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00:00 03.03.2018
Fake News, Hate Speech, Cybermobbing – Workshop bei der Bundesjugendkonferenz Medien in Rostock. Quelle: Fotos: Frank Söllner (1), Klaus Amberger (3)
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Rostock

Vanessa Grundig hat das erlebt, was viele junge Leute erleben: Cybermobbing. Heißt: Bloßstellen, Beleidigen und Belästigen anderer im Internet. „Ich hatte mich mit einer Freundin zerstritten, worauf sie in den sozialen Medien meine Identität geklaut hat, um Privates von mir preiszugeben“, berichtet die 17-jährige Schülerin aus Ahlbeck auf Usedom. Zwar wurde der Vorfall geklärt, das falsche Profil gelöscht, „aber es bleibt etwas hängen“. Misstrauen. „So schnell vertraue ich niemandem mehr.“

Cybermobbing ist eine verbreitete Gefahr. Darüber tauschen sich bis heute in Rostock 300 junge Medienscouts aus.

Seit gestern sitzen 300 sogenannte Medienscouts in Rostock bei der 3. Bundesjugendkonferenz Medien zusammen. Vanessa gehört dazu. „Medienscouts erklären Mitschülern viel zu den neuen Medien und sagen auch deutlich, wo die Risiken liegen“, erläutert sie. In der Hansestadt treffen sich Medien-Pfadfinder aus zwölf Bundesländern, um Erfahrungen auszutauschen. Es geht unter anderem um Datensicherheit, Fake News, Hate Speech, muslimische Medienprediger, Populismus im Netz oder um Darknet und Cybermobbing.

Initiatorin der Veranstaltung, Rechtsanwältin Gesa Stückmann aus Rostock, sagt, dass die Dunkelziffer der im Netz beschimpften, diffamierten und lächerlich gemachten Mädchen und Jungen sehr hoch sei.

Höher als offizielle Schätzungen, die von einem Anteil von bis zu 25 Prozent der Schüler ausgehen.

Medienscout Niklas Wenisch (17) aus Ahlbeck geht da noch einen Schritt weiter: „Irgendwann passiert das fast jedem.“ Auch er war bereits betroffen. Ein Foto wurde von ihm bearbeitet und online gestellt, um ihn zu veralbern. „Das war kränkend und nervig, ich fühlte mich angegriffen.“ Anwältin Gesa Stückmann sagt, Cybermobbing habe nicht nur für die Opfer gravierende Folgen, auch Täter werden schnell in Verantwortung genommen – auch wenn sie unter 14 Jahre alt sind. „Dann greift zwar nicht das Strafrecht, aber das Zivilrecht.“ Und das wird meist teuer für die Täter. „Wenn Kinder etwa ein Smartphone nutzen, müssen sie wie Erwachsene wissen, was man nicht tun darf.“ Härtere Strafen für Täter lehne sie aber ab. „Die Gesetze reichen aus.“ Besser sei eine „nachhaltige Prävention“.

Beide Schüler, Vanessa und Niklas, halten regelmäßig Vorträge vor jüngeren Schülern, die erstaunlich oft auch schon von Cybermobbing betroffen seien. „Das wirkt besser, als wenn Lehrer das übernehmen, weil wir auf Augenhöhe mit den Mitschülern reden“, sagt Niklas. Schulsozialarbeiterin Ina Wernitz aus Ahlbeck bestätigt die guten Erfahrungen mit Medienscouts: „Die Hemmschwelle, über eigene Fehler im Internet zu reden, ist untereinander viel niedriger.“

Was sollte man auf keinen Fall von sich, auch nicht Freunden, via Handy schicken? „Party- und Nacktbilder“, sagt Niklas. „Und wenn doch mal etwas passiert, dann muss man sich an eine Vertrauensperson wenden – auch wenn es peinlich ist“, so Vanessa.

Millionen Klicks mit Anti-Mobbing-Clip

In der Schule wurde er gedemütigt, gehänselt, beleidigt, ausgegrenzt, bedroht – und hat sich am Ende erfolgreich dagegen gewehrt: Benjamin Fokken aus Weener in Ostfriesland. Heute 22 Jahre alt, stellte er 2015 ein eindringliches Anti-Mobbing-Video ins Netz, das mittlerweile millionenfach angeklickt wurde. Fokken steht vor einer weißen Wand, hält handgeschriebene Zettel in die Kamera: „Niemand ist weniger wert, weil...“. Im Hintergrund: leise Klaviermusik aus dem Vampirfilm „Twilight“. Der kurze Clip erinnert an ein Video von Amanda Todd, einer Schülerin aus Kanada, die ebenfalls von Mobbingerfahrungen erzählte – und sich später das Leben nahm. Heute spricht Fokken offen über Mobbing – im Radio, im Fernsehen, in Schulen, in einem Buch und – gestern – auf der Bundesjugendkonferenz Medien in Rostock.

Woher nahmen Sie den Mut, mit einem solchen Video an die Öffentlichkeit zu gehen?

Benjamin Fokken: Ich hatte immer Angst, eine solche Aktion könnte nach hinten losgehen und die Situation noch schlimmer machen. Aber dann wurde auch eine Freundin von mir – wie ich auch etwas fülliger – gemobbt. Und das gab schließlich den letzten Impuls: Du musst etwas machen, jetzt oder nie!

Ihr Video wurde mittlerweile mehrere Millionen Mal angeklickt. Hatten Sie mit solch einer großen Resonanz gerechnet?

Nein, das hätte ich nie erwartet. Und ich wusste auch nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das war am Anfang schon etwas komisch, als TV-Teams zu uns nach Hause kamen. So etwas kennt man ja normalerweise nicht – und das Thema ist schon sehr persönlich.

Aber mittlerweile haben Sie sich an die Öffentlichkeit gewöhnt?

Ja, heute kann ich gut über das Thema reden: Ich kann Leuten helfen, denn ich wurde selbst Opfer. Ich kann zeigen: Es gibt immer einen Ausweg, und man ist nicht allein. Es ist unglaublich, wie viele Leute Ähnliches durchgemacht haben. Mittlerweile ist das Thema ja überall in den Medien. Und das ist wichtig. Denn Mobbing ist schlimm, sehr schlimm.

Was können Sie Mobbing-Opfern raten?

Pauschale Tipps sind natürlich sehr schwierig, jeder Mobbing-Fall ist anders. Aber das Wichtigste ist: Sprich darüber! Such Dir Hilfe!

Sie selbst haben lange geschwiegen, Eltern und Lehrern nichts verraten.

Ja. Das war falsch. Heute weiß ich es besser: Dir kann niemand helfen, wenn keiner etwas weiß. Vor der Entscheidung, einen Clip zu machen, bin ich in eine Arbeitsgemeinschaft gegangen, habe Musik gemacht und so neue Freunde gefunden. So habe ich den Mut gefunden, das Thema öffentlich zu machen.

Wie sieht ein typisches MobbingOpfer aus?

Das ist nicht so einfach: Jeder kann zum Opfer werden – in der Schule, auf der Arbeit, in der Freizeit. Fakt aber ist: Oft haben die Mobber selbst Probleme. Viele bauen ihr eigenes Selbstbewusstsein dadurch auf, indem sie andere ausgrenzen.

Interview: Thomas Luczak

Klaus Amberger

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