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MV aktuell Klimaschutz: Es gibt nicht nur „100 Prozent Öko“ oder „Scheiß drauf“
Nachrichten MV aktuell Klimaschutz: Es gibt nicht nur „100 Prozent Öko“ oder „Scheiß drauf“
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15:54 22.10.2019
OZ-Kolumnistin Leni Rabbel hat am Sonnabend Müll am Strand von Warnemünde gesammelt. In ihrem Text beschäftigt sie sich mit dem Thema Klimaschutz. Quelle: privat
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Rostock

Das Wochenende stand ganz im Zeichen des Klimaschutzes, so auch in Rostock: Fridays for Future, Klimaaktionstag und der Coastal Cleanup Day. Ich selbst habe am Sonnabend an meinem Heimatstrand Warnemünde Müll gesammelt. Dabei haben an zwölf Orten entlang der Ostsee 500 Menschen den Strandsand von 2700 Kilogramm Zigaretten, Kronenkorken, Eisstielen und Silvesterüberbleibseln befreit. Das Wetter war gut, die Sonne lockt natürlich und es fällt einem gleich viel leichter, etwas für die Umwelt zu tun.

Müll sammeln am Strand

Natürlich lockte das Kaiserwetter nicht nur die Müllsammler an, sondern auch den ein oder anderen schaulustigen Passanten. Während die meisten von der Aktion begeistert waren, gab es auch die altbekannten Stänkerfritzen, die zum Beispiel die Plastikhandschuhe, die einige zum Sammeln trugen, aufs Schärfste verurteilten.

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Dieses Verhalten ist mir nun schon häufiger aufgefallen, man tut etwas Gutes, ein kleiner Aspekt ist vielleicht ausbaufähig und die Leute stürzen sich darauf, wie auf die letzten Grillspieße beim All-you-can-eat-Büfett.

Warum der Hass gegen Greta?

Am auffälligsten ist dieses Phänomen wohl bei Greta Thunberg – oder Greta „Thunfisch“, wie sie gerne von Leuten genannt wird, die auch Mario Barth lustig finden. Die Leute warten wie die Geier, dass ein 16-jähriges Mädchen einen Fehler macht.

Für ihre Follower ist sie unter dem Namen „lenilicious“ bekannt, für Familie und Freunde einfach nur als Leni: Diese Rostocker Influencerin bloggt jetzt für die OZ.

Der Versuch, möglichst klimaneutral über den Atlantik zu kommen, war für ihre Gegner ein gefundenes Fressen. Wie kommt die Crew zurück? Und die Überwachung durch Flugzeug? Ist das wirklich notwendig und noch so umweltfreundlich? Ich persönlich hätte kein Problem damit gehabt, wenn Greta für ihre wichtige Mission den Luftweg gewählt hätte. Denn es gibt nicht nur „100 % Öko“ oder „Scheiß drauf“ – es gibt auch noch ein „Dazwischen“.

Vegetarier, aber fliegen?

Persönlich erlebe ich diese merkwürdige Art der Anfeindung am stärksten, wenn jemand erfährt, dass ich kein Fleisch esse. Entgegen der Erwartung an Vegetarier, teile ich meine Essgewohnheiten eher selten von mir aus mit: Mir ist nämlich ziemlich egal, ob jemand neben mir ein Steak isst.

Wenn ich allerdings ein Fleischgericht ablehne, erzählt mir mein Gegenüber von gesundheitlichen Risiken und erklärt mir, dass ich, wenn ich mich nicht vegan ernähre, es eigentlich auch sein lassen kann. Und warum ich Lederschuhe anhätte. Ich frage mich: Warum werden ständig Menschen, die sich in einem bestimmten Bereich engagieren, süffisant dafür kritisiert, wenn sie dieses Engagement nicht direkt perfekt und fehlerlos leben?

Diese Situation erlebe ich natürlich nicht jeden Tag, aber dennoch ist sie kein Einzelfall. Ich finde es aber okay, sich vegetarisch zu ernähren, aber dennoch Leder zu tragen. Ich bewundere Leute, die plastikfrei Leben, und akzeptiere trotzdem, dass sie zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen. Ich finde es nicht verwerflich, dass sich jemand der Umwelt zuliebe gegen sein Auto entschieden hat, aber trotzdem nicht Nein zu einem leckeren Schnitzel sagt.

Jeder noch so kleine Schritt bewegt etwas und ich verstehe nicht, dass die Leute immer auf kleinen Mängeln rumhacken müssen, um sich selbst besser zu fühlen.

Dann lieber nichts machen?

Ich gebe den Leuten recht, die sagen, dass die Hauptverantwortung eigentlich bei der Industrie liegen sollte, und der Konsument allein die kritische Lage nicht mehr retten kann. Dennoch kann jeder für sich im Privaten etwas tun, und wenn es erst einmal nur ein eigener wiederverwertbarer Einkaufsbeutel ist.

Wem ich jedoch nicht recht geben kann, sind Leute, die immer nur nach Fehlern bei anderen suchen und dann noch sagen, dass es eh alles nichts bringt. Das ist natürlich einfacher, aber leider kein Versuch, unsere Welt zu retten.

Mehr von Leni:

Alle Teile ihrer Kolumne lest ihr hier

Von Leni Rabbel