Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Klagewelle bremst Energiewende aus: 2019 nur elf neue Windräder in MV
Nachrichten MV aktuell Klagewelle bremst Energiewende aus: 2019 nur elf neue Windräder in MV
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
05:00 07.08.2019
In Deutschland – im Bild: ein Windpark bei Parchim – werden kaum noch neue Windräder errichtet. (Symbolfoto) Quelle: Jens Büttner / dpa
Anzeige
Rostock

Kaum neue Windräder, Stellenabbau und eine Zunahme von Insolvenzen: Die Windenergie-Branche in Deutschland steckt in einer schweren Krise. Firmen wie Prokon, Windwärts und Windreich rutschten in die Insolvenz.

Aktuell bangen rund 1500 Beschäftigte des Herstellers Senvion, unter anderem in Schleswig-Holstein und Hamburg, um ihre Stellen. Der Rostocker Hersteller Nordex kämpft mit schwindenden Umsätzen und Gewinnen; Aufträge gibt es vor allem aus dem Ausland, etwa den USA.

Anzeige

Was der Branche fehlt, sind Aufträge in Deutschland. Dazu Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern, die das Dilemma der Windenergie-Unternehmen verdeutlichen: Vor sechs Jahren wurden im ersten Halbjahr 64 neue Anlagen errichtet – nur noch elf neue Windräder waren es aktuell von Januar bis Juni 2019. Und bundesweit ging der Zubau im Vergleichszeitraum von insgesamt 650 Anlagen auf gerade noch 86 Anlagen zurück – ein Rekordtief. Damit ist der Ausbau von Windkraftanlagen fast zum Erliegen gekommen.

Planungs- und Genehmigungsverfahren dauern zu lange

„Die derzeitigen Ausbauprobleme der Windkraft sind vielschichtig“, sagt der Rostocker Bundestagsabgeordnete Peter Stein (CDU). Vor allem die mehr als 300 Klageverfahren würden den Ausbau bremsen. Auch dauerten Planungs- und Genehmigungsverfahren zu lange. Stein wird am Freitag auf der Branchenkonferenz Rostock Wind zu dem Thema sprechen. Rund 300 Teilnehmer werden bei der Veranstaltung erwartet.

„Genehmigungsstau und Klageflut belasten die Branche“, betont auch der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Windprojekte mit einer Gesamtleistung von 11 000 Megawatt (MW) steckten in Genehmigungsverfahren fest. Zudem würden die Länder nicht genug Flächen zur Verfügung stellen. Einerseits spreche die Bundesregierung „von der Erreichung ambitionierter Ausbau- und Klimaschutzziele für die Jahre 2030 und 2050, andererseits fehlt hierfür die Perspektive“, kritisiert Albers.

Energiewende gerät ins Stocken

Durch den Rückgang neu errichteter Anlagen gerate die Energiewende in Deutschland ins Stocken, sagt die Sprecherin des Rostocker Windenergieanlagen-Unternehmens Eno energy, Kathleen Zander. „Investoren und Unternehmen der Windbranche stellen ihre Investitionen zurück.“ Dadurch seien deutschlandweit Arbeitsplätze gefährdet, Teile der Wertschöpfung und des Know-hows würden ins Ausland verlagert. „Es werden dringend Genehmigungen benötigt, die derzeit nur schleppend erteilt werden“, sagt Kathleen Zander.

Nur wenige neue Anlagen

Bei 287 Megawatt (MW) beziehungsweise 86 neuen Anlagen lag der Bruttozubau der Windenergie im ersten Halbjahr 2019 in Deutschland. Das entspricht einem Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das geht aus Zahlen der Deutschen Windguard im Auftrag der Verbände BWE und VDMA Power Systems hervor.

Zieht man den Rückbau von Windenergieanlagen ab, ergibt sich ein Nettozubau von 231 MW bzw. 35 Anlagen. Das ist nach Angaben der Branchenverbände der schlechteste Wert seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000.

Eno energy kann sich den Angaben zufolge „bis jetzt am Markt ganz gut behaupten“. Ein Grund dafür sei eine „vorausschauende Genehmigungsplanung“. Zudem übernehme Eno energy für viele Anlagen Betriebsführung, Service und Wartung. „Auch in Frankreich und Schweden stärken wir unser Engagement“, erklärt die Sprecherin. Im ersten Halbjahr 2019 habe das Unternehmen in MV und Brandenburg elf neue Anlagen errichtet.

Bundesregierung lädt zum Windenergie-Gipfel

Die Bundesregierung hat inzwischen auf die Forderungen der Branche nach einem Windenergie-Gipfel reagiert. Vor wenigen Tagen hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) ein entsprechendes Treffen angekündigt. Es sei höchste Zeit für einen solchen „Windgipfel“, bei dem Anfang September alle Beteiligten zusammenkommen, betont der Bundestagsabgeordnete Stein.

Allerdings sei der Ausbau von Windenergie an Land „nicht unendlich steigerbar“, so der CDU-Politiker: „Eine Sättigung ist in Sicht.“ Stein: „Der Ausbau muss unter weitgehender Akzeptanz“ der Bürger geschehen. Eine entsprechende Arbeitsgruppe der Regierungskoalition setze sich „für einen vernünftigen Ausgleich aller Interessen“ ein. Denn: Die Windenergie sei für die Energiewende „von entscheidender Bedeutung und ohne sie werden wir unser Ziel bis 2050 nicht erreichen“, sagt Stein.

Mehr zum Thema:

Nordex: Darum gibt es trotz roter Zahlen mehr Arbeit in Rostock

Neue Jobs und Unternehmen: Windenergiebranche fordert Offshore-Testfeld vor Warnemünde

Bundestag erlaubt 300 Meter hohe Windräder vor Rostock-Warnemünde

Von Axel Meyer

Anzeige