Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Michael Kohlhaas mit den Dum-Dum-Geschossen
Nachrichten MV aktuell Kultur Michael Kohlhaas mit den Dum-Dum-Geschossen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:52 06.09.2015
Simon Amstad (Antoine Monot Jr., l) und Karin Amstad (Sarah Hostettler, r.) im  „Tatort“-Folge „Ihr werdet gerichtet“.
Simon Amstad (Antoine Monot Jr., l) und Karin Amstad (Sarah Hostettler, r.) im  „Tatort“-Folge „Ihr werdet gerichtet“. Quelle: Daniel Winkler/dpa
Anzeige
Rostock

Der letzte „Tatort“ vor der Sommerpause kam aus Luzern, und auch der erste nach den Ferien spielt in der Stadt im Zentrum der Schweiz. Neben dem Wiedersehen mit den inzwischen vertrauten Kommissar-Darstellern Stefan Gubser (als Reto Flückiger) und Delia Mayer (als Liz Ritschard) gab es in der Folge „Ihr werdet gerichtet“ noch ein Déjà vu: mit einem gewissen Antoine Monot junior. Den Namen des 40 Jahre alten Deutsch-Schweizers wird kaum jemand kennen, doch der Schauspieler mit dem dichten Bart ist seit einiger Zeit omnipäsent. Allein 2014 war er in fünf Fernseh- und zwei Kinofilmen besetzt. Und ganz bestimmt kennt ihn ein großes Publikum aus der Werbekampagne eines Elektronikmarktes, wo er als Verkäufer „Tech-Nick“ auftritt („Bei Technik-Fragen: Tech-Nick fragen“).

Im „Tatort“ betätigt sich der starke Mann auch als Techniker, er bastelte in seiner Werkstatt infame Geschosse, Dum-Dum-Projektile, versehen mit Paragrafenzeichen, mit denen er Männer, die sich seiner Ansicht nach schwerer Straftaten schuldig gemacht haben, auf offener Straße exekutiert. Eine außergewöhnliche Geschichte haben sich Regisseur Florian Froschmayer und Drehbuchautor Urs Bühler da einfallen lassen: Man kennt den Killer von der ersten Szenen an und wird schnell über sein Motiv aufgeklärt: Seine Frau Karin (Sarah Hostettler) war Opfer eines Vergewaltigers, der wegen der Überforderung der Justiz nie belangt wurde. Jetzt dämmert sie zu Hause vor sich hin.

Dass Strafverfahren sehr lange dauern und dass das Gerechtigkeitsgefühl des braven Bürgers dabei Schaden nehmen kann, das demonstriert dieser „Tatort“, und auch, wie jener enttäuschte Bürger selbst zum Verbrecher wird. Das mag so brutal wie in „Ihr werdet gerichtet“ in der Realität nicht vorkommen, doch dass sich jemand zur Selbstjustiz getrieben sieht, sich die Rolle von Richter und Henker in Personalunion anmaßt und damit selbst zum Verbrecher wird, das erscheint nicht so weit hergeholt.

Und dann bietet der Film auch noch einen Grundkurs in Kriminalpsychologie – der Profiler (Michael Finger) macht’s möglich, der sogleich weiß, dass da ein Michael Kohlhaas am Werk ist. Er macht die Zuschauer mit dem „Verlust des basic belief“ vertraut, dem der Täter unterliegt, er klärt über „Anpassungsstörungen“ und „posttraumatische Verbitterung“ auf.

Das Thema ist mindestens so gewichtig und sensibel wie die Figur des Antoine Monot junior, der in diesem „Tatort“ mit seinem feinnervigen Spiel sogar die untadeligen Kommissar-Darsteller Gubser und Mayer übertrifft. Der Begriff „Killer“ passt trotz der vielen Opfer, die er wortwörtlich von den Beinen holt, nicht so recht auf diesen Täter. Dass dieser Bär von Mann nicht überleben durfte, war aber von Anfang an klar.



Michael Berger