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MV aktuell Mit dem Wartburg in den Westen: So erlebten zwei OZ-Reporter die Grenzöffnung
Nachrichten MV aktuell Mit dem Wartburg in den Westen: So erlebten zwei OZ-Reporter die Grenzöffnung
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17:33 09.11.2019
Sie schrieben 1989 Grenzgeschichten: Werner Geske (l.) und Hartmut Klonowski als Bildreporter der OSTSEE-ZEITUNG. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Am Abend des 9. Novembers verfolge ich im Fernsehen gespannt die Pressekonferenz zur Neuregelung von Reisen der DDR-Bürger ins westliche Ausland. Dabei erlebe ich, wie Günter Schabowski, Sekretär des SED-Zentralkomitees, stammelnd verkündet, dass diese Regelung „sofort, unverzüglich“ in Kraft trete. Das hält mich aber nicht davon ab, mich bald darauf ins Bett zu legen.

Historischen Moment verschlafen

Dass ich die damit einen historischen Moment verschlafen habe, wird mir erst am folgenden Morgen klar, denn in der Nacht ist die Mauer gefallen. Auf der daraufhin umgehend einberufenen Redaktionssitzung der OSTSEE-ZEITUNG wird festgelegt: Die Redakteure Werner Geske und Hartmut Klonowski fahren nach Lübeck, um in Wort und Bild darüber zu berichten. Doch ehe es Richtung Westen gehen kann, muss die Genehmigung der Volkspolizei eingeholt und müssen 15 DM bei der Staatsbank der DDR eingetauscht werden. Angesichts der Menschenmassen, die dasselbe Ziel wie wir haben, grenzt es fast an ein Wunder, dass wir schon gegen Mittag in unseren Wartburg steigen können.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Tausende Autos verstopfen die F 105

Spätestens um 20 Uhr, so lautet der Auftrag, sollen wir wieder in Rostock sein, denn: „Die Druckmaschinen warten nicht!“ Wider Erwarten kommen wir auf der Fernverkehrsstraße 105 in Richtung Grenzübergang Selmsdorf gut voran. Im milchigen Sonnenlicht des Herbsttages bestellen LPG-Bauern ihre Felder: „Dass die an solchem Tag arbeiten!“ Hinter Grevesmühlen wird der Verkehr immer dichter. Trabants, Wartburgs, Ladas – Stoßstange an Stoßstange. Ihre Fahrer ignorieren den Hinweis in Mallentin: Letzte Abfahrt vor dem Grenzgebiet.

Freundliche Grenzposten

Heute ist alles anders. Auch der Posten an der ersten Kontrollstelle vor Dassow ist ungewöhnlich freundlich und kontrolliert nur flüchtig in die Pässe: „Angenehme Weiterfahrt!“ Bildreporter Hartmut Klonowski schaut bei der Fahrt durch das Grenzstädtchen nachdenklich und kopfschüttelnd auf die mächtige Betonmauer am Dassower See. „Ich habe hier von 1976 bis 1977 eineinhalb Jahre als Grenzer gedient. Damals waren die Grenzsicherungsanlagen längst nicht so massiv. Ob sie künftig noch notwendig sind?“ Da klingt viel Zweifel mit.

Großes Begrüßungsfest auf dem Lübecker Marktplatz

In Selmsdorf weht über Mauer und Stacheldraht die Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Die Grenzer winken uns an der langen Schlange der Wartenden vorbei, als wir erklären, dass wir zum Interview mit dem Bürgermeister ins Lübecker Rathaus wollen. Auf der Westseite, ab Schlutup, stehen die Menschen Spalier für die Fahrzeugkolonnen aus dem Osten. Winken, Lachen, Weinen. Zigaretten werden durch die Autofenster gereicht, auch Bananen, Apfelsinen, Süßigkeiten. Am Burgtor ist Schluss. Von hier aus geht es nur zu Fuß weiter. Die Stadt feiert ein Fest. „Holstentor, Marienkirche, Rathaus – dass ich das alles sehen kann, ich fasse es nicht!“, ruft ein Schweriner mit Sektflasche in der Hand. Der Marktplatz ist voller Menschen aus Ost und West, diskutierend, gestikulierend, applaudierend.

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Nicht alle im Westen sind euphorisch

Nicht alle sind euphorisch. In den Jubel mischen sich auch nachdenkliche Töne. Linke verteilen Flyer an DDR-Bürger. „Lasst euch nicht BRDigen!“, heißt es darauf. Im Vorübergehen hören wir einige grauhaarige Herren sagen: „Wir haben immer erklärt, dass es schön wäre, wenn uns unsere Brüder und Schwestern aus dem Osten besuchen könnten. Nun sind sie da. Für den einen und anderen wird es wohl ein böses Erwachen geben.“

Lübecks Bürgermeister löchert Reporter mit Fragen

Das macht uns nachdenklich, als wir die Rathaustreppe zum Büro von Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD) emporsteigen. Der Pressesprecher empfängt uns im Vorzimmer und stellt uns dann seinem überraschten Chef vor. „Sie sind von einer Rostocker Zeitung?“ Auch für ihn ist die neue Realität noch schwer fassbar. Er verrät, dass er die Nachricht von der Maueröffnung auf der Geburtstagsfeier seines Parteichefs und Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Björn Engholm, erhalten habe: „Ich bin daraufhin gleich zur Grenze gefahren.“

Bouteiller möchte viel wissen: „Wie sieht es jetzt bei Ihnen aus? Gehen die Demonstrationen weiter? Wollen noch mehr Menschen in den Westen ausreisen?“ Auch wir stellen Fragen: Kommt die Wiedervereinigung? Lassen Sowjets und die Westmächte sie überhaupt zu? Wird die Bundesrepublik die DDR wirtschaftlich unterstützen? Verständlich, dass es nicht auf alles befriedigende Antworten gibt. Am Ende verabschiedet uns der Rathauschef mit Grüßen an unsere Leser.

Lichterglanz durch Auto-Scheinwerfer

Als wir das Rathaus verlassen, strahlt das abendliche Lübeck im Lichterglanz. Die Weihnachtszeit ist nicht mehr weit. Da ist das Begrüßungsgeld, das an die DDR-Bürger ausgegeben wird, sehr willkommen. Kein Wunder, dass sich aus diesem Grund vorm Rathaus Hunderte in eine Schlange eingereiht haben, um sich ihre D-Mark abzuholen. Wir überqueren die Grenze wieder in Richtung Osten. Entgegen kommt uns eine schier endlose Kette von Scheinwerferlichtern.

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