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MV aktuell Mysteriöses Unglück auf der Ostsee: Törn in den Tod
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09:18 22.06.2019
Torsten Gräning war Segler durch und durch. Von seiner letzten großen Reise auf der Ostsee kehrte er nicht zurück. Seine Familie betont, dass die Umstände seines Verschwindens mysteriös sind. Quelle: privat
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Stralsund/Danzig

Zwischen den rund 1000 Seiten in Akten, Unterlagen, die auch viel Verzweiflung dokumentieren, kommt plötzlich ein kleines Blatt mit einem Lied zum Vorschein. Ein Lied, das Menschen Hoffnung geben soll, obwohl rational betrachtet kaum Grund besteht, noch Hoffnung zu haben.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – es sind Verse, die der Theologe Dietrich Bonhoeffer vor der Hinrichtung durch die Nazis aus der Gefangenschaft an seine Familie gerichtet hatte.

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Der Stralsunder Lars Gräning sucht in den Dokumenten eigentlich nach etwas anderem, nach einem weiteren der für ihn vielen Hinweise darauf, dass seine Zweifel richtig sind. Er wirkt etwas überrascht, ausgerechnet auf Bonhoeffers Text angesprochen zu werden. Der Familie, die eigentlich nicht besonders christlich ist, hat das Kirchenlied in einer entscheidenden Zeit Halt gegeben. In einer Zeit, in der nichts sonst die Gränings stützte. Kein Polizist, kein Staatsanwalt.

Statt einem Psychologen schickten die Behörden einen Sozialarbeiter. Also sangen sie gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ an einem Novembertag im Garten von Lars Gräning. Vielleicht wäre es leichter gewesen, zu einer Beerdigung zusammenzukommen, aber das Amt wollte seinen Bruder Torsten Gräning auch ein halbes Jahr nach seinem Verschwinden in der Ostsee nicht für tot erklären. Deshalb blieb ihnen bisher nur die Gedenkfeier, um überhaupt ein Abschiedsritual zu haben.

Weil Torsten Gräning bisher nicht für tot erklärt oder gefunden wurde, und die Familie daher keinen Ort zum Trauern hat, gibt es dieses Bild von ihm an einer Hauswand in Stralsund. Quelle: Stefan Sauer

Zwei blaue Haken als letztes Lebenszeichen

Kurz, nachdem sie aufgebrochen waren, fahren Torsten Gräning und sein Freund an Stralsund vorbei. Vor den Männern lagen acht Wochen Freiheit. Quelle: privat

Am 10. August, einem Freitag, erhält Ines Gräning die letzte Nachricht von ihrem Mann. Die beiden Freunde liegen in Klaipeda und planen ab dem Tag darauf einen langen Schlag bis zur polnischen Insel Hel. Selbst für Segel-Profis eine echte Herausforderung. „Nacht mein Mucki, morgen lange Tour nach Hel.“ Dahinter ein Emoji-Küsschen. Gesendet um 22.33 Uhr. Es soll wieder in Richtung Heimat gehen. Sie schickt ihm nachts drei Herzen zurück, für die es noch eine Lesebestätigung gibt. Diese zwei blauen Haken, die Whatsapp ihr auf dem Smartphone zeigt, sind das letzte Lebenszeichen ihres Mannes.

Die Route der Quelle: Benny

Das dritte Unwetter erwischt sie voll

Allerdings schwante beiden, dass ihnen die Hölle noch bevorsteht. Drei heftige Unwetter lassen sich den Wettervorhersagen entnehmen. Das erste können sie noch umfahren, das zweite streift sie, das dritte erwischt sie mit voller Wucht. Fünf bis acht Meter hoch türmen sich die Wellen auf. Am Sonntagvormittag, als die beiden, wohl müde von der durchgesegelten Nacht, offensichtlich glauben, den schwersten Teil des Unwetters überstanden zu haben, trifft sie ein echter Brecher. Die „Godewind“ neigt sich um 90 Grad auf die Seite, kann sich aber wieder aufrichten. Dem Skipper Rainer P. gelingt es, sich am Achterstag, einem dünnen Drahtseil hoch zum Mast, festzuklammern. Nachdem der Mast wieder in Richtung Himmel zeigt, kann er aus drei Metern Höhe zurück an Deck rutschen und sieht dann, wie Torsten Gräning ohne Rettungsweste im Wasser treibt.

Er hatte die aufgeblähte Weste ausgezogen, nachdem deren Rettungsautomatik am frühen Morgen durch den Schlag einer Welle ausgelöst worden war. P. will zu dieser Zeit unter Deck ein Frühstück zubereitet haben. Torstens Bruder Lars fällt es schwer, an diese Version zu glauben. „Mein Bruder war ein Sicherheitsfanatiker. Und wer macht in aller Seelenruhe unter Deck Frühstück, wenn die Wellen noch kräftig genug sind, um so viel Wasser an Bord zu spülen, dass der Rettungsmechanismus der Weste ausgelöst wird?“ Torstens Frau Ines bringt den Verdacht ins Spiel, P. könnte unter Deck gehockt haben, weil er Angst hatte, während sein Freund versucht habe, die „Godewind“ durch das stundenlange Unwetter zu steuern. P. sagt, dass sein Freund gewusst hätte, wo die Reservewesten verstaut gewesen seien. Sie blieben unbenutzt und sehen auf Detailfotos der Kajüte, die nach dem Unglück entstanden sind, aus wie neu.

Der Skipper gibt an, er habe versucht, zwei Rettungsmanöver zu fahren und Torsten ein Tau zuzuwerfen. Die Aktion misslingt, nachdem sich eine weitere Leine in der Schiffsschraube verfängt und die „Godewind“ manövrierunfähig macht. Ines Gräning wird P. später erzählen, dass es ganz schnell gegangen sei. Sie empfindet diese Einschätzung alles andere als mitfühlend.

Der Freund bleibt verschwunden

Gegen 11.30 Uhr funkt P. Mayday, Mayday. Hubschrauber und Schiffe aus Polen und Russland treffen an der Unglücksstelle ein. Drei Stunden nach seinem Notruf wird P. von dem russischen Forschungsschiff „Akademik Boris Petrov“ aufgenommen, die „Godewind“ lässt er herrenlos im russisch-polnischen Grenzgebiet zurück. Der vermisste Freund bleibt verschwunden. Warum die zwei Segelfreunde in ihrer Not keinen Schutz im relativ nahen Hafen von Baltijsk in der Danziger Bucht gesucht haben, bleibt unklar. Vielleicht hatten sie nach dem stundenlangen Kampf gegen meterhohe Wellen das Gefühl dafür verloren, wie nahe sie an der Schwelle zur Seenot entlang segelten.

An Bord der „Akademik Boris Petrov“ fertigt P. ein Gedächtnisprotokoll an. Darin hält er fest, dass die „Godewind“ einmal komplett durchgekentert sei. Ganz so dramatisch soll die Lage eines späteren Gutachtens zufolge dann aber nicht gewesen sein. Gekentert könnte die „Godewind“ sein, ja, aber nicht durchgekentert, sich also nicht einmal um mindestens 180 Grad gedreht haben. „Auf Grundlage der durchgeführten Untersuchungen ist ein Durchkentern der Segelyacht ,Godewind’ aus technischer Sicht nicht plausibel nachvollziehbar“, schreibt der Sachverständige.

P. spricht selbst nur über seine Anwältin mit Journalisten, die Fragen zum Verschwinden seines engen Freundes auf der Ostsee stellen. Das Prozedere macht die Kommunikation mit ihm schwierig. In einem Telefongespräch vorab bittet die Anwältin zur Beantwortung der Fragen um eine ungewöhnlich lange Frist von zwei Wochen. Als nach knapp drei Wochen immer noch keine Antworten angekommen sind, sagt sie, dass die Mail versehentlich nicht abgeschickt worden sei. Darin heißt es dann: „Mein Mandant befand sich unter Wasser und hatte zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, als wenn die Yacht durchgekentert ist. Nachdem nunmehr der Gutachter der Dekra zu einem anderen Ergebnis gekommen ist, ist das auch für ihn nachvollziehbar, da er mit der angenommenen Durchkenterung nur seinen Eindruck beschrieben hat.“

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Fast vier Wochen nach dem Unglück versucht Rainer P., Ines Gräning gegenüber sein Mitgefühl auszudrücken. Mit einem Brief, den er mit folgenden Worten beschließt: „Ich bin der Einzige, der Torsten bis zum Ende der Fahrt begleitet hat, und ich habe alles versucht, um ihn dir zurückzubringen. Ich wünschte, es wäre mir gelungen.“ Daraufhin ruft Ines Gräning ihn an. Während ihrer Vernehmung bei der Polizei bringt die Ehefrau des verschwundenen Seglers dann Punkte ins Spiel, die ihr komisch vorkommen. Dazu gehört auch die Frage, warum P. bei der Polizei keine Aussage machen will. Weil er „den Rechtsverdrehern alles zutraut“, soll P. zunächst geantwortet, aber einschränkend hinzugefügt haben, dass er zwar auf Anraten seiner Anwältin Sprechverbot habe, dennoch bereit wäre, Fragen zu beantworten, wenn die Polizei denn welche hätte, heißt es in dem Vernehmungsprotokoll von Ines Gräning. Offenbar hat die Polizei keine.

Dass überhaupt Ermittlungen dazu aufgenommen werden, wie Torsten Gräning ums Leben kam, erreicht sein Bruder Lars nur mit viel Hartnäckigkeit. Er stellt schließlich Strafanzeige gegen den Skipper P. Vorwurf: fahrlässige Tötung.

Seit dem Unglück im August 2018 liegt die "Godewind" im Hafen von Danzig. Von der Kriminalpolizei wurde die Yacht dort nie untersucht. Quelle: privat

Wo ist Torstens Tagebuch?

Nach und nach tauchen verschiedene Zusammenhänge auf, die sich durchaus als Ungereimtheiten interpretieren lassen, aber für die Kriminalpolizei am Ende keinen Grund für weitere Ermittlungen darstellen. So ist das Focksegel verschwunden, wozu selbst ein Kriminalbeamter in einem früh angelegten Aktenvermerk festhält, dass „der Zeitpunkt des Abhandenkommens des Focksegels von nicht unerheblicher Bedeutung“ sei. Nachdem vonseiten der Ermittler wenig passiert, fährt Lars Gräning selbst nach Danzig, um die „Godewind“ in Augenschein zu nehmen. Arbeiter des Yachtbetriebes haben dort bereits einen Großteil des Inventars auf einen großen Haufen geworfen. Mühsam sucht Lars Gräning darin die persönlichen Dinge seines Bruders zusammen. Er findet alles bis auf Handy und Tagebuch. Das Buch hatte Torsten mitgenommen, um die Reise zu dokumentieren. Während ein Gutachter der Versicherung das Telefon Monate später in der Kajüte entdeckt, fehlt das Tagebuch bis heute.

Lars Gräning, der Bruder des toten Torsten Gräning, fährt selbst nach Danzig, um die „Godewind“ in Augenschein zu nehmen. Quelle: Christian Rödel

Weitere Hinweise von Lars Gräning schaffen es in die Ermittlungsakten – ebenfalls folgenlos. Demnach hat sich beispielsweise das zunächst verschollene Mobiltelefon, das auf das Unternehmen registriert ist, für das Torsten Gräning als Außendienstler tätig war, noch zweimal ins Mobilfunknetz eingeloggt – zu einem Zeitpunkt, als der 55-Jährige längst in der Ostsee versunken ist. Schon nach recht kurzer Zeit stellt ein Ermittler der Kriminalpolizei in Anklam, die die Untersuchungen als übergeordnete Behörde der Stralsunder Kripo zwischenzeitlich übernommen hatte, im September vergangenen Jahres in einem Aktenvermerk dennoch grundsätzlich fest, dass sich weder ein Motiv für eine strafbare Handlung gegen Torsten Gräning finden lässt noch sich die Schilderungen von P. in der Sache widerlegen lassen – „ausgenommen hierbei die Frage des Durchkenterns“, die aber für die Situation „Mann über Bord“ nicht von zentraler Bedeutung sei. Für weitere Untersuchungen würden die Mutmaßungen nicht ausreichen.

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Dekra braucht für Gutachten sieben Monate

Nach sieben Monaten legt die Dekra schließlich im April dieses Jahres ein Gutachten vor, mit dem geklärt werden soll, ob sich die Situation auf der „Godewind“ so abgespielt haben könnte, wie P. sie in seinem Gedächtnisprotokoll, das er nach der Rettung auf der „Akademik Boris Petrov“ angefertigt hat, schildert. Bis auf den Punkt, dass das Segelboot nicht durchgekentert ist, sondern maximal kurz auf der Seite gelegen und sich dann wieder aufgerichtet hat, stützt der Experte die Angaben des Skippers. Daraufhin stellt die Staatsanwaltschaft Stralsund ihre Ermittlungen vollständig ein. „Das Gutachten der Dekra liegt zwischenzeitlich vor. Nach einer ersten Prüfung seiner Ergebnisse ergeben sich daraus keine Anhaltspunkte für eine Straftat“, sagt der Stralsunder Oberstaatsanwalt Martin Cloppenburg. Weitere Nachfragen, unter anderem dazu, wie sich ohne eine kriminaltechnische Untersuchung des Segelbootes durch die Polizei Anhaltspunkte für eine Straftat ausschließen lassen, beantwortet die Staatsanwaltschaft nicht. Die Dekra hatte ihrem eigenen Ergebnisbericht zufolge aber lediglich den Auftrag, technische Fragestellungen zu beantworten und an Bord nicht nach möglichen Kampfspuren zu suchen, was ohnehin nicht Sache der Dekra wäre.

Der Gedenkfeier im November, während dieser Familie und Freunde Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ anstimmen, bleibt P. fern – nach 30 Jahren Freundschaft. Über seine Anwältin lässt er ausrichten, dass er sich des Eindrucks nicht erwehren könne, dass die Familie ihm die Schuld am Tod seines besten Freundes gebe. Deshalb habe er den Kontakt abgebrochen. Die „Godewind“ liegt nach wie vor in Danzig. Er werde dieses Schiff nicht mehr betreten. Ines und Lars Gräning fällt es schwer, das zu glauben. P. habe zwei Tage nach dem Unglück sein Profilbild bei Whatsapp ausgetauscht und sich plötzlich grinsend auf einem Segelboot gezeigt, sagt Lars Gräning. Seine Schwägerin findet das „befremdlich“, wie sie sagt. Gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens hat die Familie im Mai Berufung eingelegt.

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