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MV aktuell Lehrlingsmangel: Warum Azubi Dennis für seinen Betrieb Goldstaub ist
Nachrichten MV aktuell Lehrlingsmangel: Warum Azubi Dennis für seinen Betrieb Goldstaub ist
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17:12 01.08.2019
Dennis Tesche (re.) macht eine Ausbildung bei Metallbau Kettner in Stäbelow bei Rostock. Meister Jens Ihring freut sich: Motivierte Azubis wie der 18-Jährige sind selten.
Dennis Tesche (re.) macht eine Ausbildung bei Metallbau Kettner in Stäbelow bei Rostock. Meister Jens Ihring freut sich: Motivierte Azubis wie der 18-Jährige sind selten. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Stäbelow

Start ins neue Ausbildungsjahr: Für Tausende junge Menschen in MV beginnt heute das Berufsleben. Allein im Bereich der IHK Rostock fangen 1300 Azubis an, die Arbeitsagentur meldet insgesamt 5200 unterzeichnete Lehrverträge landesweit. Den Betrieben fällt es immer schwerer, Nachwuchs zu finden. 4950 offenen Ausbildungsplätzen stehen 2600 noch unversorgte Bewerber gegenüber. So groß war die Lücke noch nie. Dennis Tesche aus Ziesendorf (Landkreis Rostock) ist daher so etwas wie Goldstaub für seinen Betrieb. Der 18-Jährige lernt seit einem Jahr Metallbauer bei der Firma Kettner in Stäbelow bei Rostock. „Ich habe mich früh entschieden“, sagt er. Zwei Schulpraktika bestätigten ihn in seinem Entschluss, den gleichen Beruf zu ergreifen wie sein Vater.

Schweißen, sägen, bohren

Dennis baut unter anderem Treppengeländer aus Edelstahl und riesige Fensterkonstruktionen aus Aluminium. Etwas nach einem Konstruktionsplan mit den eigenen Händen zu bauen, das macht dem jungen Mann viel Spaß. Schweißen, sägen, bohren, messen als Leidenschaft. „Ich habe mir die Firma extra ausgesucht, weil so vielseitig ist“, sagt er.

Eine Werft war ihm zu unsicher

Sein Arbeitsplatz wechselt zwischen der großen Fertigungshalle oder auf einer der Baustellen, auf denen die fertigen Metall-Konstruktionen montiert werden. Sein bisher größtes Projekt waren die Fenster der neuen Polizeistation in Greifswald. „Es ist ein tolles Gefühl, solche bleibenden Werte zu schaffen“, findet der Nachwuchshandwerker. Auf eine Werft wollte er nicht. Im Schiffbau gebe es zu viele Aufs und Abs. „Das ist mir zu unsicher“.

Früher bis zu zehn Azubis, heute nur noch zwei

Buchhalterin Judith Milhan begann ihre Ausbildung vor 25 Jahren in dem Stäbelower Unternehmen, das heute 70 Mitarbeiter zählt. „Damals waren wir acht bis zehn Auszubildende“, sagt die 41-Jährige. Heute sind es noch zwei. Bewerbungen von Schulabgängern seien extrem rar geworden. Die Chancen, dass Dennis später übernommen wird, wenn er die Ausbildung geschafft hat, sind bestens.

„Ich habe mir die Firma ausgesucht, weil sie so vielseitig ist“, sagt Azubi Dennis Tesche über seinen Ausbildungsbetrieb Metallbau Kettner in Stäbelow bei Rostock. Rechts: Ausbildungsmeister Quelle: Gerald Kleine Wördemann

Nach der Schule erst mal rumdümpeln

So viel Zielstrebigkeit ist selten geworden. „Die meisten aus meiner alten Klasse dümpeln noch so rum“, sagt Dennis. Viele machen erst einmal ein freiwilliges soziales Jahr oder nehmen an einer Berufsvorbereitungsmaßnahme teil. Für ihn käme das nicht infrage.

Jeder Zweite bricht ab

Dabei ist die Unterschrift unter dem Ausbildungsvertrag nur der erste Schritt – und keine Garantie für den Erfolg. In Dennis’ Güstrower Berufsschulklasse hat bereits ein Drittel nach einem Jahr das Handtuch geworfen. Bis zur Abschlussprüfung nach insgesamt dreieinhalb Jahren wird nur noch etwa die Hälfte dabei sein, prognostizieren die Lehrer. Die, die gehen, wären meist überfordert, sagt Dennis. Die meisten würden es dann noch einmal in einem einfacheren Beruf versuchen. Ihm fehlt dafür das Verständnis: „Sie wussten doch, was auf sie zukommt.“ Schließlich könne ja jeder vorher ein Praktikum machen.

In diesen Berufen gibt es die meisten offenen Ausbildungsplätze

4950 unbesetzte Ausbildungsplätze melden die Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern. Für diese Berufe gibt es die meisten freien Stellen:1.  Verkäufer/-in: 360 offene Ausbildungsplätze 2. Kaufmann/-frau im Einzelhandel: 325 3. Koch/Köchin: 2954. Restaurantfachmann/-frau: 253 5. Hotelfachmann/-frau: 240 6. Handelsfachwirt/-in: 1707. Anlagenmechaniker/-in - Sanitär-/Heiz.-Klimatechnik: 1188. Elektroniker/-in Energie-/Gebäudetechnik: 1179. Fachkraft – Lagerlogistik: 11010. Fachkraft – Gastgewerbe: 110

Jugendliche, die auf noch auf der Suche sind, können unter der kostenlosen Service-Rufnummer 0800 4 5555 00 einen Beratungstermin bei der Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit vereinbaren.

Doppeltes Dilemma

Jens Ihring, Meister der Aluminiumabteilung bei Kettner und einer von Dennis’ Ausbildern, erstaunt das. In seiner eigenen Lehrzeit vor fast zwei Jahrzehnten brachen höchstens ein oder zwei vorzeitig ab. „Und das auch nur, wenn mal jemand länger krank geworden ist“, sagt der 37-Jährige. Für die Unternehmen bedeutet das quasi eine Verdopplung des Dilemmas: Es gibt weniger Auszubildende als früher, und die, die da sind, schaffen es oft nicht. Jemanden wie Dennis zu finden, sei ganz großes Glück.

Kommentar zum Thema:
Duale Ausbildung fördern!

Gerald Kleine Wördemann