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MV aktuell Lohnkeller MV: Viel Arbeit für wenig Geld
Nachrichten MV aktuell Lohnkeller MV: Viel Arbeit für wenig Geld
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18:09 06.03.2019
Beschäftigten des Kartoffelsverarbeiters Pfanni in Stavenhagen nahmen am Dienstag an einem Warnstreik teil. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert in der laufenden Tarifrunde der obst- und gemüseverarbeitenden Industrie Mecklenburg-Vorpommerns 7,9 Prozent mehr Lohn für die rund 1900 Beschäftigten der Branche im Nordosten. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Rostock/Stavenhagen

Der Lohnkeller liegt im Nordosten: In keinem anderen Bundesland verdienen Beschäftigte im Schnitt weniger Geld als in Mecklenburg-Vorpommern. 2391 Euro brutto pro Monat sind es hierzulande nach Angaben der Bundesregierung (Stand 2017) – und damit knapp 1000 Euro weniger als im bundesdeutschen Durchschnitt.

Wenn Sven Schröder (51) das hört, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Weil der Lohnunterschied so eklatant ist. Und weil viele Beschäftigte in MV nicht einmal diesen Durchschnittslohn erreichen. „Knapp 2400 Euro? Solche Löhne bekommen die meisten in Mecklenburg-Vorpommern doch gar nicht“, sagt Schröder, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Maler, Mauer oder Krankenpfleger könnten froh sein, wenn sie überhaupt 2000 Euro brutto verdienten.

Monatslöhne zwischen 1400 und 1800 Euro – brutto

Der Mecklenburger hat viele Jahre in Hamburg gearbeitet. Als Müllwerker verdiente er dort zuletzt 2600 Euro brutto pro Monat. „Und das war im Jahr 2011 – vor acht Jahren also“, betont Schröder. Nach seiner Heimkehr in den Nordosten arbeitete er hier als Fahrer für verschiedene Speditionen. Für – so sagt er – Monatsbruttolöhne zwischen 1400 und 1800 Euro. Seit einiger Zeit hat er einen neuen Job als Fahrer, für 1900 Euro.

Der Lohn sei das eine, Arbeits- und Urlaubszeiten das andere. „Als Lkw-Fahrer habe ich eine 48-Stunden-Woche, arbeite aber oft deutlich länger“, erklärt Schröder. Eine 37-Stunden-Woche, wie sie Bekannte in Hamburg haben, kenne er hier gar nicht. Außerdem gewährten viele Firmen nach seinen Erfahrungen oft nur den Mindesturlaub von 24 Tagen. „Einige Arbeitgeber sind sogar so dreist, dass sie den Sonnabend mit einberechnen. Man muss also sechs Urlaubstage nehmen, um eine Woche frei zu haben“, sagt der 51-Jährige.

Niedrige Tarifbindung in MV

30 Jahre nach dem Fall der Mauer stehe zwischen Ost und West weiterhin die Lohnmauer, sagt der Vorsitzende des Gewerkschaftsbunds DGB Nord, Uwe Polkaehn: „Die Löhne im Osten liegen teilweise noch immer 20 Prozent unter West-Niveau.“ Hauptgrund sei „die insgesamt niedrige Tarifbindung“. Ein Beschäftigter mit Tarifvertrag verdiene in MV im Schnitt rund 700 Euro brutto mehr als ein Arbeitnehmer ohne.

Polkaehn sieht die Arbeitgeber in der Pflicht. Aus Sicht der Beschäftigten seinen „nur tarifliche Arbeitsbedingungen, zu denen neben dem Entgelt natürlich auch Arbeitszeit und Urlaubsregelungen gehören, konkurrenzfähig“. Wegen des hohen Altersdurchschnitts in den Belegschaften in MV werde die Zahl der Beschäftigten in den kommenden zehn Jahren um 15,5 Prozent abnehmen. „Wer das nicht begreift, gefährdet den Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern“, betont Polkaehn.

In Bayern 400 Euro mehr verdient

„Wir arbeiten zu viel für zu wenig Geld und setzten unsere Gesundheit aufs Spiel“, sagt Stefanie Meier (35), die in Rostock für eine Sicherheitsfirma arbeitet. In Bayern habe sie etwa 300 oder 400 Euro pro Monat mehr verdient als in MV. Für unfair hält auch der Engineering Manager Philip Trost (24) aus Rostock die Lohnunterschiede. Für mehr Geld würde er jedoch nicht in ein anderes Bundesland ziehen wollen. „Auch in Rostock und im Osten sind ordentliche Jobs zu finden“, sagt er.

Nicht einmal jeder Zweite arbeitet in tarifgebundenen Unternehmen

47 Prozent der Beschäftigten in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten nach Angaben des DGB Nord in tarifgebundenen Unternehmen; im Westen sind es 59 Prozent der Vollzeitbeschäftigten. Während der Durchschnittslohn in MV in tarifgebundenen Unternehmen laut DGB im Schnitt bei 2700 Euro liege, zahlten Unternehmen ohne Tarif nur 2030 Euro.

Auch viele Orchester in Ostdeutschland hinken 30 Jahre nach dem Mauerfall vollen Tarifgehältern hinterher. Nach der Wiedervereinigung starteten Orchester im Osten nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) bei etwa 60 Prozent. Gründe waren u. a. Fusionen zahlreicher Orchester und damit verbundener sozialverträglicher Stellenabbau, den verbliebene Orchestermitglieder mitfinanzierten. Mittlerweile habe sich aber die Lage bei den Orchestern teilweise konsolidiert. Viele Orchester in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg können wieder Tarifgehälter zahlen oder sind zumindest auf dem Weg dorthin, teilt die DOV mit, auch in MV in Neubrandenburg. Annäherungen gebe es u.a. in Greifswald/Stralsund.

Helmut Klimper (73) aus Thüringen hat 25 Jahre als Betriebsleiter in Bremen gearbeitet. Damals hätten seine Arbeiter wohl 20 Euro pro Stunde verdient, die Arbeiter im Osten hingegen nur 13 Euro. „Nach über 20 Jahren Deutscher Einheit sei nicht geschafft worden, die Löhne anzugleichen, auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) nicht, und der habe das innerhalb von fünf Jahren erreichen wollen“, sagt der Rentner.

Pfanni-Mitarbeiter streiken für höheren Lohn

Um mehr als acht Prozent oder rund 200 Euro liegen gegenwärtig die Löhne in der Branche der obst- und gemüseverarbeitenden Industrie in MV unter dem Westniveau, teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Am Dienstag hatte die Gewerkschaft die Beschäftigten des Kartoffelverarbeiters Pfanni in Stavenhagen (Mecklenburgische Seenplatte) zu einem Warnstreik aufgerufen. In der laufenden Tarifrunde verlangt die NGG 7,9 Prozent mehr Lohn. Rund 1900 Beschäftigte arbeiten im Nordosten in der Branche.

Die Arbeitgeber hatten zuletzt 3,1 Prozent mehr Lohn und Gehalt für 14 Monate angeboten. Dies würde jedoch die Einkommensschere zwischen West und Ost weiter vergrößern, kritisiert die Gewerkschaft und kündigt weitere Warnstreiks an.

Links-Fraktion unterstützt die Streikenden

Die Links-Fraktion im Schweriner Landtag unterstützt nach eigener Aussage den Warnstreik im Pfanni-Werk. „Gute Löhne für gute Arbeit sind für uns nicht verhandelbare Prinzipien“, sagt der Linken-Abgeordnete Peter Ritter. Das gelte für Ost wie West. Ritter: „Wenn nach 30 Jahren Deutscher Einheit die Tarifgrenzen auf der Landkarte immer noch die alten Grenzen abbilden, ist das nicht hinnehmbar.“

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