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MV aktuell Letzter DDR Innenminister Diestel: „Ostdeutsche haben ihren Platz nicht gefunden“
Nachrichten MV aktuell Letzter DDR Innenminister Diestel: „Ostdeutsche haben ihren Platz nicht gefunden“
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21:45 05.11.2019
Peter- Michael Diestel (r.) spricht mit OZ-Chefredakteur Andreas Ebel vor Publikum über sein neues Buch, DDR, Wendezeit und Folgen von Fehlern der deutschen Einheit. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Peter-Michael Diestel (67) hat die halblangen Haare nach hinten gestrichen, zum Plaudern nippt er am Rotwein. Es gibt nicht viele Bücher, in deren Titel zweimal das Wort „ich“ vorkommt. Diestel schafft es. „In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit.“ Eine Autobiografie, eine Zwischenbilanz, die Aufarbeitung eigener Bedeutung.

Eine doppelte Provokation, sagt Diestel selbst. Dann formt er Sätze, die das Bild über ihn geprägt haben. Wie: „Die Zahl meiner Niederlagen ist überschaubar.“ Ja, er sei eitel und selbstbewusst. Und doch habe er eine Geschichte zu erzählen. Von Menschen in der DDR, zur Wendezeit und danach. Von Hoffnung, Enttäuschung, Entwurzelung.

Schillernde Figur: Ex-Innenminister, Kraftsportler, Promi-Anwalt

Diestel ist seit Jahrzehnten eine schillernde Figur. Der gelernte Rinderzüchter und Meistermelker, Schwimmlehrer und Kraftsportler, war 1990 letzter DDR-Innenminister, später CDU-Fraktionschef im Brandenburger Landtag, Rechtsanwalt von Prominenten wie Radfahrer Jan Ullrich oder Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz.

In MV verteidigte er kürzlich einen früheren SS-Mann, der im KZ Auschwitz tätig war. Diestel sucht das Licht. Diestel polarisiert. So wurde ihm immer wieder die Verharmlosung von DDR-Diktatur und Stasi vorgeworfen.

Diestel: „Ostdeutsche sind Pförtner und Kaltmamsell“

Er spricht von „wir“, wenn er sich an das überwiegend betagte Publikum wendet. Das meint Ost-Identität. „Wir haben gelacht, wir haben getanzt, wir haben Kinder gezeugt.“ Viele Menschen hätten die friedliche Revolution angefacht, „das Kreuz des Kommunismus weggeschmissen“.

Der Lohn dafür sei heute gering. „Der Ostdeutsche hat seinen Platz in der Republik nicht gefunden“, urteilt Diestel. Es gebe keine Generäle bei der Bundeswehr aus den fünf neuen Ländern, kaum Führungskräfte in Gesellschaft und Wirtschaft. Ossis seien „Pförtner und Kaltmamsell“. Das sorge für Unruhe, sagt Diestel. Beifall ist ihm gewiss.

Da legt er nach: „Wir haben gewonnen, und andere haben uns die Goldmedaille wieder weggenommen. Wir müssen uns die Medaille zurückholen.“ Ostdeutsche sollen aufbegehren, sich einmischen. Der größte Fehler nach der Wende sei gewesen, über zwei Millionen SED-Mitglieder auszugrenzen. Das sei „das Denken des Faschismus“.

Lob an Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz

Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz sitzt im Publikum. Diestel sei witzig – in vielen Punkten habe man aber verschiedene Meinungen. Quelle: Frank Söllner

Auch Politiker bekommen ihr Fett weg. Für die CDU-Spitze in MV sei er „überqualifiziert“, politische Führer hier „keine Elite“. Im OZ-Saal gerät die Buchbesprechung zur Abrechnung. Mit Bürgerrechtlern, mit der Art der deutschen Einheit, die Ostdeutsche noch heute in die zweite Reihe stelle.

Spitze gegen Joachim Gauck: Wenn alle in der DDR so gut gelebt hätten wie der Rostocker Pastor, mit Reisen nach Westdeutschland, „dann hätte es die Wende nicht gegeben“. Gaucks Stasi-Behörde habe mit Anteil an der sozialen Zerstrittenheit im Land, findet Diestel.

Das Verdienst der friedlichen Revolution sehe er bei den vielen Menschen, die blieben und die politische Wende vollbrachten. Auch bei DDR-Staatsfunktionären, die ohne Gewalt den Wandel zuließen. Wie Egon Krenz, der im Publikum sitzt. Der frühere Staatschef habe damals dafür gesorgt, „dass eben nicht geschossen wurde“. Er sei jetzt „wieder einer von uns“, habe seine Strafe verbüßt. Später wird Krenz über Diestel sagen: „Er macht das sehr gut, witzig. Auch wenn ich bei vielen Dingen anderer Meinung bin.“

AfD-Erfolg: Diestel sieht die Schuld bei der CDU

Mit Sorge sehe er die Wahlerfolge der AfD, erklärt Diestel. Die Ursache für ihn: „Die CDU hat aufgehört, bürgerlich zu sein.“ Er sorge sich, dass Deutschland wieder „im Spätherbst 1932“ erwachen könnte. Er huldigt dem „Giganten“ Helmut Kohl, Kanzler der Deutschen Einheit, und seinem politischen Vorbild Franz-Josef Strauß. Für ihn konservative Lichtgestalten.

Auch Diestels Rostock-Kapitel ist im Buch. 1994 wurde er Präsident des FC Hansa. Klar, dass er den Refrain der damaligen Hansa-Hymne (der Puhdys) abdruckt: „Wer hat den schönsten Fußballpräsidenten auf der Welt – FC Hansa ohoho.“ Ihn. Ein echter Diestel halt. Heute sei er traurig, wenn er Hansa in der 3. Liga sehe.

Abend mit DDR-Erinnerungen

Der Abend verläuft im DDR-Ambiente: Das OZ-Foyer wird zur Konsum-Gaststätte, in der es Soljanka, Vita-Cola und Rotkäppchen-Sekt gibt. Auf der Bühne spielt die Band Berluc Ostrock. Schautafeln mit Zeitungsartikeln erinnern an eine bewegte Zeit. Hilke David (69) aus Rostock kostet Soljanka. „Die schmeckt wie früher und ist genau so kalt“, scherzt die Seniorin.

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