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MV aktuell Medizin der Zukunft: Güstrower Ärzte implantieren Herz-Patienten Minisender in den Körper
Nachrichten MV aktuell Medizin der Zukunft: Güstrower Ärzte implantieren Herz-Patienten Minisender in den Körper
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10:55 08.10.2019
Professor Dr. Dietmar Bänsch (l.) und Dr. Christoph Prinz beraten im KMG Klinikum Güstrow anhand der aktuellen Patientendaten über eine anstehende Operation. Quelle: Martin Börner
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Güstrow

Die Diagnose war eindeutig: Der 63 Jahre alte Patient aus einem kleinen Ort bei Rostock leidet unter Magenkrebs. Dr. Christoph Prinz, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des KMG Klinikums Güstrow (Landkreis Rostock), sieht gute Chancen für ein operatives Entfernen des Tumors.

Das zusätzliche Problem: Die Pumpleistung des Herzens des Krebspatienten hatte sich jedoch vor einigen Jahren aufgrund von Vorhofflimmern stark verringert.

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Gefahr eines Vorhofflimmerns vor OP checken

Ein umfangreicher Eingriff war im vergangenen Jahr notwendig geworden. Seither nimmt der Mecklenburger Blutverdünner. Der Chef-Chirurg muss nun klären, wie groß die Gefahr eines erneuten Vorhofflimmerns ist und ob im Vorfeld der geplanten Magen-Operation der Blutverdünner kurzzeitig abgesetzt werden kann.

Häufigste Rhythmusstörung

Beim Vorhofflimmern handelt sich um eine der häufigsten Arten von Herzrhythmusstörungen, unter denen die Deutschen leiden. Der unregelmäßige Herzschlag hält mindestens 30 Sekunden an. Das Herz der Betroffenen mit Vorhofflimmern schlägt unregelmäßig und oftmals deutlich schneller als der normale Herzschlag. Ein sogenanntes Herzstolpern ist neben der Leistungseinschränkung das häufigste Symptom bei Vorhofflimmern. Meist hält der komplett unregelmäßige Herzschlag für mehrere Minuten, Stunden oder sogar Tage an. Insgesamt plagen sich aktuell laut Deutscher Herzstiftung rund 2,5 Millionen Bundesbürger mit den verschiedensten Rhythmusstörungen herum.

Zugriff auf tagesaktuelle Werte

Dr. Ulrike Scheibner zeigt einen der Ereignisrecorder, der im KMG Klinikum einem Patienten implantiert wird. Quelle: Martin Börner

Ein Anruf im eigenen Klinikum, genauer in der Klinik für Rhythmologie und klinische Elektrophysiologie, reicht aus. Deren Chefarzt, Prof. Dr. Dietmar Bänsch, hat nicht nur die Informationen über den damaligen Eingriff parat, sondern kann auch auf die tagesaktuellen Werte des Erkrankten zugreifen. Denn dieser trägt einen sogenannten Ereignisrecorder unter der Haut im Brustbereich.

Pumpleistung des Herzens gestiegen

„Aufgrund des starken Vorhofflimmerns habe ich 2018 eine Katheter-Ablation vorgenommen. Die Verödung krankhaft elektrischer Erregungsherde im Herzgewebe war erfolgreich“, erläutert Prof. Bänsch. Die Pumpleistung des Herzens sei von 30 auf wieder gut 45 Prozent gestiegen. Um die Gefahr möglicher neuer Vorhofflimmer-Episoden rechtzeitig erkennen zu können, habe man dem Patienten das besagte Aufzeichnungsmodul eingesetzt. Dies erfolgte während der Ablation mit örtlicher Betäubung, sagt der Fachmann.

Rhythmusstörungen präzise erkannt

Das Gerät BioMonitor von Biotronik beispielsweise hat die Form eines Mini-Fieberthermometers und ist so lang wie ein Streichholz. Injiziert wird es mit einer Art Spritze. Mit Hilfe des Implantats können die ansonsten im Alltag schwer zu diagnostizierenden Herzrhythmusstörungen von den Güstrower Fachleuten präzise erkannt und bewertet werden. Übermittelt werden die Daten von kaum smartphonegroßen Übertragungsgeräten, sogenannten Cardiomessengern. Diese haben die Erkrankten zu Hause aufgestellt.

Täglich wird das Material durch Herzinsuffizienzschwester Gabi Mörlein in Güstrow geprüft und selektiert. Bei Auffälligkeiten, dazu gehören Rhythmusstörungen oder aber sich anbahnende Unregelmäßigkeiten bei den Betreffenden, legt sie die Aufzeichnungen dem Chef beziehungsweise seinem Ärzteteam vor. „Wir können dann sofort reagieren und beispielsweise den Hausarzt des Patienten informieren, der eine entsprechende medikamentöse Veränderung vornimmt“, so Prof. Bänsch.

100 Hightechmodule pro Jahr

Frau Dr. Ulrike Scheibner betreut im KMG Klinikum Güstrow Gerhardt Stock, 79, aus Warnemünde. Der Patient trägt einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator.  Quelle: Martin Börner

Derzeit tragen etwa 500 Frauen und Männer im Güstrower Umkreis von bis zu 150 Kilometern besagte Ereignisrecorder. Allein weitere 100 dieser Hightech-Module implantieren die Spezialisten in der Barlachstadt in diesem Jahr. Diese Art der Fernüberwachung, die auch problemlos weltweit funktioniert, sei absolut effektiv, verdeutlicht der Ärztliche Direktor. Hilft der Ereignisrecorder, der wie ein Elektrokardiogramm-(EKG)-Gerät funktioniert, das die Herzaktivität über einen längeren Zeitraum lückenlos aufzeichnet, den Medizinern doch auch bei anderen Fragestellungen. Dazu gehört die Behandlung von Rhythmusstörungen in den Herzkammern.

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Treten diese bei Menschen auf, die ohnehin schon an einer Herzschwäche leiden, kann dies den plötzlichen Herztod zur Folge haben. Bei Herzgesunden dagegen ist dies eher unproblematisch. „Dazwischen existiert allerdings eine große Grauzone“, sagt der Facharzt. Jedem Risikopatienten vorsichtshalber einen Defibrillator zu verpassen, lehnt er ab. Vielmehr sei eine individuelle Therapie nötig. Dank des ständigen Datenabgleichs und der gezielten Eingriffe lägen die Heilungschancen bei derartigen Arrhythmien bei bis zu 70 Prozent, so der Fachmann. Verbessert sich der Gesundheitszustand, kann dem Betreffenden das Aufzeichnungsgerät übrigens auf unkomplizierte Art und Weise wieder entfernt werden.

Zeit und lange Wege sparen

Gute Erfahrungen haben die Güstrower Mediziner mit der Technik auch bei der Überwachung von Patienten gemacht, die einen Defibrillator oder Herzschrittmacher besitzen. „Sollte aufgrund verstärkt auftretender Rhythmusstörungen eine Schockabgabe drohen, signalisiert uns der Recorder dies teilweise sechs Monate vorher“, betont Prof. Bänsch.

Schwester Gabi Mörlein überwacht in den KMG Kliniken Güstrow die übertragenen Daten der Ereignisrecorder am Rechner und meldet sich bei Auffälligkeiten sofort beim Ärzteteam. Quelle: Martin Börner

Ein nicht zu unterschätzender Effekt dieser Art von Fernüberwachung – gerade in einem Flächenland wie MV – ist die Zeitersparnis auch für den Erkrankten. Bleiben ihm doch unnötige Besuche bei einem der niedergelassenen Fachärzte für Kardiologie erspart. Und statt Tage zu verlieren, bis neue Ergebnisse eines Langzeit-EKG oder eine Ultraschallkardiografie vorlägen, hätten die Ärzte im Klinikum sofort den Überblick.

„Von unserer Seite gibt es bei der Magen-Operation keine Einwände gegen ein zeitlich begrenztes Absetzen des Blutverdünners. Und ein Vorhofflimmern droht auch nicht“, beruhigt Prof. Bänsch seinen Kollegen aus der Chirurgie.

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