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MV aktuell Investitionen von 270 Milliarden Euro: Der Gasriese USA erwacht
Nachrichten MV aktuell Investitionen von 270 Milliarden Euro: Der Gasriese USA erwacht
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11:29 03.06.2019
Der LNG-Terminal in Freeport (Texas) wird derzeit von Import auf Export umgerüstet. Quelle: Axel Büssem
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Washington/Freeport

Mit knapp 100 Einwohnern gilt Quintana am Golf von Mexiko als kleinste Stadt in Texas. Geprägt war das Örtchen durch seine hölzernen Strandhäuser, die zum Schutz vor Fluten auf Stelzen stehen.

Doch diese Küstenidylle gehört der Vergangenheit an. In direkter Nachbarschaft zu Quintana wird derzeit eine riesige Stadt aus Stahl aus dem Boden gestampft. Wohnen wird dort jedoch niemand: Tausende Bauarbeiter rüsten den 2008 eröffneten Freeport-Importterminal für Flüssiggas (LNG) zu einem deutlich größeren Exportterminal um. Wenn er fertig ist, sollen von dort aus jährlich 15 Millionen Tonnen LNG in alle Welt verschifft werden.

Auf Einladung des US-Außenministeriums besuchten sechs deutsche Journalisten Freeport, versinnbildlicht der Terminal doch die dramatische Wende auf dem US-Energiesektor: Gebaut wurde er einst, weil die USA noch vor 15 Jahren befürchteten, ihre Öl- und Gasreserven könnten sich dem Ende zu neigen. Mehrere solcher Importterminals wurden aus dem Boden gestampft, um das vermeintlich dringend benötigte LNG aus anderen Weltregionen aufnehmen zu können.

Revolution durch Fracking

Doch dann begann das, was die Amerikaner die „Schieferrevolution“ nennen: Mit Fracking, verbunden mit neuartigen horizontalen Bohrverfahren, können nun zuvor unerreichbare gigantische Öl- und Gasvorkommen vor allem in Schieferformationen ausgebeutet werden.

Innerhalb weniger Jahre machten sich die USA so unabhängig von Importen und schwingen sich jetzt auf, mit LNG den Weltmarkt zu erobern. „Wir haben den Wechsel von einer Ära des Energiebedarfs hin zu einer Ära des Energieüberschusses vollzogen“, sagt Barry Worthington, Direktor des US-Energieverbands USEA. „Wir werden der größte LNG-Exporteur der Welt.“ Und die deutschen Journalisten dürfen sehen und staunen.

Denn dabei wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Allein in den Golfbundesstaaten Texas und Louisiana sollen bis 2025 fast 300 Milliarden Dollar (268 Milliarden Euro) in die Petrochemiebranche investiert werden. Drei LNG-Exportterminals gibt es bislang in den USA. Vier Terminals sind derzeit noch im Bau, vier weitere sind bereits genehmigt. Und die Pläne für noch einmal doppelt so viele liegen schon in den Schubladen.

Werden tatsächlich alle gebaut, würden sich die Exportkapazitäten der USA mehr als verzehnfachen, auf 456 Millionen Tonnen jährlich. Zum Vergleich: 2018 wurden weltweit 319 Millionen Tonnen LNG gehandelt.

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Neue Nutzung der alten Terminals

Die alten Importterminals werden jedoch keineswegs überflüssig, sondern erweisen sich nach jahrelangem Dornröschenschlaf doch noch als Goldgruben. Denn ein Großteil der existierenden Anlagen wie Tanks, Leitungen oder Kaianlagen können auch für den Export genutzt werden.

Aber ihr größter Schatz ist der Anschluss an das weitverzweigte Pipelinenetz der USA. Wie im Mittelpunkt eines Spinnennetzes laufen die meisten Leitungen an der Golfküste zusammen. Für den Export muss mit geringem technischen Aufwand nur die Fließrichtung des Gases umgekehrt werden: Statt ins Binnenland wird es an die Küste geleitet.

Goldrausch am Golf

300 Milliarden Dollar beträgt die Gesamtsumme der laufenden oder geplanten Investitionen in Öl und Gas sowie in die verarbeitende Industrie allein in den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana. In der gesamten Wertschöpfungskette der Branche könnten dadurch laut Schätzung des US-LNG-Verbands bis zu sechs Millionen Arbeitsplätze entstehen. Das resultierende jährliche Steueraufkommen läge bei 120 Milliarden Dollar. Dafür braucht es allerdings Importterminals in den Empfängerländern: In Europa gibt es derzeit acht, keiner davon in Deutschland. Für mögliche künftige Standorte sind vor allem Brunsbüttel und Wilhelmshaven im Gespräch.

Neu gebaut werden müssen vor allem die Verflüssigungsanlagen. Während das per Schiff importierte tiefgekühlte LNG lediglich mit Hilfe riesiger Ventilatoren wieder aufgetaut wurde, muss das von den US-Förderstätten kommende Erdgas aufwendig in Kühltürmen auf unter minus 160 Grad Celsius abgekühlt werden, bis es flüssig wird. Das Volumen schrumpft dabei um den Faktor 600.

„Die Leitungen für einen Kühlturm haben eine Gesamtlänge von 1500 Meilen“, erklärt Robert Pate, Produktionsleiter im Terminal Freeport. Vier Verflüssigungsanlagen werden in Freeport gebaut. Insgesamt kostet der Umbau laut Pate 14 Milliarden Dollar. „Wenn alles fertig ist, werden wir der drittgrößte LNG-Terminal der Welt sein“, sagt Pate stolz.

LNG teurer als Pipeline-Gas

Doch wohin mit all dem Gas? Zwar steigt weltweit die Nachfrage nach LNG, vor allem in China. Europa nimmt dagegen nur zehn Prozent des US-Flüssiggases ab. Dahinter stehen eher strategische als wirtschaftliche Erwägungen: Die EU hofft, so drohende US-Strafzölle gegen Autos abwenden zu können. Schließlich ist US-LNG teurer als russisches Pipeline-Gas.

Aber Charlie Riedl, Vorsitzender des US-LNG-Verbands CLNG, ist überzeugt: „Die Bedarf an US-Gas wird steigen. Bis 2022 werden alle acht Importterminals in Europa ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben.“ Und: „Auf 20-Jahre-Sicht werden wir absolut konkurrenzfähig zu Pipeline-Gas sein.“

Auf Export angewiesen

Daran hat allerdings David Dismukes vom Zentrum für Energiestudien an der Universität von Louisiana in Baton Rouge seine Zweifel: „Die US-Gaspreise sind seit dem Jahr 2009 im Keller. Die Branche sucht daher dringend nach Abnehmern im Ausland, um durch Export Druck aus dem heimischen Markt zu nehmen.“

So billig das Gas in den USA ist, so teuer kommt es als LNG in Asien und Europa an: „Die Förderung macht nur 50 Prozent der Gesamtkosten aus“, erklärt Dismukes. Die Verflüssigung trage 16 Prozent zum Endpreis bei, der Transport 30 und das Auftauen am Importterminal sieben Prozent. Ergebnis: Der Marktpreis für LNG ist drei Mal so hoch wie der für US-Rohgas.

Dismukes sieht die Gefahr, dass sich im Export-„Goldrausch“ eine Blase bildet. „Wenn alle geplanten LNG-Terminals gebaut werden, könnte die Hälfte des gesamten US-Gases exportiert werden. Daher steckt ein großes Risiko darin, wenn sich die Märkte nicht so entwickeln, wie erhofft.“ Er rechne aber damit, dass nur etwa ein Viertel der geplanten Kapazitäten tatsächlich realisiert werden. „Es ist ein Glücksspiel – jeder hofft, noch zum Zug zu kommen.“

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