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MV aktuell Von „überfällig“ bis „Katastrophe“: So reagiert MV auf den Azubi-Mindestlohn
Nachrichten MV aktuell Von „überfällig“ bis „Katastrophe“: So reagiert MV auf den Azubi-Mindestlohn
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20:40 13.05.2019
Benjamin Suppan, Azubi im 3. Lehrjahr (v.), mit Ausbilder Hartmut Krüger im Rostocker Handwerkerbildungszentrum. Viele Kfz-Werkstätten in MV bezahlen bisher nicht nach Tarif.
Benjamin Suppan, Azubi im 3. Lehrjahr (v.), mit Ausbilder Hartmut Krüger im Rostocker Handwerkerbildungszentrum. Viele Kfz-Werkstätten in MV bezahlen bisher nicht nach Tarif. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

515 Euro Lehrlingsgeld – mindestens soviel sollen alle Auszubildende ab nächstem Jahr verdienen. Dafür will die Bundesregierung am Mittwoch die Weichen stellen.

Erstmals würde damit in Deutschland – wie beim gesetzlichen Mindestlohn – auch für Azubis eine gesetzliche Untergrenze für die Vergütung festgelegt. „Auf der einen Seite wollen wir die Leistung, die die jungen Menschen in den Betrieben erbringen, wertschätzen und anerkennen“, so Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Montag in Berlin. Auf der anderen Seite wolle man „weiter die hohe Dynamik in den Betrieben erhalten, gute und hochwertige Ausbildung anzubieten“.

Das Bildungsministerium will den Mindestlohn für Auszubildende einem Bericht zufolge bis 2023 auf 620 Euro pro Monat anheben. Es wäre die erste gesetzliche Untergrenze für Azubi-Gehälter. Wir haben uns umgehört, was die Menschen davon halten.

Mindestlohn soll gestaffelt steigen

Der Mindestbetrag von 515 Euro soll ab 2020 für Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr gelten. In den Folgejahren soll sich die Mindestausbildungsvergütung weiter erhöhen: 2021 auf 550 Euro, 2022 auf 585  Euro und ab 2023 auf 620 Euro. Im zweiten, dritten und vierten Lehrjahr soll es ebenfalls mehr geben – plus 18  Prozent im zweiten Jahr, 35 Prozent im dritten und 40 Prozent im vierten Ausbildungsjahr.

Übersicht: Das verdienen Auszubildende in MV

„Dass auch für Azubis eine Untergrenze in der Bezahlung eingeführt wird, ist überfällig“, meint Jörg Dahms, Landes-Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. In tarifgebundenen Hotels und Gaststätten erhalten Lehrlinge zwar bereits 620 Euro im ersten Ausbildungsjahr, doch in der Branche zahle nur jeder zweite Betrieb Tarif. Dahms: „Vor allem Lehrlinge in kleinen Gaststätten und Pensionen könnten von der neuen Regelung profitieren.“

Anständige Bezahlung nötig

Der Gewerkschafter findet es „traurig, dass die Regierung dafür sorgen muss, dass junge Leute anständig bezahlt werden“. Eigentlich müssten die Arbeitgeber selbst begreifen, dass sie Azubis nur finden, wenn sie gutes Geld zahlen. Dahms befürchtet allerdings, dass auch 515 Euro nicht ausreichen, „um das Leben zu bestreiten“. Viele Lehrlinge hätten hohe Kosten für Unterkunft und Fahrt zur Berufsschule.

Kommentar:Wer Fachkräfte will, muss auch Azubis gut bezahlen

Schlecht bezahlt sind vor allem Friseur-Lehrlinge, für die es in MV keine Tarife gibt. „Ich bezahle meiner Azubine im ersten Lehrjahr 230 Euro, im dritten 450 Euro“, sagt die Inhaberin eines Rostocker Friseursalons. Für sie wäre der Mindestlohn eine Katastrophe: „Ich kann nur so viel zahlen, wie wir Umsatz machen. Gerade am Anfang schauen unsere Lehrlinge nur zu und bringen keinen Gewinn“, meint die Firmenchefin, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen will.

Hohe Belastung für kleine Betriebe

Auch Tischlereien binden sich nicht an Tarife. „Wir liegen nur knapp unter dem Mindestlohn und halten die Einführung für richtig“, sagt der Inhaber einer Rostocker Tischlerei. Bei ihm steigt ein Lehrling mit 490 Euro ein und bekommt im dritten Lehrjahr 744 Euro. Höhere Löhne könnten kleine Firmen „in den Ruin treiben – fehlender Nachwuchs aber auch“, gibt der Unternehmer zu bedenken. Holger Schwannecke vom Zentralverband des Deutschen Handwerks warnt vor einer hohen Belastung kleiner Betriebe in strukturschwachen Regionen.

Laut Henning Foerster, wirtschaftspolitischen Sprecher der Linksfraktion im Schweriner Landtag, liegen aktuell sieben Ausbildungstarifverträge in MV unter der künftigen Vergütung, so das Sicherheitsgewerbe, Floristen, außerdem Handwerksbranchen wie Heizung-Klima-Sanitär sowie Metallverarbeitung. Foerster kritisiert, dass die Politik der Wirtschaft weiterhin „Hintertürchen“ offen halten will. Wo Betriebe die Mindestvergütung nicht zahlen könnten, wolle man den Betrieben gemeinsam mit den Sozialpartnern einen längerfristigen Einstieg ermöglichen. Zudem soll der Mindestlohn nur dort gelten, wo es derzeit keine Tarifverträge für Azubis gibt. Ist tariflich ein geringerer Lohn vereinbart, soll dieser weiter gezahlt werden.

Viele Branchen zahlen mehr

Lehrlinge in der Metall- und Elektroindustrie, vor allem auf den Werften, stehen deutlich besser da. „Wir zahlen schon im ersten Lehrjahr über 1000 Euro“, betont MV-Werften-Sprecher Stefan Sprunk. Auch im Elektrohandwerk sieht es gut aus: „Die Entlohnung ist in unserer Branche, wie auch im Baugewerbe, in den letzten Jahren stark angestiegen. Im ersten Lehrjahr zahlen wir 650 Euro“, sagt Kay Wittig, Geschäftsführer des Elektroverbands MV. „Wir denken, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber über Löhne verhandeln sollten, nicht die Politik.“ Wittig plädiert eher für Zuschüsse für Fahrtkosten und Unterkünfte.

Laut Bundesagentur für Arbeit verdienen rund 65 000 Azubis in Deutschland weniger als 400 Euro im Monat. Unter der neuen Mindestlohn-Grenze liegen beispielsweise Raumausstatter-Lehrlinge, die in Ostdeutschland 480 Euro im Monat verdienen, aber auch Schornsteinfeger mit 450 Euro und ostdeutsche Friseure mit durchschnittlich rund 325.

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