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MV aktuell Leonies Vater im Prozess unter Tränen: „Dann hätte ich die Verletzungen gesehen“
Nachrichten MV aktuell Leonies Vater im Prozess unter Tränen: „Dann hätte ich die Verletzungen gesehen“
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16:30 29.10.2019
Bei der Fortsetzung des Mordprozesses um den Tod der sechsjährigen Leonie sitzen Jörg Fenger (v.l.), Verteidiger, der angeklagte Stiefvater und Bernd Raitor, Verteidiger, im Gerichtssaal, hinter ihnen stehen Mitarbeiter der Justiz (Archivbild). Quelle: Bernd Wüstneck/zb/dpa
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Neubrandenburg

Im Mordprozess um den Tod der sechsjährigen Leonie aus Torgelow (Vorpommern-Greifswald) hat der leibliche Vater des Mädchens, Oliver E., schwere Vorwürfe erhoben. Er habe seine beiden Kinder – Leonie und ihren jüngeren Bruder – über fast zwei Jahre nicht sehen dürfen, sagte der 28-Jährige am Dienstag am Landgericht Neubrandenburg.

Das hätten ihm die Mutter Janine Z. und der angeklagte Stiefvater David H. trotz gerichtlicher Anordnung verwehrt. „Jetzt weiß ich auch warum, denn dann hätte ich die Verletzungen gesehen“, sagte der Mann aus Wolgast, der als Nebenkläger am Prozess teilnimmt und als Zeuge gehört wurde, unter Tränen.

Leonies Vater: „Wir hatten ein gutes Leben“

Dabei seien er, Leonies Mutter und die Kinder eigentlich eine glückliche Familie gewesen. „Alles schien perfekt, wir hatten ein gutes Leben“, sagte Oliver E.. Den Angeklagten David H. lernte E. als Arbeitskollegen kennen, H. fing als Küchenhilfe in einem Betrieb in Karlshagen auf Usedom an, in dem Oliver E. eine Kochlehre machte. „Wir waren leicht befreundet“, sagte Leonies Vater über sein Verhältnis zu David H.

Von der schrecklichen Nachricht über ihren Tod bis zum Prozess in Neubrandenburg

Eines Tages kam H. morgens nicht mehr zur Arbeit. Stunden später erfuhr der Vater den Grund: David H. hatte eine Beziehung mit Leonies Mutter angefangen. Sie zog mit den Kindern aus. Oliver E. erlitt einen Nervenzusammenbruch, kam in eine Klinik und machte eine Entgiftung. „Auf einmal sitzt man allein in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, Frau weg, Kinder weg“, sagt Zeuge Oliver E. mit dünner Stimme.

Der Angeklagte David H. zischt während der Aussage vor sich hin

Richter Jochen Unterlöhner ermahnt den Angeklagten David H. während der Aussage ruhig zu sein. Als Leonies Vater Oliver E. spricht, zischt H. mit gesenktem Kopf vor sich hin. „Wenn Sie Fragen an den Zeugen haben, können Sie die aufschreiben und später stellen“, sagt der Richter.

Nach monatelangen vergeblichen Versuchen, wenigstens seine Kinder zu sehen, habe Oliver E. Ende 2017 einen Anwalt eingeschaltet. Als im Herbst 2018 endlich ein Gerichtsurteil da war, habe er mit seiner Schwester am 2. November 2018 versucht, seine Kinder erstmals in Torgelow abzuholen. Das sei ihm und auch der Polizei verwehrt worden. Auch zu Weihnachten und Leonies Geburtstag am Silvestertag habe er keines der Kinder gesehen, obwohl das Gericht das angeordnet hatte.

Mutter Janine Z. wollte vor Leonies Tod offenbar nach Rostock ziehen

Im Zeugenstand sagte außerdem eine frühere Freundin von Leonies Mutter aus. „Das kann nicht gut gehen“, habe sie gedacht, als sie David H. das erste Mal kennenlernte. Er sei ihr unsympathisch gewesen, in seiner Gegenwart hätten die Kinder still und eingeschüchtert gewirkt. Die Zeugin warnte ihre Freundin davor, mit David H. von Wolgast nach Torgelow zu ziehen. Daraufhin brach Janine Z. den Kontakt ab.

Die Aussage eine weiteren Freundin von Janzine Z. legt nahe, dass sie sich von David H. trennen und mit ihren Kindern nach Rostock ziehen wollte. Die Zeugin sagte, Leonies Mutter habe ihr eine entsprechende Nachricht geschickt – vier Tage vor dem Tod des Mädchens.

Leonies Oma: Mutter wollte sich von David H. trennen

Die geplante Trennung bestätigt auch Leonies Oma mütterlicherseits vor Gericht. Am Tag von Leonies Tod telefonierte sie lange mit ihrer Tochter. Dabei sei es um den neuen Hund gegangen, den sich die Familie anschaffen wollte. Leonies Mutter habe aber auch gesagt, dass sie sich von David H. trennen will.

Die mitunter verwirrt und geschwächt wirkende Frau sagte, sie habe nichts von den Misshandlungen ihrer Enkelkinder bemerkt. Sie musste die Aussage nach etwa einer Stunde abbrechen.

Am Vormittag hatte bereits die Tante von Leonie ausgesagt. Sie sagte, sie habe schon Monate vor Leonies Tod Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung bei der Polizei erstattet, weil die Kinder ausgesehen hätten wie nach einem Autounfall.

Prozess wird sich bis in den Dezember verzögern

Leonie war am 12. Januar tot und mit Verletzungen, die von schweren Misshandlungen herrühren sollen, in der Wohnung der Mutter und des Stiefvaters in Torgelow gefunden worden. Dem 28-Jährigen wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Er soll das Mädchen laut Staatsanwaltschaft so misshandelt haben, dass es infolge der Verletzungen starb, und absichtlich zu spät Hilfe geholt haben.

Der Stiefvater, der auch den Bruder schwer misshandelt haben soll, schweigt bisher vor Gericht. Bei der Polizei hatte er angegeben, dass Leonie eine Treppe im Hausflur hinabgestürzt sein soll. Rettungskräfte waren erst viereinhalb Stunden nach dem angeblichen Sturz alarmiert worden.

Der Prozess wird sich laut Gericht auch mindestens in den Dezember hinein verzögern. Die Mutter Leonies, gegen die auch ermittelt wird, weil sie nicht eher Hilfe geholt hat, soll am 29. November noch einmal angehört werden. Der Prozess wird am 1. November mit der Anhörung von Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten fortgesetzt.

Diese Kriminalfälle haben MV bewegt:

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