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Münzschatz, Schwert und Häuserreste - Das archäologische Jahr 2019

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12:11 26.12.2019
Archäologen kennen keine Nachwuchssorgen: Rund 180 ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger suchen derzeit in MV im Auftrag der Profis im Boden und unter Wasser nach Zeugnissen vergangener Zeiten. Gemeinsam machten sie 2019 spektakuläre Funde.
Archäologen kennen keine Nachwuchssorgen: Rund 180 ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger suchen derzeit in MV im Auftrag der Profis im Boden und unter Wasser nach Zeugnissen vergangener Zeiten. Gemeinsam machten sie 2019 spektakuläre Funde. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/
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Schwerin

Mecklenburg-Vorpommerns Archäologen blicken auf ein fund- und erkenntnisreiches Jahr 2019 zurück. Dank neuer Entdeckungen bekommt die geheimnisumwitterte Völkerwanderungszeit im Nordosten langsam Konturen, wie Landesarchäologe Detlef Jantzen sagt.

Der für Laien wohl spektakulärste Fund ist allerdings jüngeren Datums: Ein nahe Malchin vergrabener Tontopf mit 2400 Silbermünzen stammt aus dem 13. Jahrhundert.

Der Silberschatz von Gorschendorf

Bei Bauarbeiten für eine Gasleitung bei Gorschendorf nahe Malchin im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte machten Archäologen im Frühjahr 2019 einen außergewöhnlichen Fund: In einem tief vergrabenen Tontopf war ein Schatz aus 2400 Silbermünzen versteckt. Ersten Untersuchungen zufolge wurden die Münzen in der Zeit von 1170 bis 1260 geprägt. „Demnach wurden sie im 13. Jahrhundert vergraben“, sagt Jantzen. In acht Schichten gestapelt, fanden sich Münzen aus Prägestätten in Mecklenburg und im Fürstentum Rügen, darunter Stierkopfbrakteaten und Hohlpfennige. Derzeit wird der Fund im Landesamt genauer untersucht, um mögliche weitere Typen von Münzen zu identifizieren - „eine Geduldsarbeit“, sagt Jantzen.

Hobbyarchäologe René Schön: „Das war der Fund meines Lebens.“

Römische Goldsolidi in Nordwestmecklenburg

Ein Goldfund in diesem Jahr in der Nähe von Groß Labenz im Landkreis Nordwestmecklenburg bringt einen Lichtstrahl in das bislang als dunkel geltende Zeitalter der Völkerwanderung. „Der Fund besteht aus sieben Münzen, sogenannten Goldsolidi wahrscheinlich weströmischer Prägung, und einem kleinen Stück Goldbarren“, berichtet der Landesarchäologe. Die Münzen stammen aus der Zeit um 450 nach Christus. Fünf Münzen und das Stückchen massiven Goldes fand ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger mit dem Metalldetektor bei einer seiner regelmäßigen Feldbegehungen. Zwei weitere Münzen wurden bei einer Nachgrabung geborgen.

Es ist bereits der zweite Fund dieser Art in MV binnen kurzer Zeit: Fünf Goldsolidi aus derselben Zeit, etwas aufgewickelter Golddraht und ein goldenes Schließhäkchen, wohl von einem Kleidungsstück, wurden vor zwei Jahren in der Nähe von Gützkow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) entdeckt. Derzeit läuft Jatzen zufolge ein Projekt, um die Goldzusammensetzung und das Abbaugebiet des Edelmetalls herauszufinden. Ähnliches ist mit dem Fund von Groß Labenz geplant.

Schwert aus dem fünften Jahrhundert im Schweriner See

Ein Eisenschwert wurde bei einem Tauchgang von einem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger am Grund des Schweriner Sees entdeckt. Genauer will Landesarchäologe Jantzen den Fundort nicht benennen, denn die Fundstelle könnte noch mehr Informationen bergen. Das Schwert aus dem fünften Jahrhundert ist über 90 Zentimeter lang und hat ein gleichschenkliges Kreuz auf dem Knauf. Ob die Waffe aus Versehen, bei einem Kampf oder als Opfergabe über Bord ging, ist unklar. Es sei bisher der einzige Fund an der Stelle.

Alte Münzen aus Wismar in Dänemark entdeckt

„Das ist so ein Schlaglicht, das uns zeigt, hier war was los in der Völkerwanderungszeit“, sagt Jantzen. Das Schwert entspreche dem Typ „Lühesand“, der nach einem Fund aus der Elbe bei Stade (Niedersachsen) benannt ist. Ein ähnliches Fundstück gebe es aus einem Moor in Dänemark. „Wir verstehen vieles noch nicht im Detail, doch wir stellen fest, dass es hier während der Völkerwanderungszeit etliche Aktivitäten gab – die Menschen waren also nicht alle weg.“

Ein Haus aus der Völkerwanderungszeit  

Aktuell werden bei Zweedorf im Landkreis Ludwigslust-Parchim in einem Kiestagebau die Reste eines 18 Meter langen Hauses freigelegt, das nach ersten Erkenntnissen ebenfalls in das fünfte Jahrhundert und damit in die Völkerwanderungszeit gehört. „Es war Teil einer Siedlung“, sagt Jantzen. Damit gäben die Pfostengruben - mehr hat von dem Haus die Zeiten nicht überdauert - den Hinweis, dass es bis weit in die Völkerwanderung Dörfer im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gab. Ein ganz besonderer Fund dabei: eine Schwertperle - ein Zierelement aus farbigem Glas, das den Knauf von Schwertern schmückte. Solche Perlen wurden laut Jantzen auch von Frauen am Gürtel getragen.

Trockenheit erschwert Arbeit der Archäologen  

Unter der großen Trockenheit der letzten beiden Sommer haben nicht nur Landwirtschaft und Wassertourismus gelitten, sondern auch die Archäologen, wie Jantzen berichtet. „Durch die Austrocknung lässt der Boden Verfärbungen weniger gut erkennen. Bei Feuchtigkeit sind die Kontraste viel deutlicher.“ Das erschwere Grabungen und die Dokumentation erheblich.

Auf der Suche nach dem alten Hafen

Viele ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger

Nachwuchssorgen gibt es bei den ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern nicht: Landesweit unterstützen derzeit 180 Frauen, Männer und Jugendliche die Profis im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Allein in diesem Jahr wurden zehn neue Ehrenamtliche ernannt. Sie werden sorgfältig ausgebildet, auch im Umgang mit dem Metalldetektor. Es gehe nicht darum, einen Schatz zu finden, sagt der Landesarchäologe, sondern um die Erfassung von Bodendenkmalen in Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb lernen die Ehrenamtlichen auch, wie man einen Fund mit Hilfe von GPS einmisst.

Erforschung der Funde vom Schlachtfeld im Tollensetal  

In den Jahren 2009 bis 2016 ist an der Tollense im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte ein großes bronzezeitliches Schlachtfeld ausgegraben worden - es gilt als das größte aus dieser Zeit in Europa. Knochen von 140 Männern, fünf Pferden und weiteren Tieren sowie Waffen und Ausrüstungsgegenstände sind geborgen worden. Seither widmet sich die Wissenschaft der Erforschung der umfangreichen Funde, um herauszufinden, wer dort gegen wen und warum gekämpft hat. Nach Jantzens Einschätzung haben mehrere 1000 Menschen am Ufer der Tollense miteinander gekämpft.

Am Beispiel von „Individuum 16“ wurde zum Beispiel festgestellt, dass der betreffende Mann von 35 bis 45 Jahren etwa 1,70 Meter groß und 70 Kilogramm schwer war, nicht aus der Gegend stammte, Rechtshänder und wohl ein Läufer und Träger war. Karies hatte er nicht, aber Parodontitis. Seine Knochen wiesen drei tödliche Verletzungen auf, die er in der Schlacht an der Tollense vor rund 3300 Jahren erlitten hatte.

„Aktuell laufen noch DNA-Analysen menschlicher Überreste vom Schlachtfeld“, sagt Jantzen. Möglicherweise könne dann geklärt werden, woher die Kämpfer kamen. Diskutiert werde derzeit intensiv, ob sie möglicherweise aus einer gebirgigen Region im Süden stammten. Die Kontakte und Austauschwege der Menschen seien schon damals weitreichend gewesen, sagt Jantzen. So wurde das Rohmaterial für bronzezeitliche Waffen und Gebrauchsgegenstände aus dem Alpenraum importiert. „Dies zeigt: Klein war die Welt in der Ur- und Frühgeschichte nicht.“ Das heutige Mecklenburg-Vorpommern sei durch seine Lage an der Ostsee oft ein Dreh- und Angelpunkt gewesen.

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Von RND/dpa