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MV aktuell So lebt es sich im Koloss von Prora auf Rügen
Nachrichten MV aktuell So lebt es sich im Koloss von Prora auf Rügen
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06:30 20.08.2019
Wohnen im Koloss von Prora: Die Berlinerin Marina Siegmund kaufte eine der Eigentumswohnungen und fühlt sich wohl. Quelle: Christian Rödel
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Prora

Marina Siegmund steht sie auf ihrem Balkon und zeigt mit dem Arm auf ihren Garten: „Dit ist doch der Hammer, oder nicht?“, ruft die 56-Jährige mit unverkennbarem Berliner Dialekt. Strandhafer wächst auf der Wiese, die von einer Baumreihe begrenzt wird.

Durch das Laub schimmert die Ostsee – 150 Meter von ihrem Balkon entfernt. Jeden Morgen nach dem Aufstehen habe sie diesen Ausblick. Eine bessere Art zu Wohnen könne sich kaum vorstellen, sagt Marina Siegemund.

Erstbewohner 82 Jahre nach Baubeginn

Die Berlinerin und ihr Mann Detlef Siegmund haben in Prora auf Rügen ihren Plan verwirklicht, eines Tages direkt am Meer zu leben. Vor einem Jahr zogen beide in ihre 92 Quadratmeter große Wohnung, im Block 2 des ehemaligen „Kraft durch Freude“-Bads. Die Nazi-Historie schreckte sie nicht, das Haus könne ja schließlich nichts für seine Erfinder. Die Siegmund sind sozusagen Erstbezieher, 82 Jahren nach Baubeginn.

Bildergalerie: Zuhause im Koloss von Prora

Jahrzehntelang lag das nie vollendete „Seebad der 20 000“ der Nazis brach. Inzwischen sind die ersten Bewohner eingezogen und fühlen sich wohl.

„Das war hier noch alles Baustelle“, sagt die Neu-Rügenerin. Übernachtet haben sie anfangs noch in Schlafsäcken, inzwischen gibt es mehr Luxus: Feines Leder im Wohnzimmer, verblüffend echt aussehende Holzscheite glimmen im elektrisch beheizten Kamin. Alles wirkt hell, freundlich, edel. Eine Treppe führt ein Stockwerk höher, in die erste Etage und zu dem Balkon mit dem Ostsee-Blick. Der bleibe den Nachbarn in den oberen Stockwerken allerdings verwehrt, weil die Bäume im Weg seien. Unten im Erdgeschoss schließt sich eine Terrasse ans Wohnzimmer an. Mit Blick ins Grüne und mit Strandkorb. Der ist abgedeckt, weil er sonst zu schnell ausbleichen würde.

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Alternative zu Sylt

Die gebürtige Berlinerin arbeitete 40 Jahre als Bankerin, die meiste Zeit im Hypothekengeschäft. Mit Immobilien kennt sie sich also aus. Prora habe sie sofort überzeugt, obwohl es am Anfang noch recht wild aussah. Sie wäre auch gern an die Nordsee gezogen, etwa auf Sylt, aber „da gibt es nichts mehr“. In Prora bezahlten die Siegmunds rund 430 000 Euro. Die Wohnung sei ihren Preis wert, meint Marina Siegmund. Das Gesamtpaket sei einfach toll.Sie schwimmt zum Beispiel jeden Morgen 2000 Meter im beheizten Außenpool. Der gehört zum Hotel Solitäire in Block 2, Eigentümer dürfen dessen Wellness-Angebote mitbenutzen. Ein weiterer Pool für die Siegmunds und ihre direkten Nachbarn ist im Bau.

Adel aus Dubai als Nachbarn

Die sportliche Frau ist bereits im Vorruhestand, ihr Mann arbeitet noch und kommt vorerst nur am Wochenende ins neue gemeinsame Heim. Block 2 des 4,5 Meter langen „Koloss’ von Prora“ wurde als erster nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf umgebaut. „Die 400 Wohnungen sind zu 100 Prozent verkauft“, sagt Manfred Hartwig, Prokurist bei der zuständigen Firma Prora Solitaire. Glamour inklusive. Unter den Bewohnern kursiert das Gerücht, ein Prinz der Herrscherfamilie Al Maktum aus Dubai habe sich hier eingekauft, weil er gerne auf der Insel Rad fahre. Das sei richtig, sagt Hartwig. Das sei aber alles nicht so luxuriös, wie man sich das vielleicht vorstellte.

Besonders oft ist der reiche Adelsspross, der weitere Immobilien auf Rügen besitzen soll, offenbar nicht da. Marina Siegmund hat ihn jedenfalls noch nie zu Gesicht bekommen. Wohnungskäufer wie sie, die ihren Lebensmittelpunkt komplett ins Ostseebad verlegen, sind eine Minderheit. Nur wenige Namen stehen auf den Fächern des riesigen Sammelbriefkastens. Auf den meisten deuten nur anonyme Wohnungsnummern auf die Inhaber hin.

Ein Supermarkt fehlt noch

Sie störe das nicht, sagt Marina Siegmund. Das einzige, was ihr noch fehlt, sei ein Supermarkt in der Nähe. Die Berlinerin arbeitete viele Jahre in Banken auf dem Kurfürstendamm und in der Friedrichstraße, wohnte aber in Heiligensee, ein idyllisches, aber abgelegenes Dorf am Berliner Stadtrand. Längere Wege fahren zu müssen, was auf Land Alltag ist, das kannte sie schon vorher. Die Hektik der Großstadt werde ihr nicht fehlen. Die Siegmunds sind übrigens beide in MV aufgewachsen – im Märkischen Viertel, einer großen Westberliner-Neubausiedlung.

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