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MV aktuell Kostenlose Kita: Eltern wollen lieber zahlen – und dafür bessere Qualität
Nachrichten MV aktuell Kostenlose Kita: Eltern wollen lieber zahlen – und dafür bessere Qualität
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08:49 15.05.2019
Komplette Entlastung von Kita-Kosten für Eltern ab 2020 verspricht Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Nicht alle Eltern wollen das, stattdessen bessere Qualität der Betreuung ihrer Kinder. Quelle: Anja Levien
Rostock/Schwerin

Lieber bessere Kinderbetreuung in Kitas als Geldgeschenke – mit dieser Botschaft wenden sich Eltern an die Landespolitik. Scharfen Gegenwind erhält das Lieblingsthema Eltern-Kostenfreiheit von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) auch von Kita-Trägern und Kommunen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ruft am Mittwoch zu einer Demo vor dem Landtag in Schwerin auf, wo eine Novelle des Kita-Gesetzes Thema ist. Damit soll der Druck für mehr Qualität in der Kindertagesbetreuung erhöht werden.

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Eltern: Qualität und Personal haben Priorität

Ab 2020 will die Koalition aus SPD und CDU Eltern bei Kita-Kosten komplett entlasten. Doch viele Eltern wollen gar nicht von Kosten befreit werden, ist Bastian Schwennigcke überzeugt. „Priorität haben für uns die Qualität, Personal und Ausbildungsverbesserung“, sagt der Vorsitzende des Kita-Stadtelternrates Rostock. Man sei gegen eine „Gießkannen-Logik“ der Regierung. Gemeinsam mit dem Kita-Elternrat Mecklenburgische Seenplatte haben die Rostocker eine kritische Stellungnahme an die Landespolitik gesandt. Statt alle Eltern aus „wahltaktischen Gründen“ zu entlasten, sollte Politik für Verbesserungen mehr Geld ins System stecken. Denn die Not in den Kitas sei groß: Erzieher müssten zu viele Kinder betreuen, würden oft schlecht bezahlt, hätten kaum Zeit für inhaltliche Arbeit.

70 Millionen für Kinderbetreuung vom Bund

Knapp 70 Millionen Euro erhält MV über das Gute-Kita-Gesetz für die Jahre 2019 bis 2022 vom Bund. Dies sehe der Vertrag zur Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes vor, den das Kabinett in seiner Sitzung am Dienstag gebilligt habe, teilt die Staatskanzlei mit. Er könne nun von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (beide SPD) unterzeichnet werden.

„Mit diesem Vertrag gehen wir einen weiteren Schritt auf dem Weg zur kostenlosen Kita bei uns in MV“, erklärte Schwesig. Die Elternbeitragsfreiheit soll zwar überwiegend aus Mitteln des Landes finanziert werden. „Wir haben aber immer gesagt, dass wir auch die Unterstützung des Bundes brauchen, um dieses Ziel zu erreichen.“

Verbände fordern landesweiten Personalschlüssel

Der Sozialausschuss des Landtags wird am Mittwoch Betroffene zum Thema anhören. Die Kritik ist schon zuvor massiv und vielstimmig. MV habe derzeit den schlechtesten Betreuungsschlüssel im Ländervergleich: Ein Erzieher muss in der Krippe sechs, im Kindergarten 15, im Hort 22 Kinder betreuen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband MV fordert Reduzierung, denn es sei wissenschaftlich erwiesen, dass zu wenig Personal in großen Gruppen „erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder“ habe. Der Städte- und Gemeindetag MV spricht sich für einen Mindestpersonalschlüssel im neuen Gesetz aus. Heißt: Kita-Träger sollten verpflichtet werden, auch genügend Personal für Urlaubs- oder Krankheitsvertretung vorzuhalten. Als „Stückwerk“ wertet die Gewerkschaft Verdi die geplante Elternentlastung der Regierung. Dringend nötig sei stattdessen mehr Geld für die Qualität der Betreuung. René Eichhorn vom Landesverband Kindertagespflege erklärt: „Die Elternentlastung, so wünschenswert sie auch sein mag, ist der dritte Schritt vor dem ersten.“ Zunächst müsse die „miese, nicht existenzsichernde Vergütung“ vieler Erzieher verändert werden.

Vater fürchtet soziale Spaltung im Kita-System

Noch deutlicher sind Warnungen von der Basis. Silke Hermann, Inhaberin der KitaBiene Maja“ in Stralsund, hält es für „sozial- und familienpolitisch verfehlt“, Eltern komplett von den Kita-Kosten zu entbinden, da Wohlhabende bevorteilt würden. Sie warnt vor einer „Scheißegal-Haltung“ bei Eltern, die die Bindung zur Kita verlieren könnten, weil die Betreuung ja nichts kostet. Bastian Schwennigcke, Rostock, selbst dreifacher Vater, sieht gar die „Gefahr einer Gentrifizierung des Kita-Systems“. Würden Elternkosten in allen Kitas entfallen, dürften jene, die Kinder betuchter Familien betreuen, Umlagen für Extras erheben. Andere Kitas könnten dies nicht, was eine weitere Trennung sozialer Schichten zur Folge hätte. Weiteres Problem: Ein großer Teil des Geldes zur Elternentlastung soll künftig über das „Gute-Kita-Gesetz“ des Bundes fließen – abgesichert allerdings nur bis 2022. „Und was dann?“, fragt Schwennigcke.

Online-Petition für bessere Kita-Betreuung

Um die Kinder geht es auch Diana Hadrath. Die Greifswalderin hat mit anderen Kita-Fachberatern eine Online-Petition ins Leben gerufen. Forderungen: mehr Personal, mehr inhaltliche Arbeit, gleiche Löhne für Beschäftigte. Erzieher könnten die Arbeit derzeit nicht bewältigen, sagt Hadrath. Bei einer Fachkraft auf sechs Kinder in der Krippe gehe es nur „ums Abarbeiten, individuelles Miteinander ist nicht möglich“. Dabei sei doch allen klar: Kita-Betreuung ist Bildung.

Sozialministerin Drese verteidigt die Pläne

Regierungschefin Schwesig bezeichnete die Kita-Pläne als die „größte Familienentlastung in der Geschichte unseres Landes“. Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) verteidigt die Novelle. Es habe viele Gespräche mit Verbänden und Eltern gegeben, Änderungswünsche seien eingeflossen. Die Regierung stelle nun zusätzlich knapp sieben Millionen Euro für „qualitative Verbesserungen“ bereit.

Kritikern reicht das nicht: Das genannte Geld stopfe gerade mal bestehende Löcher. Einen „landeseinheitlichen Personalschlüssel“ fordert auch Jacqueline Bernhardt (Linke) im neuen Gesetz. „Kostenfreiheit und Qualität dürfen sich nicht ausschließen.“

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