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MV aktuell Nach Fall Emma: Experte klagt über Missstände in der Familienhilfe
Nachrichten MV aktuell Nach Fall Emma: Experte klagt über Missstände in der Familienhilfe
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15:52 14.11.2018
Die Jugendämter sind für die Hilfen zur Erziehung zuständig. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Wolgast

Der Fall der tödlich verbrühten kleinen Emma aus Wolgast hat wieder einmal den Blick auf die Familienhilfe in MV gelenkt. Ein OZ-Informant, der selbst in diesem Bereich tätig ist, schlägt Alarm: Vor allem in Vorpommern seien die Mitarbeiter im Bereich „Hilfen zur Erziehung“ restlos überfordert. Das Jugendamt überträgt diese Aufgaben oftmals an freie Träger. Auch Emmas Familie hat derartige Hilfen bekommen.

Die dreijährige Emma war Anfang Oktober tot in ihrem Bettchen gefunden worden, nachdem ihre Mutter sie am Vorabend zu heiß gebadet hatte (die OZ berichtete). Zwar sieht die Staatsanwaltschaft in diesem Fall keine Mitschuld beim Jugendamt im Kreis Vorpommern-Greifswald. Doch ohne konkret auf diesen Fall einzugehen, sagt der Experte, der anonym bleiben möchte: „Im Kreis Vorpommern-Greifswald wird der gesamte Bereich der Familienhilfe kaputtgespart.“ Der Stundensatz, der an die Träger der Jugendarbeit pro Fachstunde gezahlt werde, liege um 50 Prozent unter dem, was andere Landkreise zahlen.

Ausgebildete Erzieher und Pädagogen gehen in Branchen mit besserer Bezahlung

Das habe wiederum zur Folge, dass die Träger zunehmend Probleme hätten, Personal zu finden. Denn in der Jugendhilfe gilt das Fachkräftegebot, das heißt, es dürfen nur ausgebildete Erzieher oder Pädagogen eingesetzt werden. „Und die gehen lieber in Schulen, Kitas oder Krankenhäuser, wo besser bezahlt wird“, so der Insider. Und das Problem setzt sich fort: Weil Mitarbeiter fehlen, werde für die verbliebenen die Zahl der Arbeitsstunden heraufgesetzt. „Wir sind total am Ende. Ich selbst habe in den vergangenen vier Wochen jeweils 70 Stunden gearbeitet.“

Als Beispiel nennt der Informant die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Ostvorpommern. Dort seien von zehn Mitarbeitern Anfang des Jahres bis auf einen alle gegangen. Das bestätigt Katharina Feike, Assistentin der Geschäftsführung beim Kreisverband: „Inzwischen haben wir aber wieder sieben Mitarbeiter, zudem haben wir ein Büro in Anklam eingerichtet mit zwei weiteren.“ Es werde aber weiter gesucht. Und: „Wir achten genau darauf, dass die Kollegen nicht zu viele Stunden arbeiten“, betont Feike.

Bei den Stunden wird getrickst

Nach Angaben des Informanten helfen sich manche Anbieter, indem sie bei der Abrechnung tricksen. „Es werden teilweise 160 Leistungsstunden pro Mitarbeiter abgerechnet. Da sind aber Fahrzeiten und Büroarbeit noch gar nicht dabei. In so einem großen Landkreis wie unserem müssten die Kollegen da schon fliegen können.“

Zuständig für die Hilfen zur Erziehung sind die Landkreise und kreisfreien Städte. Mit ihnen tauscht sich das Schweriner Sozialministerium regelmäßig aus. „Bei diesen Gesprächen wird deutlich, dass die Kreise sehr unterschiedlich aufgestellt sind“, sagt Ministeriumssprecher Alexander Kujat. „Aber Fachkräfte sind überall knapp.“ Auch eine OZ-Umfrage ergab, dass die Arbeitsbelastung für die Jugendhelfer regional stark variiert: Während Fachleute 35 Fälle pro Mitarbeiter empfehlen, sind es in Vorpommern-Greifswald bis zu 55. In Rostock sind es 45. Im Kreis Ludwigslust-Parchim dagegen konnte die Zahl in den vergangenen Jahren von 50 auf jetzt 41 gesenkt werden, in Nordwestmecklenburg sind es 40.

Vorpommern-Greifswalds Kreissprecher Achim Froitzheim betont: „Das Kindeswohl steht an erster Stelle, nicht das Geld.“ Dass im Kreis weniger Geld an die Träger gezahlt werde als in anderen, sei das Ergebnis von Verhandlungen, dem beide Seiten zugestimmt hätten.

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