Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Klimaschutzdebatte: „Sonne und Wind reichen nicht“
Nachrichten MV aktuell Klimaschutzdebatte: „Sonne und Wind reichen nicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:22 07.11.2019
OZ und Uni hatten zur Klima-Debatte ins Konrad-Zuse-Haus geladen. Quelle: Dietmar Lilienthal
Anzeige
Rostock-Südstadt

Die harten Fakten waren für viele Besucher ein Schock: „Wir werden uns nicht nur mit erneuerbaren Energien versorgen können“, machte Energietechnik-Professor Harald Weber beim sogenannten Wippengespräch zum Thema Klimawandel deutlich. „Nur Sonne und Wind reichen nicht, wir brauchen auch Kraftwerke.“ Und auch dann könnten die Klimaziele nur durch massives Energiesparen erreicht werden. Denn der gesamte jährliche Energiebedarf Deutschlands betrage 2500 Terawattstunden, aber selbst bei einem optimalen Ausbau der erneuerbaren Energien könnten davon nur 1000 abgedeckt werden.

Die OSTSEE-Zeitung und die Uni hatten am Mittwochabend zu dieser ungewöhnlichen Gesprächsrunde geladen, bei der jeweils zwölf Teilnehmer gleichzeitig auf einem künstlerisch gestalteten Sitzmöbel Platz nehmen konnten und sich dabei ins Gesicht schauten. Diese Anordnung sollte die Diskussion disziplinierter und gleichzeitig offener machen. Das funktionierte auch ganz gut, die Argumente wurden sachlich und ruhig ausgetauscht.

Besondere Gesprächsform

Die Teilnehmer des Wippengesprächs nahmen auf der Installation „Seat#12“ der Berliner Künstlerin Jenny Brockmann Platz. Die futuristische Sitzgruppe aus Aluminium mit zwölf Schaumstoffsitzen soll eine besondere Gesprächsform ermöglichen, so die Künstlerin: „Alle sind verbunden, verspüren die Schwingungen des anderen, doch jeder bleibt in seiner Disziplin.“ Und jeder wird diszipliniert: Wer unvermittelt aufsteht, bringt sein Gegenüber ins Straucheln.

Ärger über Ältere

Nur die Vertreterin der Klimaschutz-Bewegung „Students for Future“, Pauline Zschach, konnte ihren Ärger darüber nicht immer verbergen, dass die anderen – meist deutlich älteren – Redner die Sorgen der Jugend ihrer Ansicht nach nicht ernst genug nahmen: „Ich bin der einzige junge Mensch hier in der Runde: Alle Entscheidungen, die Sie heute treffen, müssen wir später mittragen.“ Zschach forderte daher, sämtliche politischen Maßnahmen daran zu messen, wie sie sich auf das Klima auswirken.

Ute Römer vom Vorstand der Rostocker Stadtwerke hatte zuvor zwar betont, dass die Energieversorgung der Hansestadt langsam auf erneuerbare Energien umgestellt werde. Dies brauche jedoch Zeit. So werde das Rostocker Steinkohlekraftwerk, als eines der modernsten überhaupt, voraussichtlich erst zum letztmöglichen Zeitpunkt 2038 abgeschaltet. Der komplette Ausstieg aus fossilen Energieträgern werde wohl sogar erst 2050 gelingen, also ebenfalls zum spätest möglichen Termin. Darauf entgegnete Studentin Zschach: „Das reicht nicht! Wenn wir erst 2050 aussteigen, werden wir das Ziel von höchstens 1,5 Grad Erderwärmung meilenweit verfehlen.“

Spagat des Doppelministers

Der Schweriner Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) gab sich alle Mühe, für seine beiden Ressorts zu sprechen– ein mutiger Spagat, denn viele Kritiker machen die Landwirtschaft für die Umweltprobleme mit verantwortlich. Backhaus lobte zunächst die jungen Leute, die sich in der „Fridays for Future“-Bewegung engagieren, mit markigen Worten: „Wir feiern dieser Tage 30 Jahre Mauerfall. 1989 – das war ein Volksaufstand. So wie heute ,Fridays for Future’. Ich finde das gut.“ Der Minister betonte, MV habe schon viel für den Klimaschutz erreicht. „Wir produzieren etwa 6000 Megawatt Strom aus erneuerbaren Energien. Das ist so viel wie zehn Steinkohlekraftwerke. Wenn wir zehn neue Kohlekraftwerke bauen wollten, würde es einen Aufstand geben.“

Dann sprang Backhaus allerdings den Bauern bei und sprach von einer „Hysterie Massentierhaltung“: „Wir brauchen tierische Produkte für unsere Gesundheit.“ Bauernverbandspräsident Detlef Kurreck betonte, die Landwirte hätten selbst ein Interesse daran, die Umwelt zu schützen. Beim geplanten Agrarpaket der Bundesregierung, mit dem der Umwelt- und Tierschutz in der Landwirtschaft verbessert werden soll, fühlten sich die Landwirte aber nicht mitgenommen. Das wiederum wollte Ökologieprofessor Ulf Karsten nicht so stehenlassen: „Landwirtschaft, wenn sie industriell betrieben wird, schafft Probleme. So geht das Insektensterben auf diese Form der Landwirtschaft zurück.“

Schifffahrt bis 2040 klimafreundlich

Als ersten Diskussionspunkt hatten die Moderatoren, OZ-Chefredakteur Andreas Ebel und Uni-Rektor Wolfgang Schareck, das Thema Kreuzschifffahrt aufgerufen. Hansjörg Kunze, Sprecher der Rostocker Kreuzfahrtreederei Aida Cruises, sagte, er rechne damit, dass die Schifffahrt im Jahr 2040 auf umweltfreundliche Antriebe umgestellt sein werde. „Das wird ein Mix sein aus verflüssigtem Erdgas (LNG), Landstrom aus erneuerbaren Energien, Batterien und Brennstoffzellen.“ Ein wichtiges Element seien auch synthetische Kraftstoffe, an denen jedoch noch geforscht werden müsse.

Spediteur Stephan Gustke meinte, umweltfreundliche Antriebe müssten sich auch wirtschaftlich rechnen, um sich durchsetzen zu können. „Für Speditionen ist im Wettbewerb derzeit noch alleine der Preis entscheidend.“ Matthias Beller, Direktor des Leibniz-Instituts für Katalyse entgegnete, die Politik könne durchaus auch mit Verboten eingreifen, so wie Norwegen beim Verbot von Verbrennungsmotoren: „Dann ist das keine Frage des Preises mehr.“

Rund hundert Zuschauer verfolgten die Debatte. Sie konnten per App auch Einfluss darauf nehmen und über Fragen abstimmen. Etwa die Hälfte nahm dieses Angebot wahr.

Mehr zum Thema:

Von Axel Büssem

Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Christian Pegel (SPD) spricht von einer „Riesen-Chance“, aber es gibt auch Bedenken. Professor Jan Körnert, Wirtschaftsexperte der Universität Greifswald, sieht Gefahren in zu engen Verbindungen an das autoritäre Regime in China.

06.11.2019

Erstmals werden Waren von China per Zug durch Russland und über die Ostsee transportiert. MV erhofft sich davon mehr Bedeutung für seine Häfen im internationalen Wettbewerb. Doch es gibt auch kritische Töne.

07.11.2019

Schauspielerin Katrin Sass feiert in diesen Tagen gleich zwei Jubiläen: Das Erste zeigt im November gleich zwei neue Folgen – es wird ihr zehnter Fall sein. Das zweite Jubiläum ist der Mauerfall. An ihr Leben in der DDR erinnert sie sich teilweise mit Entsetzen zurück.

06.11.2019