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MV aktuell Lila Bäcker: Verkäuferinnen lächeln tapfer weiter
Nachrichten MV aktuell Lila Bäcker: Verkäuferinnen lächeln tapfer weiter
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20:16 16.01.2019
Eine Lila-Bäcker-Filiale in der Hansestadt Stralsund Quelle: FOTO: Christian Rödel
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Rostock/Gägelow

In den 400 Filialen von Lila-Bäcker läuft am Tag nach der Insolvenz der Betrieb scheinbar wie gewohnt weiter. Jedenfalls fast. In einem Backshop in der Rostocker Innenstadt kämpft eine Verkäuferin mit den Tränen, als von ihrer Situation berichtet. Sie und ihre Kolleginnen wurden per Telefon in die Filiale beordert, um eine Abwicklungserklärung zu unterschreiben. „Sonst würden wir kein Geld kriegen, heißt es.“ Die Dezembergehälter, die eigentlich seit Dienstag auf dem Konto sein sollen, sollen bis Montag gezahlt werden. Als Insolvenzausfallgeld von der Arbeitsagentur. Die Nachricht kam überraschend. „Es wurde schon länger gemunkelt, dass so etwas möglich wäre. Aber bis gestern haben wir nicht wirklich daran geglaubt“, sagt die Rostockerin. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) rät den 2700 Beschäftigten, die Erklärung zu unterschreiben.

„Wir stehen hier wie die nassen Pudel“

Viele Mitarbeiter fühlen sich von der Geschäftsführung in Stich gelassen. „Wir erfahren momentan mehr aus der Zeitung als durch unsere Vorgesetzten“, beklagt sich die Angestellte aus Rostock. Wie es nun weitergeht, wisse sie nicht. „Ich werde lächeln und meinen Job machen. Mehr kann ich im Moment nicht tun“. In einer anderen Filiale ist die Stimmung besser. Es wird auf jeden Fall weitergehen“, sagt eine Mitarbeiterin, die wie alle nicht ihren Namen nennen möchte. „Wüssten wir das nicht, würden wir nicht mehr zur Arbeit kommen“.

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Die Regale blieben in Läden leerer als sonst. Alle 18 Fahrer im Logistikzentrum Gägelow bei Wismar, das halb MV beliefert, traten in der Nacht zu Mittwoch nicht zur Schicht an. Vor allem Filialen ohne eigenes Tiefkühlager hatten deshalb am Morgen danach weniger Backwaren im Angebot. Am Vormittag sprach ein Manager aus der Pasewalker Zentrale mit den Fahrern. Ergebnis: Sie arbeiten vorerst weiter. „Aber nur, wenn das Gehalt bis Montagabend da ist“, sagt ein 58-Jähriger. „Wir stehen hier wie die nassen Pudel“, meint er. Zahlungen für Miete und Raten fürs Auto liefen ja schließlich weiter. Der neue Geschäftsführer Stefan Blaschak, der als eine seiner ersten Handlungen im Frühjahr 2018 die Großbäckerei in Gägelow schloss, habe sich noch nie blicken lassen. „Der hat keinen Arsch in der Hose“, schimpft einer der verbliebenen Fahrer.

60 000 unbezahlte Überstunden

Kunden bedauerten die schlechten Nachricht. „Es wäre wirklich schade, wenn die Geschäfte schließen“, sagt Rentnerin Brigitte Wiese (68) aus Rostock. Stammkunde Bernd Reppenhagen (64) genießt in Rostock regelmäßig ein Stück Kuchen bei einer Tasse Kaffee in einem der Läden. „Man hat sich an einige Produkte einfach gewöhnt. Mir schmeckt die Mohnschnitte am besten, die würde mir besonders fehlen“, sagt er.

NGG-Landeschef Jörg Dahms hat das Vertrauen in die Geschäftsleitung schon lange verloren. „Was hier passiert, ist am Rande der Gesetzmäßigkeit“, sagt er. Der Insolvenzantrag hätte früher gestellt werden müssen. Und das die Chefetage im Amt bleibt, sei ein Unding. Er könne bei bestem Willen kein Konzept der vor Anfang 2018 angetretenen Geschäftsleitung erkennen. „Außer das Leute entlassen werden, ist nichts passiert.“ Es gebe keine funktionierende Kommunikation zu den Mitarbeitern, auch die Außendarstellung der Firma sei „grottenschlecht“. Rund 60 000 bislang unbezahlte Überstunden, die vor dem 1. Dezember geleistet worden, würden in der Insolvenzmasse verschwinden. Die Firmenleitung habe es unterlassen, ein Überstundenkonto einzurichten, was rechtswidrig sei.

Mitarbeiter und Kunden hoffen, darauf, dass es weitergeht. Denise Lindner kauft fast täglich beim Lila Bäcker ein. „Dort gibt es einfach die leckersten Brötchen“, schwärmt die 30-Jährige Bürokauffrau aus Rostock. „Wenn es den Lila Bäcker gar nicht mehr gäbe, wäre das wirklich schade. Dadurch würde der Stadt Rostock auf jeden Fall etwas fehlen.“

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