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MV aktuell So will Bildungsministerin Bettina Martin das Lehrer-Problem in MV lösen
Nachrichten MV aktuell So will Bildungsministerin Bettina Martin das Lehrer-Problem in MV lösen
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08:06 16.10.2019
Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) kündigt im OZ-Interview an, dass an der Greifswalder Uni wieder Grundschullehrer ausgebildet werden sollen. Weitere Vorhaben sollen das Problem Lehrermangel eindämmen. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Die neue Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) erklärt im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG, wie sie Probleme an den Schulen in MV mildern möchte.

OSTSEE-ZEITUNG: Frau Martin, würden Sie heute den Beruf des Lehrers ergreifen?

Bettina Martin: Ja, ich finde, es ist ein schöner und spannender Beruf, junge Menschen auf das Leben vorzubereiten. Bildung ist eine der wichtigsten Grundlagen, die Kinder und Jugendliche mit auf den Weg bekommen. Es ist eine hohe Verantwortung, gleichzeitig aber auch ein schwieriger Beruf.

Warum wollen nicht mehr Leute Lehrer werden? Warum müssen Sie so händeringend suchen?

Ich glaube, dass die Attraktivität dieses Berufes nach wie vor hoch ist. Aber es werden heutzutage viele Probleme aus der Gesellschaft und den Familien in die Schulen hineingetragen. Der Lehrerberuf hat immer höhere Anforderungen. Das betrifft auch, was die Kinder und Jugendlichen lernen müssen, etwa das Leben in einer digitalen Welt. Das ist eine große Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer.

Lehrer sind oftmals so etwas für Fußabtreter der Gesellschaft. Müssten sie nicht gesellschaftlich und finanziell bessergestellt werden?

Der Beruf verdient höchste Wertschätzung, weil Lehrer die Generation von morgen ausbilden. Das ist unsere Zukunft. Ich glaube, dass es vor allem um Wertschätzung gehen muss. Natürlich auch um eine gute Vergütung. Deshalb wollen wir uns ab dem nächsten Schuljahr die Grundschullehrkräfte insgesamt besser vergüten, mit A13 und E13. So wie die anderen Lehrer in allen Schulformen auch.

8500 Lehrer werden bis 2030 in MV in den Ruhestand gehen, 80 Prozent. Was tun Sie, um dem Lehrermangel entgegenzutreten?

Eines ist ganz klar: Wir werden in den nächsten Jahren einen weiter steigenden Bedarf haben. Wir haben bis jetzt in diesem Schuljahr über 700 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt. Das ist ein Riesen-Kraftakt. Zum Vergleich: Früher waren es rund 200 pro Schuljahr. Um das auch in Zukunft zu schaffen, müssen wir in der Lehramtsausbildung besser werden und den Arbeitsplatz Schule für Lehrer attraktiv halten.

Was heißt das konkret?

Ministerin Bettina Martin im Gespräch mit OZ-Chefredakteur Andreas Ebel (l.) und OZ-Chefreporter Frank Pubantz Quelle: Frank Söllner

Um mehr Lehrkräfte in MV zu haben, muss die Qualität der Ausbildung verbessert werden. Auch bei den Lehrkräften im Seiteneinstieg. Als ersten Schritt haben wir in diesem Semester ein Sofortprogramm an der Uni Rostock gestartet. Wir haben zum Beispiel für Regionalschul-Lehramtsstudierende die Orientierungsphase verbessert. Sie studieren dort berufsfeldbezogen in kleinen Gruppen, um ihre Eignung für den Lehrerberuf von vornherein zu klären. Wir werden den Praxisbezug erhöhen. Alle Studierenden, alle Schulleiter und Professoren sagen mir, die Praxisanteile bei der Lehramtsausbildung müssen früher beginnen. Wir werden aber darüber hinaus noch mehr Verbesserungen angehen. So müssen wir uns angucken, ob Grundschullehrer wirklich in einer so hohen Fachlichkeit studieren müssen. Muss ein Grundschullehrer genauso schwierige Matheprüfungen ablegen wie jemand, der später als Mathematiker in die Wissenschaft geht?

Sie wollen die Anforderungen für Grundschullehrer absenken?

Nein, es geht darum, die Anforderungen im Studium an das anzupassen, was die Grundschullehrer zukünftig auch wirklich brauchen: Fachlichkeit kombiniert mit mehr Wissen in der Didaktik und Pädagogik. Das muss man sich genau ansehen. Ich glaube auch, dass wir die Anzahl der Studienplätze erhöhen müssen. Ich bin gerade mit den Hochschulrektoren in Verhandlungen für die Eckwerte für die nächsten fünf Jahre. Ich möchte das Grundschullehramtsstudium in Greifswald wieder einführen. Ich habe wenig Probleme, Lehrer an Schulen in Rostock oder Schwerin einzustellen. Da wollen alle hin. Wir müssen auch in Vorpommern Lehrkräfte ausbilden, denn die Chance, dass sie dann auch in dieser Region bleiben, ist groß.

Was soll die Studenten denn hier herlocken? Andere Bundesländer kämpfen auch mit dem Lehrermangel. Muss MV am Geld drehen?

Ich habe in den letzten Haushaltsverhandlungen für die kommenden vier Jahre zusätzlich 200 Millionen Euro für bessere Bildung erkämpft. Damit können wir viel in Bewegung bringen an unseren Schulen. Ich werde die Vergütung der Grundschullehrer ab dem kommenden Schuljahr auf die Vergütungsstufe A13/E13 anheben. Das Einstiegsgehalt liegt dann bei rund 4000 Euro brutto. Viele andere Bundesländer haben dies nicht. Wir werden aber mit dem Geld auch andere Verbesserungen in den Schulen umsetzen.

Wie hat sich denn die Schüler-Lehrer-Relation verändert? Wie ist sie heute, wie war sie vor zehn Jahren?

Bei der Frage, wie viele Schüler ein Lehrer im Durchschnitt unterrichtet, haben sich die Werte leicht verbessert: Im Schuljahr 2002/03 kamen auf einen Lehrer knapp 15 Schüler, im Schuljahr 2018/19 waren es 13,5. Das ist ein Durchschnittswert und er beinhaltet auch sehr kleine Klassen zum Beispiel in Förderschulen.

Zum Thema Bildung weht Ihnen der Wind gerade scharf ins Gesicht. Die Lehrergewerkschaft GEW plant am Sonnabend Demos in vier großen Städten, das Bündnis für gute Schule warnt vor einem systemischen Versagen, wenn nicht einschneidend beim Thema Lehreranzahl gegengesteuert wird. Was sagen Sie?

Wir haben gemeinsam viel zu tun, aber Panikmache ist unbegründet. Die Maßnahmen, die wir uns vorgenommen haben, werden greifen.

Die Inklusion aller Schüler soll jetzt an Schulen im Land umgesetzt werden. Gibt es dafür neue Lehrerstellen?

Es sind schon neue Stellen im System. Über 230. Es kommen noch weitere dazu. Wir haben die Inklusionsstrategie in den nächsten Jahren gestreckt, von 2023 auf 2028. Damit haben wir uns Luft verschafft, die Situation in den Schulen zu verbessern. Man muss Inklusion ermöglichen und nicht verordnen. Wir wollen auch stärker mit multiprofessionellen Teams in den Schulen arbeiten.

Das neue Schulgesetz ist kurz vor der Sommerpause ausgebremst worden. Das Bündnis für gute Schule aus Eltern, Schülern und Lehrern hat sich dagegen gestellt. Wie sieht der neue Entwurf des Gesetzes aus?

Wir sind in intensivem Austausch mit dem Bündnis für gute Schule. Ein Ergebnis ist die Entschleunigung der Inklusionsstrategie. Mit dem Gesetz wird die Inklusion, die von der UN- Behindertenkonvention gefordert ist, schrittweise umgesetzt. Es sind noch andere Verbesserungen enthalten. Beispiel: Die Mittlere Reife am Gymnasium soll nicht automatisch nach der 10. Klasse ohne Prüfung vergeben werden, sondern nach der bestandenen 11. Klasse. Das ist ein Riesen-Unterschied.

Jahrgangsübergreifender Unterricht soll laut Gesetzentwurf bald möglich sein. Ein Lehrer-Sparprogramm?

Nein. Es geht darum, die Kinder, die in die ersten zwei Schulklassen mit unterschiedlichem Entwicklungsniveau eingeschult werden, gemeinsam aber individuell zu beschulen. Man kann zum Beispiel die 1. und 2. Klasse in drei Jahren machen, ohne sitzen zu bleiben. Ob Schulen das einsetzen wollen, entscheidet die Schulkonferenz eigenständig.

Was planen Sie, um Regionale Schulen und damit die Vorbereitung auf einen Berufsschulabschluss attraktiver zu machen?

Es müssen nicht alle Kinder Abitur machen. Wir müssen die Regionale Schule und das Image der Ausbildung stärken. Wir wollen die Zahl derjenigen, die unsere Schulen ohne anerkannten Abschluss verlassen, weiter senken. Unser Ziel ist es, dass möglichst niemand mehr durchs Netz fällt. Alle Unternehmer sagen mir: Wir brauchen Auszubildende und wir brauchen Fachkräfte. Wichtig ist, dass unser Bildungssystem sehr durchlässig ist: Wenn ich nach zehn Jahren Schule eine Ausbildung absolviere, stehen mir alle beruflichen und akademischen Fortbildungsmöglichkeiten offen.

Nun ist gerade der Stundenausfall an Berufsschulen sehr hoch. Wie kann man das reduzieren?

Auch hier müssen wir uns um genügend und gute Berufsschullehrer bemühen. Ich möchte dazu die Ausbildung an der Uni stärken. Und wir müssen bei der Digitalisierung auch die beruflichen Schulen fest in den Blick nehmen. Es gab in der Vergangenheit Versuche, den Unterrichtsausfall mithilfe der Wirtschaft zu senken. Das hat leider nicht funktioniert.

Bei Bildungsvergleichen der Bundesländer schneidet MV meist nicht gut ab. Beispiel: die Durchfallerquoten bei Abitur und an Regionalen Schulen. Was tun?

Wir dürfen unsere Schulen nicht schlechtreden. Wir haben in vielen Bereichen gute Ergebnisse. So liegt MV beispielsweise bei den Bildungserfolgsaussichten nach sozialer Herkunft relativ gut im Vergleich zwischen den Ländern. Das Abitur in MV hoch angesehen, es ist anspruchsvoll ist.

2021 läuft die Finanzierung der Schulsozialarbeit über den Europäischen Sozialfonds ab. Was passiert danach?

Sozialarbeit ist ganz wichtig für unsere Schulen. Wie es weiter geht nach 2021, darüber wird verhandelt. Die Landesregierung ist sich klar darüber, dass wir weiter Schulsozialarbeit brauchen.

Thema Universitätsmedizinen. Im Vorjahr gab es viel Aufsehen zum Thema Patientenwohl versus Gewinnstreben. Ihre Vorgängerin hat eine Kommission eingesetzt. Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Die Kommission arbeitet, wir erwarten im Frühjahr die Ergebnisse. Dass es hier große Probleme gibt, das ist sehr deutlich. Für mich steht fest: An den Unimedizinen steht das Wohl der Patienten im Mittelpunkt. Das darf nicht ausgespielt werden gegen ökonomische Interessen. Die Balance muss gegeben sein.

Ist das nicht die Quadratur des Kreises?

Wir haben in Unimedizin Rostock in diesem Jahr ein Problem mit dem Ergebnis. Man kann jetzt noch nicht sagen, wie hoch die Verlustsumme sein wird. Wir müssen genau hinschauen, wo das Defizit herkommt. Und es muss im Vorstand eine produktive Zusammenarbeit gewährleistet sein.

Sie warten die Ergebnisse ab, dann wird gehandelt? Die Probleme im Vorstand sind ja seit langem bekannt.

Da stehen Entscheidungen aus.

Personell?

Das wird sich zeigen.

Steht das Land zur Finanzzusage für das Archäologische Landesmuseum und das neue Volkstheater in Rostock?

Es gibt eine Vereinbarung. Die Stadt Rostock hat Entscheidungen zu treffen. Auf die warten wir.

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