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Kultur Doku über DDR-Jeans: Echte „Boxer“ und kopierte „Levi’s“
Nachrichten MV aktuell Kultur Doku über DDR-Jeans: Echte „Boxer“ und kopierte „Levi’s“
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23:08 21.05.2014
Die Näherinnen Silke Ziegler und Jana Rübe tragen 1989 die neuen Modelle des VEB Jugendmode Rostock.
Die Näherinnen Silke Ziegler und Jana Rübe tragen 1989 die neuen Modelle des VEB Jugendmode Rostock. Quelle: Klaus Walter
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Rostock

Frank Schöbel war der erste. 1964 wurde im Überseehafen Rostock der Film „Reise ins Ehebett“ gedreht. Angetrunkene Matrosen tanzen auf dem Schiffsdeck. Der blutjunge Schlagerstar Schöbel trägt eine Jeans. Undenkbar damals. Doch der Skandal blieb aus. Warum? „Ich glaube, sie haben es nicht bemerkt“, mutmaßt Schöbel heute. Die Geschichte der Jeans in der DDR wird an diesem Mittwoch (21. Mai) in der NDR-Dokumentation „Als die Jeans noch Nietenhose hieß“ nachgezeichnet (21 Uhr, NDR 3.)

Schöbels Fast-Skandal ist zu sehen: Unvermittelt wechselt das Bild von Farbe zu Schwarzweiß, und die Jeans ist kaum zu erkennen. Dafür wurde sie im Leben umso mehr wahrgenommen. „Wir hatten Westverwandtschaft in Pinneberg“, erzählt Steffen Schneider, Autor des Films, der in Rostock aufwuchs. Eine getragene „Wrangler“ war seine erste Nietenhose. „Wenn man damit das erste Mal zur Schule ging, war das, als ob man schwebte“, erinnert er sich. Das waren die 1980er. Ein paar Jahre vorher wäre er des Hauses verwiesen worden – so wie Antje Thürke in den 60ern. Schneider erzählt davon in seinem Film. Ihre Biografie ist tragisch: Die erste Jeans kam von der Mutter, die in Amerika lebte. Die Dänin war bei Kriegsende geflohen und hatte ihre Tochter bei den Eltern ihres deutschen Mannes zurückgelassen. Mit 16 erfuhr diese von der Mutter in New York. Die West-Klamotten, die sie bekam, wogen nicht das Trauma des Verlassenseins auf.

Wer keine Westverwandtschaft hatte, musste sich mit den DDR-Modellen begnügen: „Boxer“, „Wisent“ und natürlich „Shanty“ aus Rostock waren Hosen mieser Qualität. Zum einen lag das am Rohstoff, erklärt Rebecca Menzel, die in Westberlin aufwuchs und vom Jeans-Monolog in Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ so fasziniert war, dass sie zur DDR-Jeans-Forscherin wurde. Als die erste „Wisent“-Jeans auf dem Markt erschien, klopfte auch schon „Levi’s“ an die Tür: Ihr habt den Schnitt unserer „501“ geklaut. Die DDR musste zahlen.

Die Jeans war ein Symbol der Freiheit. Die West-Jeans wohlgemerkt. „In einer ‚Boxer’-Jeans konnte man schlecht rebellieren“, sagt Gunnar Böhm. Der ehemalige Rostocker, der nach der Wende für „Levi’s“ arbeitete, wusste sich zu helfen: Für zehn DDR-Mark „mietete“ er die Jeans eines Freundes und brachte sie in ein vietnamesisches Schneiderbüro um die Ecke, um sie kopieren zu lassen. Gerd Stachow aus Grevesmühlen holte eine Beatles-Cover-Band in die Stadt – und verlor seinen Job. Kameramann Axel Schneppat verkaufte auf der Mole von Warnemünde abfotografierte Bilder von Popstars aus der „Bravo“ und verdiente ein Vermögen.



Matthias Schümann

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