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MV aktuell Mordfall Leonie: „So etwas hatten wir hier in Torgelow noch nie“
Nachrichten MV aktuell Mordfall Leonie: „So etwas hatten wir hier in Torgelow noch nie“
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20:29 22.01.2019
Torgelow: Kerzen und Plüschtiere stehen vor dem Eingang des Hauses, wo am 12. Januar 2019 eine Sechsjährige ums Leben kam. Quelle: Stefan Sauer / dpa
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Torgelow

„Das ist einfach nur traurig und wenn ich was zu sagen hätte, der Täter würde nie wieder rauskommen“, sagt Detlef Suchland. Der 63-Jährige schiebt sein Rad an unzähligen roten Trauerlichtern vorbei – mitten in Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald). Vor dem grauen verlassen wirkenden Haus an der stark befahrenen Straße neben der Kirche und unweit vom Markt breitet sich ein Meer von Lichtern, Plüschtieren, Blumen und anderen Andenken aus. Ständig legen Passanten neue Dinge nieder oder bleiben stehen, um zu lesen oder um das sechsjährige Mädchen zu trauern, das am 12. Januar tot in der Wohnung der Familie gefunden wurde.

„So etwas hatten wir hier in Torgelow noch nie“, sagt Stadtsprecher Ulrich Blume. Seit zehn Tagen ist der gewaltsame Tod der Sechsjährigen das Hauptthema in der Stadt mit ihren rund 9000 Einwohnern. Die Empörung – vor allem via Internet – war so groß, dass die Polizei sich mehrfach genötigt sah, vor Selbstjustiz zu warnen, als der Stiefvater noch auf der Flucht war.

Zur Trauerfeier in der Christuskirche in Torgelow für die verstorbene Leonie kamen Hunderte.

„Hier kannte die eigentlich noch keiner richtig“

Sonst ist Torgelow vor allem durch die Uecker, Militärtradition, Gießerei, eine Ringertradition und die Fußballvereine bekannt. Die Familie – eine Mutter mit zwei Kindern aus einer ersten Beziehung und einem Baby mit dem jetzigen Lebensgefährten – war erst im Sommer 2018 von Wolgast nach Torgelow gezogen. „Hier kannte die eigentlich noch keiner richtig“, sagt eine Verkäuferin im Drogerieladen nebenan. Pastor Frank Sattler berichtet, dass der Stiefvater mit der Sechsjährigen und ihrem kleineren Bruder mehrfach gesehen wurde, wie sie zum Spielplatz gleich neben der Kirche gingen.

Dieser 27 Jahre alte Stiefvater hatte am 12. Januar Rettungskräfte gerufen, weil die Kleine angeblich eine Treppe heruntergefallen war. Die Mediziner konnten nichts mehr für die Sechsjährige tun. Rechtsmediziner hatten später nach Angaben der Staatsanwaltschaft herausgefunden, dass das Mädchen misshandelt wurde. Dann floh der Stiefvater aus dem Polizeirevier in Pasewalk, als er festgenommen werden sollte. Danach wurde mit einem Haftbefehl wegen „Mordes durch Unterlassen“ nach ihm gefahndet – und wurde am Montag im Beisein seines Anwaltes gefasst, als er sich stellen wollte.

Die Menschen fragen: Wer ist schuld?

„Das ist erstmal eine große Erleichterung“, erklärt der Pastor. Und Stadtsprecher Blume ergänzt: „Diese Ungewissheit hat nun wenigstens ein Ende.“ Bei den Torgelowern sei ansonsten die Betroffenheit und Hilflosigkeit sehr groß, hat Sattler beobachtet, der seit 1989 in der Stadt ist. Die Menschen fragten sich, wer sei schuld, wie hätte man dies verhindern können.

Der erste Polizei-Einsatz, die Anteilnahme an dem Tod des Mädchen, die Flucht des Tatverdächtigen und die tagelange Suche nach ihm: Hier finden Sie Bilder zum tragischen Tod von Leonie aus Torgelow.

Rentner Suchland ist nicht der einzige, der in Torgelow der Meinung ist, dass der Stiefvater am besten nicht wieder freikommen sollte. „Das ist alles grausam und furchtbar“, gibt eine 58 Jahre alte Torgelowerin ihre Gefühle preis, während sie unweit von dem Haus mit dem Lichtermeer steht. Neben dem Stiefvater sollte auch die Mutter bestraft werden, sagt sie. Es sei kaum vorstellbar, dass eine Mutter nicht merke, wenn ihr Kind Verletzungen durch Misshandlungen hat. Von der am Abend geplanten Trauerstunde in der Kirche erhoffe sie sich, dass dann auch an jene Kinder erinnert werde, die andernorts Misshandlungen erdulden müssten.

Selfies vor dem Blumenmeer

Aber nicht alle Passanten, die an dem grauen Haus stehenbleiben, denken nur an das tote Mädchen. Einige junge Leute stellen sich davor auch in Pose, um ein „Selfie-Foto“ zu schießen. „Das hat mit Gedenken wohl wenig zu tun“, kritisiert Blume. Für den Abend haben er und der Pastor deshalb festgelegt, dass auf Handyfotos bei der Trauerstunde verzichtet werden sollte.

Neben Rentner Suchland schaut auch eine Familie mit zwei Kindern genau auf die Lichter und Abschiedszettel. Sie wollen nicht über das Geschehen reden, zeigen aber auf ein Bild mit gemalter Kerze und bunten Blumen. Dort am leeren Schaufenster steht „Ruhe in Frieden liebe Leonie“ und daneben wurde ergänzt „weit weg von diesem Ort“. Der Stiefvater habe nach seiner Festnahme am Montagabend bestritten, das Mädchen getötet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

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Winfried Wagner / dpa