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MV aktuell „Klimawirkung von Erdgas noch zu wenig erforscht“
Nachrichten MV aktuell „Klimawirkung von Erdgas noch zu wenig erforscht“
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21:35 14.06.2019
Bovanenkovo in Sibirien, Russland: Von hier kommt Erdgas für die Erdgas-Pipeline Nord Stream nach MV. Eine zweite Pipeline ist derzeit im Bau. Klimaforscher sehen einen steigenden Erdgasumsatz kritisch. Quelle: Gennadi Litvinov
Rostock

Erdgas sei derzeit nicht der Brückenkraftstoff auf dem Weg zu erneuerbaren Energien, erklärt, Dr. Lorenzo Cremonese vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Er fordert im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG: Forschung zu Methanverlusten müsse verstärkt, die beste technische Lösung bei Förderung und Transport genutzt werden. Risiken sehe er sowohl bei Flüssiggas aus den USA als auch bei russischem Naturgas.

Herr Cremonese, in Europa tobt ein Meinungskampf darüber, ob für die Energieversorgung der Zukunft LNG aus den USA oder mehr russisches Pipelinegas hierher gelangen soll. Aufhänger ist der Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 (NS 2). Wie beurteilen Sie dies?

Lorenzo Cremonese: Der größte Teil der Debatte über Nord Stream 2 hat sich auf die geopolitischen Auswirkungen konzentriert. Die Europäische Kommission und die USA unterstützen den Bau aus zwei verschiedenen Gründen nicht: Erstere sieht in dieser Infrastruktur eine Erhöhung der Energieabhängigkeit der Europäer von Russland statt einer stärkeren Diversifizierung der Versorgung, während die USA ihren Gasmarkt weltweit ausbauen wollen und nach neuen Märkten in Europa suchen. Andererseits könnte NS 2 schwerwiegende Auswirkungen auf die ukrainische Wirtschaft haben, ein Thema, das in Brüssel gesehen wird. Die Ukraine könnte tatsächlich nicht mehr als Transitland dienen, wenn NS 2 voll funktionsfähig sein wird und die Einnahmen aus den Transitgebühren verloren gehen.

Da die NS 2 ein privates Unterfangen ist, müssen Versuche, sie zu blockieren, eher auf juristischen Aspekten als auf rein politischem Handeln beruhen. Bisher sind alle Versuche der Europäischen Kommission und anderer Mitgliedsparteien, NS 2 zu blockieren, gescheitert. Das Projekt steht nun im Mittelpunkt eines geopolitischen Kampfes zwischen Russland, den USA und der Europäischen Kommission, wobei Deutschland gezwungen war, die Spannungen zu lösen und gleichzeitig die Versorgung mit billigem Gas in den nächsten Jahrzehnten sicherzustellen. Da NS 2 im Jahr 2020 bereits in Betrieb gehen soll, genehmigte Deutschland den Bau eines LNG-Terminals als Versuch, den Konflikt zwischen den USA und Russland auszugleichen. Aus rein geopolitischer Sicht erscheint mir dies eine vernünftige Lösung: Auf der einen Seite kann Seetransport von LNG aus den USA als Instrument gegen Russland eingesetzt werden, die Diversifizierung der europäischen Gasversorgung wird von den USA begrüßt und die europäische Gasimportkapazität erhöht.

Was spricht für/gegen US-LNG, was für/gegen russisches Gas?

Aus rein ökologischer Sicht ist es immer noch schwierig, zu bestimmen, ob LNG aus den USA oder Gas, das aus Russland geleitet wird, die beste Wahl sein könnte. Wir wissen zwar, wie viel CO2 bei der Energieerzeugung entsteht, aber wir wissen noch nicht, wie viel Methan – ein wichtiges Treibhausgas – bei Gewinnung, Transport und Verteilung freigesetzt wird. Schätzungen aus den USA scheinen dank mehrerer Forschungsprojekte, die in den vergangenen zehn Jahren durchgeführt wurden, genauer zu sein als in der Vergangenheit. Dennoch sind unabhängige Forschungsanstrengungen noch gering. Die von der russischen Gazprom gelieferten Methan-Emissionsdaten werden von der UNFCCC immer noch nicht akzeptiert, so dass wir keine realistischen Klimaauswirkungen der russischen Gasproduktion abschätzen können. Die Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Genauigkeit werden in vielen Ländern geteilt.

Ist Erdgas tatsächlich nötig als Überbrückung auf dem Weg zur Nutzung erneuerbarer Energien?

Aufgrund des Fehlens zuverlässiger Daten über Methanverluste und der Dringlichkeit der globalen Klimakrise kann die Darstellung von Erdgas als bequemem Brückenkraftstoff aus klimatischer Sicht nicht unterstützt werden. Erdgas ist keine relevante emissionsarme Quelle, wenn eine Leckrate von etwa zwei Prozent bestätigt wird. Andererseits, wenn wir der Meinung sind, dass diese Werte nicht ausreichend genau sind, kann diese Frage noch nicht beantwortet werden.

Was bedeutet Fracking für die Umwelt? Wie sicher ist die Gewinnung von Naturgas aus dem Permafrostboden?

Die große Mehrheit der nationalen Regierungen ist der Ansicht, dass die negativen Umweltauswirkungen von Fracking – Gewinnung von Schiefergas aus dem Untergrund – erfolgreich bewältigt werden können. Das Risiko wird als mit den meisten anderen industriellen Aktivitäten vergleichbar eingestuft. Die Forschung ist noch nicht abschließend, obwohl vieles davon darauf hindeutet, dass bei ordnungsgemäßer Bewirtschaftung und tiefem Verständnis der geologischen Gegebenheiten des Zielgebiets die Umweltrisiken wie Erdbeben, Grundwasser- und Methanverschmutzung erfolgreich bewältigt werden können.

Strenge Vorschriften, effiziente Kontrollen und eine hohe industrielle Leistung müssen bei der Arbeit an erster Stelle stehen, um ein überschaubares Risiko zu gewährleisten. Aus rein klimatischer Sicht sind die neuesten Erkenntnisse immer noch ambivalent, aber die verfügbaren vorläufigen Daten scheinen keine großen Diskrepanzen zwischen den Methanverlusten durch konventionelles oder unkonventionelles Gas, also Fracking-Gas, zu rechtfertigen, solange die höchste verfügbare Technologie genutzt wird.

Die Gasproduktion aus dem Permafrost ist sicherlich mit mehr Risiken verbunden als das Fracking, und sie wurde nur in wenigen Laborfällen getestet. Ob dies ein zukünftiger wirtschaftlicher und nachhaltiger Weg zur Förderung von Erdgas ist, lässt sich noch nicht abschätzen.

Welche Gefahr geht von Methan für die Umwelt aus?

Methan selbst ist für den Menschen nicht gefährlich, aber seine Fähigkeit, die von den Sonnenstrahlen erzeugte Wärme zurückzuhalten, ist viel höher als die von Kohlendioxid. Aus diesem Grund kann Methan die Atmosphäre auf Massenbasis 87 Mal mehr erwärmen als Kohlendioxid, wenn man seine Wirkung in einem Zeitraum von 20 Jahren betrachtet. Daher müssen wir unerwünschte Methanverluste in die Atmosphäre dringend minimieren.

Welchen Weg sollte Deutschland im Sinne eines bestmöglichen Klimaschutzes bei Gewährleistung der Energieversorgung gehen?

Deutschland steht an der Spitze des weltweiten Energiewandels und ist ein wertvolles Beispiel dafür, wie die Energiewende vorangetrieben und erneuerbare Energien gefördert werden können. Auf der anderen Seite ist Deutschland der höchste Erdgasverbraucher in Europa und wird dies auch in den nächsten zehn Jahren bleiben. Aus diesem Grund ist Deutschland verpflichtet, die gleichen Anstrengungen für eine ordnungsgemäße Bewirtschaftung und Nutzung fossiler Brennstoffe und in diesem speziellen Fall von Erdgas zu unternehmen.

Unabhängig davon, ob es sich um eine Pipeline oder einen Transport über LNG handelt, halte ich es für zentral, dass die Gasanlieferung nach Deutschland durch Best Practices gefördert und transportiert wurde, um so die Auswirkungen auf das Klima auf das bestmögliche Maß zu begrenzen. Weitere unabhängige Forschung und Zusammenarbeit zwischen Industrie, Regierungen des Auslands und Wissenschaftlern muss dringend gefördert und Lösungen entsprechend umgesetzt werden. Nur wenn minimale Methanverluste gewährleistet sind, kann sich Erdgas als nützlicher Brückenkraftstoff zu einem regenerativen Energiesystem positionieren.

Kommentar: Nicht erpressen lassen

Frank Pubantz

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