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MV aktuell Organisierte Banden bringen Rentner in MV um ihr Geld: Dramatischer Anstieg
Nachrichten MV aktuell Organisierte Banden bringen Rentner in MV um ihr Geld: Dramatischer Anstieg
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07:47 06.06.2019
Fälle des so genannten Enkeltricks und andere Trickbetrugsmaschen nehmen in MV immer stärker zu. Quelle: dpa
Rostock

Senioren in MV werden immer öfter Opfer von Trickbetrügern. Die aktuellen Zahlen des Landeskriminalamtes sind alarmierend: 1442 Fälle gab es 2018 – ein Rekordwert. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 239. Damit haben sich die Straftaten in diesem Gebiet mehr als versechsfacht.

Mit perfiden Maschen, wie dem populären Enkeltrick, dem falschen Polizisten, dem vermeintlichen Gewinnspiel oder falschen Schulden nehmen die Verbrecher den Menschen Beträge von ein paar hundert bis zu tausenden Euro ab. „Wir haben auch mehrere Fälle, wo die Menschen leider 50 000 bis 70 000 Euro an die Täter aushändigten. Das Schlimme ist, wenn das Geld weg ist, bleibt es in der Regel auch weg. Denn die Täter zu finden, ist äußerst schwierig“, erläutert Kriminaldirektorin Charlotte Eckert.

trickstraftaten Quelle: arno

Bankmitarbeiter versuchten noch zu warnen

Ein Beispiel: Ein Malchiner Ehepaar (80 und 79 Jahre alt) fiel im Februar 2019 auf den bekannten Enkeltrick herein. Unbekannte gaben sich am Telefon als Schwägerin aus, die angeblich dringend Geld für einen Hauskauf benötigte. Sie selbst säße gerade beim Notar, so dass sie nicht schnell vorbeikommen könnte und stattdessen jemanden schicken würde.

Die Senioren holten 37 000 Euro von der Sparkasse ab – trotz eindringlicher Warnung der Bankmitarbeiterin, die einen Betrug witterte – und übergaben insgesamt 45 000 Euro in einer Plastiktüte an eine fremde Frau. Aufgrund der guten Ausbeute probierten die Betrüger es erneut – wieder forderten sie 45 000 Euro. Diesmal konnte die Bank die Übergabe allerdings verhindern.

Ein weiterer Fall ereignete sich nur einen Tag zuvor in Schwerin: Die Täter gaben sich als Polizisten des LKA Berlin aus. Besonders perfide: Oftmals wird die richtige Polizeinummer im Display des Telefons eingeblendet - so dass die Betroffenen den Anruf für echt halten.

Das sind die häufigsten Maschen

Die Trickstraftatenzum Nachteil von Senioren teilt das Landeskriminalamt MV in verschiedene Kategorien ein. Immer noch am beliebtesten bei den Tätern ist der so genannte Enkeltrick, bei dem sich Anrufer als Verwandte ausgeben, die dringend Geld brauchen. 2019 gab es bis Ende Mai insgesamt 739 Trickbetrug-Fälle. Davon waren 350 Enkeltricks – 13 waren aus Tätersicht erfolgreich. 213 Mal gaukelten die Kriminellen den Senioren vor, sie seien Polizisten (5 mal davon vollendet). 109 Mal wurde den Menschen suggeriert, sie hätten eine hohe Summe in einem Gewinnspiel gewonnen und sollten zunächst einmal Geld überweisen, bevor es zur Auszahlung kommt (sieben vollendet). In 51 Fällen zählte das LKA die Masche „falsche Schulden“ (vier vollendet).

Falsche LKA-Beamten nehmen an der Haustür Geld ab

Die falschen Beamten erzählten eine Legende von einer rumänischen Einbrecherbande, bei denen ein Zettel mit Namen der Opfer gefunden wurde. Die Schweriner seien darunter gewesen. Sie sollten bitte ihre Ersparnisse von der Bank holen. Dann wurden sie überzeugt, dass es sich bei Barmitteln um Falschgeld handeln könnte. Um das zu prüfen, übergaben die Opfer 22 000 Euro an der Haustür an die falschen Polizisten.

Kommentar: Es gibt kein Patentrezept gegen Betrug

Häufig komme es auch zu Gewinnspielbetrug, bei dem den Opfern vorgegaukelt werde, sie hätten Geld gewonnen, müssten vor der Auszahlung aber zunächst Gebühren entrichten. Die Aussichten auf einen sehr hohen Gewinn lasse bei dem einen oder anderen dann die Vorsicht schrumpfen.

LKA-Kriminalistin Eckert spricht von einem Massengeschäft, das mit oft ziemlich perfekten Maschen durch Betrüger aus dem Ausland betrieben wird. Menschen würden eingeschüchtert, immer wieder angerufen und massiv unter Druck gesetzt. Es betreffe über 90-Jährige wie auch 60-Jährige in allen Landesteilen.

Hintermänner sitzen in der Türkei

Bei den Tätern handelt es sich um professionell organisierte internationale Banden. „Die Hintermänner sind uns bekannt, aber sitzen meistens in Callcentern in Ankara oder Istanbul. Die Aufklärung ist deshalb kompliziert“, so Eckert. Entsprechend ist der Erfolg der Polizei in solchen Fällen gering. Selbst wenn die Beamten die Geldboten erwischten, seien die oft schweigsam und wüssten nicht, wer eigentlich ihr Auftraggeber ist. Es gebe eine Arbeitsteilung und Abschottung innerhalb des Systems, so dass die Drahtzieher kaum zu fassen seien. Es handele sich oft um Menschen, die in Deutschland geboren wurden, sich für ihr „Geschäftsmodell“ aber in die Türkei begeben hätten.

24 Seniorenberater versuchen landesweit aufzuklären

Am meisten Erfolg sieht die Polizei in der Prävention und Aufklärung. So sensibilisieren inzwischen pensionierte Polizisten potenzielle Opfer. 4000 Senioren seien 2018 in über 150 Veranstaltungen durch 24 Berater erreicht worden. Die Polizei hat Kontakt zu den Banken und Taxigenossenschaften aufgenommen, um zu sensibilisieren. Der Rat der Experten: Auch im bloßen Verdachtsfall sollte immer die Polizei kontaktiert werden.

„Es gibt – gemessen an den Versuchen – weniger vollendete Fälle, weil viele ältere Menschen inzwischen um dieses Problem wissen“, sagt Charlotte Eckert. 99-mal hatten die Täter 2018 in MV Erfolg – und erbeuteten insgesamt mehr als eine halbe Million Euro. Es gibt allerdings noch viel zu tun: 436 522 Euro Schaden richteten die Trickbetrüger allein von Januar bis Mai 2019 an – beinahe so viel wie im gesamten Vorjahr.

Hamburg startet Kampagne „Rette dein Erbe“

Hamburg setzt deshalb auch auf Aufklärung der jüngeren Generation. Mit der Kampagne „Rette dein Erbe“, die sich an 30- bis 50-Jährige richtet, versuchen die Beamten die Familien der Senioren auf das Thema aufmerksam zu machen. In MV gibt es Überlegungen, eine ähnliche Kampagne zu starten.

Virginie Wolfram

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