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MV aktuell Leben mit gehörlosen Eltern: „Gebärdensprache ist meine Muttersprache“
Nachrichten MV aktuell Leben mit gehörlosen Eltern: „Gebärdensprache ist meine Muttersprache“
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21:28 07.08.2019
Lisa S. (32) aus Rostock wuchs mit gehörlosen Eltern auf. Sie selbst kann hören. Gebärdensprache spricht sie von klein auf fließend. Hier zeigt sie das Wort „O.K.“. Quelle: Maria Baumgärtel
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Rostock

 Das Faxgerät auf dem Schreibtisch in der Ecke des Wohnzimmers piept. Lisa S. (32) springt auf, reißt das Papier, das herauskommt, ab und blickt erleichtert darauf. Ihre Mutter ist gut zu Hause angekommen. Meist kommunizieren die beiden auf diese Art und Weise aus der Entfernung. Ein einfacher Anruf ist nicht möglich, denn Lisas Mutter ist gehörlos.

Kommunikation nur mit direktem Blickkontakt

„Ich bin in einer sehr liebevollen Umgebung aufgewachsen“, betont die Rostockerin im Laufe des Interviews immer wieder. Und dennoch verlief Lisas Kindheit so ganz anders als die der meisten Kinder. „Gebärdensprache ist meine Muttersprache“, sagt die Telefonistin.

Von klein auf lernte sie sich mit Gebärden auszudrücken. „Meine Mutter hat mich zum Beispiel auf die Spüle gesetzt, mir Teller, Besteck und Nahrungsmittel hingehalten und mir die jeweiligen Zeichen dafür gezeigt. Ich spreche die Sprache fließend – manchmal sogar besser als Deutsch“, erzählt die 32-Jährige.

Um die Aufmerksamkeit ihres Kindes zu erregen, klopfte oder schnipste die heute 60-jährige Mutter und suchte den direkten Blickkontakt. „Dann wusste ich, dass sie mit mir kommunizieren will“, sagt Lisa.

Oma als Fels in der Brandung

Sprechen gelernt hat die toughe Frau in der Kita, in die sie mit einem Jahr kam – und von ihrer Oma. Die 79-Jährige, die jahrelang als Gebärdendolmetscherin tätig war, stellte überhaupt eine wichtige Stütze dar: Sie begleitete ihre Tochter bei Behördengängen, zu Ärzten und zu Elternabenden in die Schule. „In den meisten Institutionen gibt es immer noch zu wenig Menschen mit Gebärdensprachkenntnissen“, bedauert die rüstige Rentnerin.

Aber auch für Lisa, deren schwersthöriger Vater die Familie verließ, als sie zehn Jahre alt war, ist die Oma bis heute ihr „Messias“, wie sie lächelnd sagt. „Fast alles, was ich an Lebenserfahrung habe, habe ich meiner Omi zu verdanken. Sie war immer mein erster Ansprechpartner, sei es wegen Liebeskummer gewesen, der Ausbildung oder anderen einschneidenden Erlebnissen“, berichtet Lisa sichtlich berührt.

Gehörlose in Deutschland

80 000 Gehörlose leben in Deutschland. Jedoch gibt es circa 16 Millionen Schwerhörige, von denen rund 140 000 auf Gebärdensprache angewiesen sind.

Circa 15 Prozent haben ihre Gehörlosigkeit geerbt. In den meisten Fällen sind jedoch Krankheiten oder bestimmte Medikamente verantwortlich für den Hörverlust.

Jedes Land hat eine eigene nationale Gebärdensprache, in der es regional bedingt – ebenso wie im Deutschen – Dialekte gibt. Eine internationale Verständigung ist dank der visuellen Qualität und der ähnlichen Grammatik allerdings möglich.

Erst seit dem 1. Mai 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) offiziell als eigenständige Sprache anerkannt.

Die DGS wird im oberen Bereich des Körpers, das heißt mit Gesicht, Händen, Oberkörper und Armen, ausgeführt. Diesen Bereich nennt man „Gebärdenraum“.

Nicht jeder Gehörlose ist gleichzeitig auch stumm, sondern hat mit viel Mühe sprechen gelernt. Deshalb empfinden sie das Wort „taubstumm“ als diskriminierend.

Missverständnisse gehören dazu

Dabei hat Lisas Mutter versucht, ihrem Kind alles zu ermöglichen, was Kinder hörender Eltern auch haben. „Sie kam zu Schulauftritten, ging mit mir auf Konzerte – heute denke ich mir, wie langweilig das für sie gewesen sein muss“, schmunzelt sie.

Enorm stolz sei die Rostockerin darauf, dass ihre Mutter sie zu einem toleranten und fürsorglichen Menschen erzogen hat. „Gehörlose leben in ihrer eigenen Welt. Es ist nicht immer einfach für sie, mit Hörenden umzugehen“, erklärt Lisa.

Deshalb kam es auch ab und an zu Streitigkeiten und Missverständnissen. Vor allem im Teenager-Alter war das schwierig. „Das Problem ist, dass Gehörlose sich einfach wegdrehen, wenn sie nicht mehr mit dir sprechen wollen. Da kann man sich ganz schön hilflos fühlen“, berichtet die 32-Jährige. Doch ihre Oma ergänzt: „Meine Enkelin war ein so folgsames Mädchen, perfekt für gehörlose Eltern. Ich bewundere, wie sie sich entwickelt hat.“

Von Geburt an taub

Lisas Eltern hatten sich bewusst für ein Kind entschieden und waren sehr erleichtert, als sie erfuhren, ihre Tochter könne hören. Beide sind seit ihrer Geburt hörgeschädigt. „Als meine Tochter ein Jahr alt war, haben wir es festgestellt. Sie ist immer erschrocken, wenn man neben ihr auftauchte. Also habe ich sie mit einem Verdacht zum Arzt gebracht. Die Diagnose war dennoch ein Schock“, erzählt die 79-Jährige.

In der DDR sei der Umgang mit Gehörlosen noch sehr primitiv gewesen, erst nach der Wende verbesserte sich vieles, vor allem im Hinblick auf die Förderung. Trotzdem machte Lisas Mutter eine Ausbildung und arbeitete als Textilreinigungsfachkraft.

Typischer Schutzinstinkt

„Ich habe mich stets schützend vor meine Eltern gestellt“, betont Lisa. Das sei typisch für Kinder Gehörloser. Viele Menschen würden komisch schauen, wenn sie sich mit ihrer Mutter unterhält, oder sich über die Frau beschweren, die nicht reagiert, wenn man sie anspricht.

„In der Vergangenheit habe ich mich deshalb öfter mit Leuten angelegt und wurde auch mal zickig“, gibt die Rostockerin zu. Sie mache sich häufig Sorgen um ihre Mutter, vor allem wenn sie allein unterwegs ist. „Sie bekommt einfach vieles nicht mit – zum Beispiel wenn jemand hinter ihr geht“, sorgt sich die Frau.

Nur während der Pubertät sei ihr ihre Mutter manchmal peinlich gewesen. Das bereue Lisa heute sehr. Persönlich habe sie aber kaum schlechte Erfahrungen gemacht: „Nur einmal wurde ich in der Grundschule diskriminiert und gefragt, ob meine Mutter gestört sei.“

Rückzug in die „hörende Welt“

Hürden gab es vor allem zu Hause zu nehmen. Da es dort meist sehr still war, verzog sich Lisa gern in die „hörende Welt“ – sie liebt Musik. Problematisch: „Ich konnte nicht einschätzen, was laut ist, weshalb es das ein oder andere Mal Beschwerden von den Nachbarn gab. Meine Mutter hat es ja nicht gestört“, lacht sie.

Einmal stürzte das damals junge Mädchen in der Wohnung und konnte nicht mehr aufstehen. Rufen hätte nichts gebracht, also kroch sie zum Lichtschalter und betätigte ihn so oft, bis ihre Mutter aufmerksam wurde. Situationen, über die ein Hörender kaum nachdenkt.

Zweisprachige Erziehung ihres Kindes

Die Gehörlosen-Welt ist ein Teil von Lisa. Für sie war es von jeher selbstverständlich, Fernsehsendungen und Filme zu übersetzen, die Wohnung hell aufleuchten zu sehen, wenn die Tür oder der Wecker klingelt und in Alltagssituationen, wie im Restaurant, zu vermitteln. „Ich habe nie verstanden, wenn mich Freunde dafür bewundert haben, dass ich Gebärden kann – es war normal. Heute weiß ich es zu schätzen.“

Auch ihren eineinhalbjährigen Sohn möchte die Frau zweisprachig erziehen und bringt ihm bereits Gebärdensprache bei. „Die Sprache ist impulsiver, emotionaler, wodurch sich nach meinem Empfinden viel mehr ausdrücken lässt“, sagt Lisa begeistert und ergänzt schmunzelnd: „Emotionen können sie schlecht verbergen. Mimik spielt einfach immer eine Rolle.“

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