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MV aktuell Jeder kämpft für sich: Kalter Krieg reicht bis an die Schneefront
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15:31 28.12.2018
Dieter Flohr (81) war Sprecher der Volksmarine in der DDR. Er hat den Jahrhundertwinter 1978/79 hautnah miterlebt. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock/Lübeck/Kiel

Katastrophenalarm in der DDR und der BRD: Als die Schneehölle über Norddeutschland hereinbrach, traf es Ost und West gleichermaßen. Gab es in dieser Krisen- und Ausnahmesituation eine Kooperation beider Staaten?

Zeitzeuge Dieter Flohr, der damals für die Volksmarine aktiv war, berichtet, dass die am Winterkampf Beteiligten im Osten erst später erfahren hätten, dass es in Schleswig-Holstein ebensolche Schneeverwehungen, abgeschnittene Dörfer, zugewehte Straßen und Versorgungsprobleme gab wie in der DDR. Auch dort habe sich die Bundeswehr aktiv an den Rettungsaktionen beteiligt und Dankbarkeit durch die Bevölkerung erfahren.

„Eine grenzüberschreitende Hilfeaktion war seinerzeit völlig ausgeschlossen. Weder konnten Hubschrauber der Volksmarine Verletzte oder Hochschwangere in Kliniken Lübecks oder Kiel bringen, noch war dies den Hilfskräften der BRD möglich. So kämpften die Deutschen in West und Ost allein auf ihren Territorien gegen Schnee und Eis“, erinnert sich Dieter Flohr, seinerzeit Sprecher der Volksmarine der DDR.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Ein Blick auf die historischen Ereignisse der Jahre 1978/79 liefert eine mögliche Erklärung dafür. Die eisige Atmosphäre herrschte in dem Winter nicht nur aus meteorologischer Sicht, sondern auch zwischen den Staaten. In Brüssel fasste die Nato 1979 ihren berüchtigten Raketen-Doppelbeschluss. Sie kündigte die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper in Westeuropa an, falls der Osten seine Raketen SS-22 nicht abzieht. Doch die bleiben. Gorbatschow setzt auf neue Raketen, die ebenfalls in die DDR vorgezogen werden, sagt Flohr. Die gegenseitigen Drohgebärden häuften sich.

„Und eines darf man nicht vergessen. Die DDR und ihre Luftstreitkräfte hatten damals überhaupt keine Möglichkeit, nur in die Nähe der innerdeutschen Grenze zu kommen, geschweige denn darüber hinweg.“ Die Lufthoheit sei immer noch von der sowjetischen Besatzungsmacht, der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, beansprucht worden. „Soweit also zur angeblichen Souveränität der DDR“, fasst der heute 81-Jährige zusammen.

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Dieter Flohr/Virginie Wolfram