfähig ab.

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