Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Lilly Blaudszun: Diese 18-Jährige aus MV mischt die SPD auf
Nachrichten MV aktuell Lilly Blaudszun: Diese 18-Jährige aus MV mischt die SPD auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
17:10 05.08.2019
18 Jahre, klare Haltung, viel Herzblut für die SPD: Lilly Blaudszun. Quelle: Benjamin Fischer
Anzeige
Schwerin

Am Ende ist es eine Eins geworden – beim Abi-Gate, wie Lilly Blaudszun die Sache mit der Prüfung im Fach Geschichte nennt. Ein Post bei Twitter bringt ihr Anfang April in den Medien so viel Aufmerksamkeit, dass selbst mancher Profipolitiker neidisch ist: „Ich glaube, ich habe die Hälfte der 5,5-stündigen Geschichtsprüfung darüber gelacht, dass ich sogar in meiner Prüfung eine Stellungnahme von Manuela Schwesig diskutieren musste.“ Rumms!

Anzeige

Das Echo in den Landesmedien war entsprechend. Sie sollte in der schriftlichen Prüfung einen Vorschlag Schwesigs aus dem Jahr 2014 bewerten, wonach Eltern bei Wahlen zusätzliche Stimmen für ihre Kinder erhalten sollen. Die Regierungschefin nimmt’s gelassen, kommentiert prompt: „Ich hoffe, alles ist gut gelaufen.“

Lilly Blaudszun folgen auf Twitter inzwischen 7500 Menschen. In diesem Sommer bereitet sie sich auf ihr Jura-Studium vor. 18 Jahre ist sie alt. Einen Führerschein hat sie nicht. Aus Überzeugung und für das Klima.

Ein Selfie genügt nicht

In der Landes-SPD gilt die junge Frau als Social-Media-Hoffnung. Eine, die weiß, was klickt, was online wirkt, was einen Ausschlag geben könnte, wenn Menschen sich vorrangig via Smartphone politisch informieren.

Was klickt denn? „Postings müssen immer mit Inhalten verbunden werden. Die User erwarten, dass politische Kommunikation auch wirklich politisch ist“, sagt sie. Also nicht nur Selfies, die zeigen, Politiker XY war hier, da und dort.

Harsche Kritik an der Schulpolitik

Die SPD in Brandenburg hat Lilly Blaudszun wohl genau deshalb für den Wahlkampf gebucht. Dort steht Ministerpräsident Dietmar Woidke demnächst vor einer der drei in der SPD besonders gefürchteten Landtagswahlen im Osten. „Dann gilt es, wenn wir Termine wie kürzlich in einem Kalksteinbruch haben, einzuarbeiten, welche Bedeutung der Bergbau für Brandenburg hat oder schon immer hatte. Dass der eng mit der Vergangenheit des Landes verknüpft ist und Ängste ernstgenommen werden müssen, wenn es um den anstehenden Strukturwandel geht.“

In die Öffentlichkeit zieht Lilly Blaudszun bereits ein Jahr vor ihrem Abi, als sie in der Schulpolitik Mecklenburg-Vorpommerns den Wechsel von G9 zu G8 mit deutlichen Worten kritisiert. Diesen Schritt, mit dem das Land die Zeit nach der Grundschule bis zum Abi von neun auf acht Jahre verringert. Stress, hoher Leistungsdruck und kaum Zeit für weitere Aktivitäten seien die Folge, schreibt sie in einem Beitrag für das Online-Magazin Vice. „Die meisten in meinem Umfeld schotten sich von so gut wie allem ab, schlafen viel zu wenig und halten sich mit Kaffee und Energydrinks am Laufen. Sie haben Angst, sich selbst und ihrem Umfeld nicht gerecht zu werden, den Anforderungen nicht zu entsprechen.“ Am Ende des Absatzes fügt Lilly Blaudszun etwas lakonisch ein: „Toll gemacht, liebe Regierung.“

„Gastkommentar von Lilly Blaudszun: Ich will nicht mehr, dass wir zusammenbrechen“

Ihr Appell schafft es in weitere Medien in Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor war sonst niemand ihrer bis zu den Fridays for Future-Demonstrationen gemeinhin als unpolitisch geltenden Generation mit derart konkreten Worten aufgefallen.

Die SPD nach vorne treiben

Der Zwischenruf zeigt, wie sie mit der eigenen Partei, die immerhin die Bildungsministerin stellt (damals war’s noch Birgit Hesse), ins Gericht geht. Dass Jugendabteilungen von Parteien grundsätzlich mit radikaleren Forderungen antreten, gehört in diesem Land zur politischen Kultur. Aber so hart, wie die Jusos mittlerweile auftreten, ist das eine Ausnahme.

Selbst wenn die SPD ganz generell um eine neue Richtung ringt und sich von außen manchmal schwer einschätzen lässt, wer angesichts schwankender Haltungen gerade eine Mehrheit hinter sich hat – diejenigen, die gegen eine Fortsetzung der Großen Koalition in Berlin sind oder eine um Harmonie bemühte Führungsetage. Insofern schreit bis zum Herbst, dann wollen die Sozialdemokraten in ihrer Halbzeitbilanz über ein Ja oder Nein zur Groko entscheiden, jede Seite so laut sie kann.

In dieser Kakophonie, wie Gerhard Schröder den Tonfall in seiner Partei im Konfliktfall einst beschrieb, hat Lilly Blaudszun ihre Tonlage gefunden. „Wenn wir jetzt nicht unser ganzes Herzblut in die Partei stecken würden, dann hat die SPD keine Chance“, sagt sie. „Es gibt genug Leute, die die SPD nach vorne treiben wollen und fordern, dass sie eine klare Haltung hat.“

„Wir wollen eine bessere Welt“

Beim jüngsten Landesparteitag haben die Jungen in der SPD sich selbstbewusst behauptet und in der SPD eine positive Haltung zu den Fridays for Future-Demonstrationen durchgesetzt. „Bei diesem Thema hat mir das Verhalten der damaligen Bildungsministerin überhaupt nicht gefallen. Und seitdem fährt das Bildungsministerium auch einen anderen Kurs.“

Vielen insbesondere älteren Menschen – auch innerhalb der SPD – mögen die notwendigen Veränderungen unter der Betreffzeile „Klima retten“ zu rasant sein, was Lilly Blaudszun aber nicht anficht. „Wir wollen eine bessere Welt und zwar nicht in kleinen Etappen, sondern wir wollen sie ganz. Das kann außerhalb der SPD manchmal wie der Versuch einer Spaltung wirken, ist aber eine notwendige inhaltliche Diskussion.“

Brief von Frank-Walter Steinmeier

Zum SPD-Eintritt habe sie nach einigem Zögern Frank-Walter Steinmeier gebracht, als der noch Außenminister war und für einen Parteitermin in Ludwigslust aufschlug, wo Lilly Blaudszun in den vergangenen Jahren aufgewachsen ist. „Ich war während der Veranstaltung dort einer der wenigen jungen Menschen. Wir haben lange über die Sozialdemokratie und ihre Rolle in der Welt gesprochen.“ Im Anschluss habe Steinmeier ihr einen Brief geschrieben. Wenig später steht sein Name als Werber auf ihrem Mitgliedsantrag.

Wer sollte die Genossen aus Sicht der jungen Menschen in der SPD künftig führen? „Ich glaube, wir brauchen jemanden an der Spitze, der einerseits selbstbewusst unsere Werte vertreten kann, aber gleichzeitig im persönlichen Gespräch empathisch ist und jeden wirklich ernst nimmt. Der oder die Parteivorsitzende muss stark, aber auch vermittelnd sein.“

Beziehungen zu Russland? „Künstlich hochgejazzt“

In der Landespolitik hält sie wie andere Jusos auch den Hype um die Russland-Tage, die MV regelmäßig ausrichtet, für fragwürdig. „Ich sehe die Russland-Politik der Landesregierung kritisch. Natürlich müssen wir ständig im Dialog sein, aber die Bedeutung der Beziehungen wird hier künstlich hochgejazzt.“

Dies sei aber eine inhaltliche Frage. Daraus könne man nicht schließen, dass sie mit Ex-Ministerpräsident Erwin Sellering oder seiner Nachfolgerin Manuela Schwesig über Kreuz liegen würde. Beide haben die Russland-Tage bereits ausgerichtet.

Privat wird Lilly Blaudszun in den sozialen Medien, wenn sie damit ein politisches Statement verknüpfen kann. Kürzlich zeigte sie auf Instagram ein gut verstecktes Tattoo – die Worte: „Come as you are“. Die gehen für sie weit über den musikalischen Kontext hinaus. „Nirvana ist meine Lieblingsband seit ich klein bin. Aber in diesem „Come as you are“ steckt natürlich viel mehr, eben auch die Grundidee der Sozialdemokratie: Komm’ wie du bist, sei wie du bist und leb’ wie du sein willst.“

Mehr zum Thema:

Personenkult? Schwesig-Zitat in Abi-Prüfung sorgt für Aufregung in MV

Interview zur CO2-Steuer: Brodkorb fordert Ehrlichkeit in der Klimaschutz-Debatte

Lilly Blaudszun aus MV: „Ich will nicht mehr, dass wir zusammenbrechen“

Benjamin Fischer