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MV aktuell Das Rostocker Modell: Kostenlos in Bus und Bahn
Nachrichten MV aktuell Das Rostocker Modell: Kostenlos in Bus und Bahn
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06:00 20.10.2018
Vor dem Gymnasium in Sanitz bei Rostock steigen Schüler in den Bus, der sie wieder nach Hause bringt. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Rostock

„Das Rostocker Modell“ wird dieses Projekt schon deutschlandweit genannt: In der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns haben Schüler ab 2020 freie Fahrt mit Bus und Bahn im Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV). 20 000 Kinder und Jugendliche werden dann in den Genuss kommen, nicht nur für den Weg zur Schule und zurück, sondern auch in der Freizeit. keinen Cent zahlen zu müssen. Für diese ehrgeizige Idee muss die Rostocker Bürgerschaft jährlich 3,3 Millionen Euro aufbringen. „Die Bürgerschaft hat großen Mut bewiesen, sich trotz der Kosten so zu entscheiden“, erklärt Rostocks Sozialsenator Steffen Bockhahn (Die Linke). Mittlerweile sei das Projekt bundesweit bekannt. Unglaublich viele Politiker und Wissenschaftler würden sich dafür interessieren.

Die Kommunalpolitiker der Hansestadt wollen damit den privaten „Zubringer-Verkehr“ der Eltern zu den Schulen eindämmen. Und: „Das kostenlose Schülerticket soll der erste Schritt dahin sein, Busse und Bahnen in Rostock vollkommen gratis anzubieten“, sagt Bockhahn. An die Umlandgemeinden und den Landkreis Rostock gehe das Angebot, sich am kostenlosen Schülerticket zu beteiligen – natürlich auch finanziell.

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Dazu passt, dass der Nahverkehr in Rostock einer der günstigsten bundesweit ist. Das geht aus einer von „Spiegel Online“ in Auftrag gegeben Untersuchung hervor. Dazu wurden Angebote in den 39 größten Städten Deutschlands (mehr als 200 000 Einwohner) verglichen. Mit 55 Euro ist die Monatskarte in Rostock die günstigste in Deutschland. Nur in Freiburg (Baden-Württemberg) kostet dieses Ticket genauso viel. In Hamburg ist der entsprechende Fahrschein fast doppelt so teuer: 106,40 Euro.

Anfang des Jahres hatte die Bundesregierung einen kostenlosen ÖPNV in die Diskussion gebracht – als eine Maßnahme gegen drohende Dieselfahrverbote. Fünf Modellstädte sollte es dafür geben: Bonn, Essen, Herrenberg (Baden-Württemberg), Reutlingen und Mannheim. Aber alle Städte sagten ab, ein solches Vorhaben sei viel zu teuer, hieß es allerorten.

Bündnis 90/Die Grünen in MV sind sehr angetan von den Rostocker Plänen. Es sei ein notwendiger und folgerichtiger Schritt, erklärt Sally Raese, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität und Verkehr. „Wenn wir die Mobilitätswende als Beitrag zum Klimaschutz wollen, dann müssen wir bei den Kleinsten anfangen.“ Den Weg zur Schule mit dem Öffentlichen Personen-Nahverkehr flexibel und kostenfrei in den großen Städten zu bestreiten, sei zudem ein wichtiges Zeichen an die Landesregierung. „Die distanziert sich noch von einem landesweiten Schüler-Ticket“, kritisiert Sally Raese. Damit könnten die Schüler auch Fahrten außerhalb der Schulwege, aber mit schulischem Bezug unternehmen. Auch die Schüler, die eine Schule in einem anderen Landkreis besuchen, fallen dann nicht mehr aus jeglichen Regelungen und Finanzierungen heraus. Rostock hat zudem das Schüler-Ticket auf den Freizeitbereich ausgedehnt. Schule und Freizeit sind manchmal nicht zu trennen – die Wege überschneiden sich. Die Nutzung von Musik, Feuerwehr und Sportangeboten darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein. Die Fahrt mit dem Bus, der Straßenbahn oder dem Zug nun auch kostenfrei zu gestalten ist ein wesentlicher Schritt zur sozialen Teilhabe und macht den ÖPNV für Schüler erst so richtig attraktiv.“

Auch der Landesverband MV des Deutschen Kinderschutzbundes begrüßt das Vorhaben in Rostock, das kostenlose Ticket für Schüler ab 2020 einzuführen. „Insbesondere befürworten wir, dass dieses nicht nur für die Fahrten zur Schule, sondern auch für den Freizeitbereich gelten soll. Somit haben Rostocker Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, nach der Schule verschiedene Freizeitaktivitäten zu nutzen“, erklärt Landesvorsitzende Angelika Stiemer. Es sei allerdings noch nicht nachvollziehbar, aus welchen Gründen das Ticket ausschließlich für Schüler von staatlichen Schulen vorgesehen ist. „Grundsätzlich halten wir dies für einen Schritt in die richtige Richtung, um allen Kindern gleichwertige Chancen zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu geben“, sagt Angelika Stiemer. Dieses Vorhaben sei sicherlich ein Vorbild für andere Kommunen.

Bernhard Schmidtbauer