Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Jaegers Energie
Nachrichten MV aktuell Jaegers Energie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:03 11.08.2019
Johann-Georg Jaeger, Bündnis 90/Die Grünen in MV. Quelle: Cornelius Kettler
Anzeige
Rostock

Sein politisches „Erweckungserlebnis“ hat mit der großen Weltgeschichte zu tun. „1982/1983 war eine ganz besondere Zeit – die Abrüstungsverträge zwischen den USA und der Sowjetunion gerieten in Gefahr“, erinnert sich Johann-Georg Jaeger (53). In vielen Städten der DDR wurden in den Kirchen Friedensgebete organisiert, die rund um die Uhr liefen. Jaeger war damals 17 Jahre alt. „Auch in meiner Heimatstadt Nordhausen haben wir in der Kirche diskutiert, gesungen und gebetet – für den Erhalt des Friedens“, berichtet er. Durch diese Aktionen bekam die Friedensbewegung in Ost und West einen ungeheuren Schub.

1984 legt Jaeger in Nordhausen das Abitur ab, im Anschluss leistet er seinen NVA-Wehrdienst als Bausoldat, der DDR-Form des Wehrersatzdienstes. Wie sein Vater, der Pfarrer Joachim Jaeger, entscheidet er sich für ein Theologiestudium. Der Entschluss führt ihn 1987 nach Rostock.

1987 atomfreies Europa gefordert

Quasi auf dem Weg an die Universität wird Johann-Georg Jaeger am 1. September 1987 politisch aktiv. Am Weltfriedenstag führt der Olof-Palme-Friedensmarsch quer durch die DDR. „Mit zwei Freunden habe ich in Stralsund ein Plakat hochgehalten, auf dem wir eine atom- und atomwaffenfreie Zone in Europa gefordert haben“, erzählt er. Vermutlich Stasi-Männer seien gegen die jungen Protestierer vorgegangen, „wir rangelten heftig um das Plakat“.

In Rostock kommt Jaeger direkt in eine Phase des landesweiten Aufbruchs. Anfang 1988 werden beim Gedenkmarsch für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin Demonstranten verhaftet, die den Luxemburg-Spruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ öffentlich zeigen. Eine ungeheuerliche Provokation für die SED-Oberen. Die Protestierer werden verhaftet. „In der ganzen DDR, auch in Rostock, fordern Menschen in Fürbittandachten ihre Freilassung“, erzählt Jaeger, der diese Andachten in Rostock mitorganisiert. Im selben Jahr gehen dagegen von der Ökumenischen Versammlung hoffnungsvolle Signale aus. „Es wurden Programme ausgearbeitet, wie eine Gesellschaft aussehen soll, die sich auf Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung beruft“, erklärt Jaeger. Seitdem lässt ihn das Thema Umwelt nicht mehr los. Er organisiert Ausstellungen zu „Sackgasse Atomenergie“ und interessiert sich für regenerative Energien.

1989 führt Radtour durch Osteuropa

Prägend ist auch eine über vier Wochen dauernde Fahrradtour, die ihn und einige Freunde über 3000 Kilometer bis nach Rumänien führt. Sie durchqueren Polen, die Ukraine, Rumänien und Ungarn. „Wir übernachteten dort bei Einheimischen und diskutierten mit den Leuten“, erzählt er. Am meisten sei damals in Ungarn in Bewegung geraten. Als die Gruppe zurückfährt und die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und der DDR passiert, „waren die Grenzsoldaten total erstaunt, denn die Masse der Leute fuhr ja in die Gegenrichtung, um die DDR endgültig zu verlassen“.

Zu der Zeit eskaliert während der Messe in Leipzig die Lage. Junge Leute aus dem Friendsgebet in der Nikolaikirche fordern auf einem Plakat auch „Freie Wahlen“. Die Polizei schlägt zu und verhaftet die Protestierer. Für deren Freilassung beginnen in Leipziger Kirchen wieder Fürbittandachten. „Damals bin ich zu Pastor Henry Lohse von der Rostocker Petrikirche gegangen, denn wir von der studentischen Gruppe Umwelt wollten auch hier Fürbittandachten abhalten“, erzählt Jaeger. Die erste findet am 5. Oktober 1989 statt, die zweite eine Woche später. Und am 19. Oktober muss die Andacht wegen des großen Andrangs in die größere Marienkirche verlegt werden. Deren Pastor ist Joachim Gauck. Im Anschluss ziehen Tausende auf der ersten Demonstration des Umbruchs in Rostock durch die Innenstadt. Sie fordern unter anderem die sofortige Zulassung des „Neuen Forums“ sowie wirkliche Reformen im Land.

Demonstration in Rostock an 21.10. 1989: Am Sonnabend treffen sich mehrere tausend Menschen zu einer Demonstration durch die Innenstadt. Dabei kommt es zu Behinderung des Nahverkehrs. Während der Demonstration werden Forderungen u.a. nach Pressefreiheit und Gewaltlosigkeit sowie nach Zulassung des Neuen Forums laut. Quelle: Dietmar Weidler/Archiv Schmidtbauer

Mitbegründer des Protests in Rostock

In den Wochen danach überstürzen sich so wie hier auch landesweit die Ereignisse: Proteste, Dialogveranstaltungen, Fürbitten, Demonstrationen, Parteigründungen, Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung und des DDR-Waffenlagers in Kavelstorf bei Rostock. Jaeger ist bei vielem dabei. Als Mitbegründer der Bürgerbewegung „Neues Forum“ in Rostock – am 11. Oktober – gehört er mittlerweile deren Republikssprecherrat an. Mit dem Aufruf „Die Zeit ist reif – Aufbruch 89“ hat das Neue Forum als breite politische Plattform den demokratischen Dialog zwischen Bürgern und politischen Eliten in der DDR eingefordert.

Ein Demonstrant stellt am 19. Oktober 1989 eine Kerze vor der Bezirksverwaltung Rostock der Staatssicherheit in der August-Bebel-Straße auf. Quelle: nordlicht/Archiv Schmidtbauer

Jaegers politische Entwicklung aus dem Neuen Forum heraus ist folgerichtig. „Am 19. Juni 1993 schlossen sich Bürgerrechtler, Umwelt- und Friedensbewegte sowie Frauenpolitikerinnen aus Ost und West zum Bündnis 90/Die Grünen zusammen“, sagt er. Dem Landtag von MV gehört er von 2011 bis 2016 an. Der Rostocker war von Oktober 2016 bis Oktober 2018 Vorsitzender des Landesverbandes. Auch als Mitglied der „Ökumenischen Stiftung für Schöpfungsbewahrung und Nachhaltigkeit“ der Nordkirche ist er den Zielen aus seiner Jugendzeit treu geblieben.

Erneuerbare Energien zum Beruf gemacht

Ebenso folgerichtig ist seine berufliche Karriere. Schon als Theologiestudent interessiert er sich für Umweltschutz und erneuerbare Energien. Als Erhaltungswohner, so nennen sich in der DDR die Hausbesetzer, sieht er in der Rostocker Gärtnerstraße vom Fenster einer Nachbarwohnung aus eine Windkraftanlage der „ersten Generation“: Im Stadtteil Dierkow hatte jemand vier Rotorblätter eines sowjetischen Hubschraubers auf einem mit Drahtseilen gesicherten Mast montiert. „Das erste Windrad der DDR, das ein Ingenieur des Rostocker Dieselmotorenwerks konstruiert hatte, war aber nie dauerhaft in Betrieb gegangen“, berichtet Jaeger. Anders dagegen funktioniert das Windrad, das noch zu DDR-Zeiten am Ortseingang des Ostseebades Wustrow errichtet wird. „Das war eine dänische Anlage“, sagt Jaeger. Im Nachbarland hat er sich nach der Grenzöffnung über diese technischen Neuerungen umfassend informiert. Heute ist der Vater von vier Kindern selbstständiger Projektentwickler im Bereich regenerative Energien sowie Betreiber mehrerer Windkraft- und Solaranlagen und Mitglied des Landesvorstands MV des Bundesverbandes Windenergie. Kein Wunder also, dass sein Spitzname zumindest damals „Windmühle“ lautete.

INFOKASTEN:

Aktuell haben Bündnis 90/Die Grünen 830 Mitglieder in MV (Stand Anfang Juni) – so viele wie nie zuvor. Mit 255 Mitgliedern kommen die meisten aus Rostock. Vor einem Jahr waren es landesweit 693 Mitglieder. Zum Vergleich: Im Gründungsjahr 1993 hatte die Partei 290 Mitglieder.

Von Bernhard Schmidtbauer

Ein demenzkranker 88-Jähriger aus Schwerin wurde am Sonntagmorgen vermisst. Mittlerweile ist er wieder da – dank des Hinweises eines Bürgers.

11.08.2019

Die Hanse Sail in Rostock ist Geschichte: Das größte Volksfest in MV ist am Sonntag zu Ende gegangen. Wir berichteten an dieser Stelle mit vielen Bildern und Videos von den Ereignissen. Hier gibt es unseren Liveticker zum Nachlesen.

11.08.2019

Die Digitalisierung kommt auch in den Altenheimen an, jedenfalls in einigen. Internetzugänge werden für die Bewohner und Angehörigen immer wichtiger. Die Heime reagieren darauf.

10.08.2019