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MV aktuell Liebesbriefe im Kalten Krieg: Prora-Experte schreibt über Biografien in der DDR
Nachrichten MV aktuell Liebesbriefe im Kalten Krieg: Prora-Experte schreibt über Biografien in der DDR
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20:57 09.11.2019
Stefan Wolter bei der Demontage des Reliefs an der ehemaligen POS "Egon Schultz" in Prora. Quelle: Anne Ziebarth
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Prora

Dresden, 9. Oktober 1989: Für Gisela Novy bricht nach 40 Jahren DDR ihre gewohnte Welt zusammen. Die Ehefrau von Heinz Novy, Oberst der Nationalen Volksarmee (NVA), kommt an diesem Nachmittag von der Arbeit. Sie erlebt Ungewohntes: „Die Menschengruppe setzte sich langsam in Bewegung – Richtung Stasi-Gebäude. Ich lief eilig an ihnen vorbei. Nur schnell nach Hause! Heinz saß vor dem Fernsehapparat und empfing mich aufgeregt: ‚Schau’ dir das an! Tumult in Berlin!‘ Also, nicht nur in Berlin, bestimmt in allen Städten gibt es Unruhen und Demonstrationen!“, erzählt sie viele Jahre später.

Einblicke in die Welt des ranghohen NVA-Offiziers

An diesen Tagen im Oktober 1989 beginnt das Ende der DDR. Es ist Heinz Novys Staat, den er als Soldat und Offizier geschworen hat, zu verteidigen. Und es ist Gisela Novys Land, die ihren Mann trotz aller Widrigkeiten in seiner Militärkarriere vorbehaltlos unterstützt – ob im Norden der DDR in Eggesin, Prora, Binz und Schwerin oder in Dresden. Wie beide mit ihrem durch den Armeealltag fremdbestimmten Familienleben klarkommen, breitet der Historiker Dr. Stefan Stadtherr Wolter (52) in seinem Buch „Sehnsuchtssonate – Liebesbriefe im Kalten Krieg“ umfangreich vor dem Leser aus. Der „Briefroman“ ermöglicht einzigartige Einblicke in die Welt des ranghohen NVA-Offiziers und seiner Lebensgefährtin.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Liebesbriefe aus 15 Jahren

„Ihre Liebesbriefe sind ein Zufallsfund“, sagt der Autor. Über 15 Jahre lang – zwischen 1949 und 1964 – kann der Leser Anteil nehmen an den Gedanken und Gefühlen eines Paares, an den Zweifeln, an dessen Träumen und Idealen, die in den Jahren des Kalten Kriegs zwischen Ost und West zum Teil zerstört werden. Das Liebespaar gründet eine Familie, begleitet von enormen Hindernissen. Denn Heinz Novy wird immer wieder versetzt – das ist bereits Alltag für ihn als Soldat und mehr noch als Offizier. Oftmals kommen da Liebe und Nähe „nur“ durch die Briefe zustande. Nicht nur seine Frau, sondern auch ihre fünf Kinder leiden darunter.

Mit Proraer Panzertruppe zum Mauerbau

Mehr als die Zeilen der Briefe sind jedoch oft nicht möglich. Heinz Novy gehört zu jenen, denen im entstehenden Arbeiter- und Bauernstaat eine glänzende Zukunft versprochen wird. Als 18-Jähriger verpflichtet er sich zum Dienst in der Volkspolizei. Doch aus sieben Monaten Vorbildung und Körperertüchtigung wird schließlich der Dienst in den Reihen der Nationalen Volksarmee. 1961 begleitet Heinz die Panzertruppe aus Prora nach Berlin zum Mauerbau. Er wird laut Wolter „zum Zeugen und Gehilfen des heimlichen Militäraufbaus in der DDR“. Und der langjährige Briefwechsel mache deutlich, „wie der junge Staat sogar mit jenen umging, die mit guten Absichten am Aufbau der vermeintlich gerechteren Gesellschaft mitzuwirken bereit waren“.

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Autor kritisiert Umgang mit ostdeutschen Biografien

Der Autor ergänzt die Korrespondenz durch ausführliche Erinnerungen von Gisela Novy sowie einordnende Zwischentexte. Und er wirft im Jubiläumsjahr 2019 – 30 Jahre nach der Maueröffnung – die Frage nach dem Umgang mit ostdeutschen Biografien jenseits der Wegbereiter der friedlichen Revolution auf. Für ihn tilgt und vergisst die Erinnerungskultur im wiedervereinigten Deutschland einen Teil seiner Geschichte und spielt somit den Kalten Krieg herunter. „Die historische Aufarbeitung hat die Aufgabe, die Persönlichkeit ihrer Uniform zu entledigen, dem Einzelnen ein Gesicht zu geben, und von da aus die Wirkungsmechanismen des Militärs zu beschreiben“, erklärt Wolter seine Herangehensweise. Und: Ohne die NVA als Herrschaftsinstrument der SED sei die Geschichte der DDR nicht begreifbar.

Wolter war von 1986 bis 1988 Bausoldat in Prora

Dabei sind ihm Ostalgie oder NVA-Verherrlichung fremd: Er verweigerte in der DDR den Wehrdienst an der Waffe und war von 1986 bis 1988 Bausoldat in Prora. In Jena schloss sich Wolter im Sommer 1989 als einer der Ersten dem Neuen Forum an. Seit 2005 arbeitet Wolter die DDR-Nutzungsgeschichte des „Koloss von Prora“ auf. Er kritisiert eine selektive Erinnerungskultur in MV, die sich in Prora allein auf die KdF-Bad-Planung bezieht.

„Sehnsuchtssonate: Liebesbriefe im Kalten Krieg“: Stefan Wolter, Verlag Books on Demand, Norderstedt, 596 Seiten, ISBN 978-3-74603-781-3

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