Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Rügener Molkerei: Aus für Traditionsmarke „Frische Sahnige“
Nachrichten MV aktuell Rügener Molkerei: Aus für Traditionsmarke „Frische Sahnige“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:00 01.03.2019
„Frische Sahnige“ aufs Brötchen – das gehört der Vergangenheit an. Die Produktion der einstigen Rahmbutter wurde eingestellt. Quelle: Dietmar Lilienthal
Anzeige
Bergen

„Die frische sahnige Küstenland Butter ist nicht mehr verfügbar.“ Zwischen Nudelsalat und Schweineschmalz gibt ein schwarzes Schild mit weißer Schrift in einem Einkaufsmarkt auf der Rostocker Holzhalbinsel darüber Auskunft. In der Filiale hatten offenbar viele Kunden nachgefragt, wo das Produkt geblieben ist. Auch im Edeka Jens Markt Rostock-Gehlsdorf vermissen Stammkunden den Butter-Aufstrich in den kleinen Plasteschachteln. Marktleiter Kolbe bedauert, dass er das Erzeugnis nicht mehr nachbestellen kann. „Es ließ sich gut verkaufen“, sagt der Händler, der die „Frische Sahnige“ noch aus DDR-Zeiten als Rahmbutter kennt. Neben der Halbfett-Butter hat er auch andere Ost-Marken im Angebot - Halberstädter Würstchen, Werder Tomatenketchup, Riesaer Nudeln und Rotkäppchen Sekt zum Beispiel.

Milchkontor: Weiterführung ist nicht rentabel

Für die „Frische Sahnige“ hat das Deutsche Milchkontor (DMK) auf Nachfrage der OSTSEE-ZEITUNG inzwischen mitgeteilt, dass die Produktion eingestellt wurde. Laut Konzernsprecher Oliver Bartelt in Bremen ist die Anlage veraltet und „nicht mehr rentabel“. Man habe das Produkt deshalb aus dem Sortiment genommen.

Hergestellt wurde das Küstenland-Produkt zuletzt auf Rügen in der Molkerei Bergen, die derzeit noch den Kultkäse „Rügener Badejunge“ fertigt – ebenfalls eine Traditionsmarke aus DDR-Zeit. Die wurde 2018 nach Frankreich verkauft, seit Februar wird die „Badejunge“-Produktion schrittweise nach Thüringen verlegt. Die Molkerei in Bergen soll im Sommer stillgelegt werden. Den Verkauf der Produktionsstätte an einen Investor, der dort weiter Milch verarbeiten wollte, hatte der Konzern aus Konkurrenzgründen abgelehnt. Ein Verkauf der Küstenland-Marke wird dagegen nicht ausgeschlossen. „Wir würden eingehende Angebote für die Marke sicher prüfen“, meint Sprecher Bartelt.

Streichfähig und halb so viel Fett

Mit dem Aus für die „Frische Sahnige“ verschwindet in der Milchbranche eines der letzten authentischen Ost-Produkte. Als die Rahmbutter vor etwa 50 Jahren die Kaufhallen-Regale eroberte, fand sie schnell Zuspruch. Vor allem bei DDR-Bürgern, die sich fettärmer ernähren wollten. Denn das Erzeugnis im 250-Gramm-Becher hatte nur halb soviel Kalorien wie „gute Butter“ und war sofort streichfähig, wenn man es aus dem Kühlschrank nahm. Andere sahen in der Neuentwicklung eher ein Ergebnis sozialistischer Mangelwirtschaft, in der überall gespart wurde, auch an Fett. Vermutlich ist an beidem etwas dran.

Fast alle Rahmbutter-Anlagen wurden verschrottet

Bis 1990 wurde Rahmbutter in mehreren Molkereien zwischen Kap Arkona und Fichtelberg hergestellt. Nach der Wende verschwand sie weitgehend vom Markt, die meisten Anlagen wanderten in den Schrott. Einzige Ausnahme: Die Rostocker Küstenland-Molkerei führte unter der Bezeichnung „Frische Sahnige“ die Produktion fort. Nach deren Schließung wurden die Rostocker Maschinen 2010 in Bergen wieder aufgebaut. Etwa 350 000 Euro steckte die Küstenland-Milchunion, die ein Jahr später mit der Bremer Nordmilch-Gruppe zum größten Deutschen Milchkonzern fusionierte, in die Modernisierung der Maschinen. Zunächst wurden Auf Rügen noch jede Woche etwa sieben Tonnen „Frische Sahnige“ produziert, pro Jahr rund 350 Tonnen. „Mit einer Anlage, die einmalig ist in Deutschland“, hatte Mitarbeiter Günter Kronwald in der OSTSEE-ZEITUNG damals stolz berichtet. Bis zuletzt hatten mehrere Handelsketten das Produkt gelistet, neben Edeka auch Supermärkte von Rewe, Famila und Kaufland zum Beispiel.

Ostseemolkerei Wismar hält an Ost-Marken fest

Ost-Marken produziert auch die Ostseemolkerei Wismar (Nordwestmecklenburg). „Alt Mecklenburger Tilsiter“ und „Alter Schwede“ seien Marken mit DDR-Wurzeln, bestätigt Geschäftsführer Klaus Rücker. Die Marken seien beliebt - nicht nur im Osten, auch in den alten Bundesländern, meint der Inhaber der Rücker Molkerei Aurich (Schleswig-Holstein), zu der die Ostseemolkerei seit 1994 gehört. In Wismar sei nicht beabsichtigt, die Produktion der DDR-Marken einzustellen, betont Rücker. „Wir haben Erfolg damit, verzeichnen sogar Wachstum.“

Die Produktion der „Frischen Sahnigen“ dagegen war rückläufig. Im vorigen Jahr lief die Anlage in Bergen nur noch an einem Tag pro Woche. Rund 100 Tonnen seien 2018 abgefüllt worden, insgesamt etwa 400 000 Schachteln. Das Milchkontor habe das Erzeugnis „nicht mehr beworben und nicht weiterentwickelt“, sagt Christina Rausch, Werkleiterin in Bergen. Sie findet es „traurig, dass es das Produkt nun nicht mehr gibt“, meint die Rüganerin. Zumal sie auf dem deutschen Markt keinen vergleichbaren Brotaufstrich kenne. „Das Produkt wurde aus reiner Sahne gefertigt, ohne Zusatz von Pflanzenöl“, wie bei anderen Herstellern.

Viele Anfragen von Kunden

Bei Christina Rausch gehen fast täglich Anfragen ein, warum die „Frische Sahnige“ im Handel verschwunden sei. Aus ganz Mecklenburg-Vorpommern, auch aus Berlin und Thüringen hätten schon verärgerte Kunden angerufen. Einer von ihnen ist OZ-Leser Hans-Joachim Witte aus Neuburg (Nordwestmecklenburg). Der Rentner hatte schon im November in einem Leserbrief mitgeteilt, dass ihm die „Frische Sahnige“ am Herzen liege. „Was wird aus diesem beliebten Produkt? Wer führt die Produktion weiter, wenn die Molkerei in Bergen schließt?“, wollte er damals wissen.

Auf einem Online-Verbraucherportal schreibt eine Kundin aus Thüringen: „Wir kaufen diese Butter schon jahrelang und vermissen sie zurzeit sehr. Inzwischen ist sie in Eisenach nirgends mehr zu bekommen. Werden so langsam alle Konkurrenz-Produkte, die in den östlichen Ländern produziert werden und gut sind, eliminiert?“

Werkleiterin Rausch hätte es begrüßt, wenn die Butteranlage an einen anderen DMK-Standort wieder aufgebaut würde, etwa in Altentreptow oder Dargun. Das sei geprüft, aber verworfen worden, hieß es dazu aus der DMK-Pressestelle in Bremen.

Was Branchenexperten wissen, das DMK aber verschweigt: Die „Frische Sahnige“ war ein Produkt, bei dem eine lukrative Gewinnspanne möglich gewesen wäre - der Preis ähnelte dem von „guter“ Butter, gebraucht wurde aber nur halb so viel Fett.

Konkurrenz für andere Produkte im Konzern

Rauschs Vorgänger, Wolfgang Lüth, hatte nach der Fusion mit Nordmilch versucht, das Ostprodukt „weiter nach vorn zu bringen“, wie er sagt. Die „Frische Sahnige“ wäre auch in Bio-Qualität möglich gewesen, wie der Rügener Camembert, berichtet der langjährige Molkerei-Chef, der 2017 in den Ruhestand ging. Das habe wohl nicht in die Konzernstrategie gepasst. Andere DMK-Standorte entwickelten damals fettreduzierte Butterprodukte, denen Pflanzenfett beigemischt wurde. Für die wäre die alte Rahmbutter ein Konkurrenzprodukt gewesen, vermutet Lüth.

OZ-Leser Witte sucht nun eine Alternative. „Wir haben schon gezielt gesucht, sind aber noch nicht fündig geworden“, berichtet der 83-Jährige. „Bei Butter ist uns der Fettgehalt ein bisschen hoch“, meint der frühere Landwirt. Andere Produkte lehnt er wegen ihres Palmöl-Gehalts ab.

Runder „Badejunge“ wird schon in Thüringen produziert

In Bergen hat inzwischen die Verlagerung der „Badejunge“-Produktion begonnen. Laut Werkleiterin Rausch wird „ein Teil der runden 250-Gramm-Stücken bereits in Altenburg hergestellt“. In den kommenden Wochen sollen ovale Sorten mit den 150-Gramm-Stücken folgen. Im August werde in der Molkerei wahrscheinlich endgültig „das Licht ausgemacht“. Damit endet Rügens Camembert-Tradition, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flüchtlinge aus dem heute polnischen Stolp begründet wurde.

Sozialplan für Molkerei-Beschäftigte

Für das Werk mit einst 60 Beschäftigten wird laut Konzernleitung ein Sozialplan verhandelt. Einige Mitarbeiter hätten Angebote an anderen DMK-Standorten angenommen. Werkleiterin Christina Rausch meint: „Ich wäre wirklich gern hier geblieben.“ Jetzt aber schaue sie nach vorn – und einer neuen beruflichen Herausforderung entgegen.

Nur noch wenige Ostprodukte

Spreewaldgurken, Bautzner Senf, Rotkäppchen-Sekt und Halberstädter Würstchen sind alte Ost-Produkte, die im Handel noch gelistet und bei Kunden beliebt sind.

Aus Mecklenburg-Vorpommern gehörten bisher die Grabower Küsschen, „Alt Mecklenburger“-Käse aus Wismar, der „Rügener Badejunge“-Camembert und der Brotaufstrich „Frische Sahnige“ (früher Rahmbutter) dazu. Genaugenommen war die einstige Rahmbutter allerdings keine Butter, sondern ein Milchstreichfett. Butter muss laut Lebensmittelverordnung einen Fettgehalt von mindestens 80 Prozent aufweisen. Nach der Wende wurde das fettreduzierte DDR-Produkt deshalb „Frische Sahnige“ genannt. Die Herstellung des Traditionsproduktes wurde jetzt eingestellt.

Der „Rügener Badejunge“ wird zum Teil bereits in Thüringen hergestellt, ab Sommer 2019 dann vollständig.

Mehr zum Thema:

„Rügener Badejunge“ wird Franzose

Kommentar: Marke braucht Herkunft

„Badejunge“-Molkerei auf Rügen: „Starrköpfiger Arbeitgeber“

Elke Ehlers

Zwei Monate nach der ersten Sturmflut des Jahres kämpfen einige Gemeinden zwischen Usedom und Boltenhagen immer noch mit enormen Schäden. Im großen OZ-Report „Unsere Strände nach der Flut“ ziehen die Kommunen Bilanz – und wollen, dass das Land ihnen hilft.

01.03.2019

Zwei Häuser in der Ferienanlage Weiße Wiek wechseln den Besitzer. Die Hamburger Magna Real Estate kauft das Iberotel und das Dorfhotel. Die Anlage an einem Naturschutzgebiet soll vergrößert werden, aber noch fehlen die Genehmigungen.

28.02.2019

325 Millionen Euro waren kurz nach Verkündung für das Schulbauprogramm in Mecklenburg-Vorpommern im Juni 2018 verplant – was in kommenden Jahren geschieht, ist offen. Die Linke fordert einen kräftigen Nachschlag.

28.02.2019