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MV aktuell Nach Angriff auf Hunde: Jäger erschoss Wolf
Nachrichten MV aktuell Nach Angriff auf Hunde: Jäger erschoss Wolf
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21:21 21.01.2019
Ein Wolf soll in Brandenburg mehrere Jagdhunde attackiert haben. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Grevesmühlen/Berlin

Der Vorfall ist brisant: Ein Jäger aus den Niederlanden hat bei Rädigke im Naturpark Fläming (Brandenburg) einen Wolf erschossen. Wie der Deutsche Jagdverband am Montag bestätigte, soll der Wolf bei einer Treibjagd am vorigen Freitag mehrere Jagdhunde attackiert haben. Da der Wolf sich durch Rufe und einen Warnschuss nicht vertreiben ließ, habe der Jäger das unter Naturschutz stehende Tier erschossen.

Unter Mecklenburg-Vorpommerns Jägern verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. „Der Vorfall muss lückenlos aufgeklärt werden, auch im Interesse der Jägerschaft“, verlangt Ulf Peter Schwarz vom Landesjagdverband. Nach Polizeiangaben wurde gegen den holländischen Jäger Anzeige erstattet. Über den weiteren Verlauf entscheidet die Staatsanwaltschaft. Schwarz räumt ein: „Wo Wölfe vorkommen, ist das Risiko für Hunde größer.“

 „Jagdhunde sind Familienmitglieder“

Der Einsatz von Jagdhunden sei aber für die tierschutzgerechte Jagd unerlässlich, „auch in Wolfsgebieten“, heißt es beim Deutschen Jagdverband. „Für die Jäger sind sie Familienmitglieder, die es zu schützen gilt“, meint Verbandssprecher Torsten Reinwald. „Wir brauchen dringend Rechtssicherheit, um zu wissen, wie wir uns in einem derartigen Notstand verhalten sollen.“

Aus Mecklenburg-Vorpommern kennt Ulf Peter Schwarz bisher keine Wolfsangriffe auf Hunde. Bei Jagden in Wolfsgebieten gelte die Regel, dass die Jäger bei der Nachsuche nach angeschossenem Wild ihre Hunde sofort an die Leine nehmen, „wenn ein Wolf schneller ist und das verletzte Tier erbeutet“, bevor die Hunde es finden. „Wir wollen die Hunde nicht gefährden, denn der Wolf würde seine Beute verteidigen“, weiß Schwarz.

Bei normalem Waldspaziergang keine Gefahr für Hund und Herrchen

Bei einem normalen Waldspaziergang bestehe aber keine Gefahr durch Wölfe, meint Schwarz. Allerdings: Private Hunde müssen im Wald immer angeleint sein. Schwarz: „Dann droht keine Gefahr, nicht für Hund und nicht für Herrchen.“

Der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes, Stefan Schwill, relativiert den Vorfall in Brandenburg: Bei Treibjagden würden mehr Hunde von Autos überfahren oder durch andere Jäger erschossen als durch Wölfe getötet. Auch Schwill appelliert an die Verantwortung der Jäger für ihre Hunde. Sie könnten – wie in Skandinavien üblich – Schutzwesten mit Dornen im Hals- und Nackenbereich nutzen, „die dazu führen, dass der Wolf vom Hund ablässt“. Ähnliche Westen gibt es auch zur Abwehr gegen Wildschweine.

OZ-Podiumsdiskussion mit Agrarminister Backhaus

Hat MV schon zu viele Wölfe? Wie weit sollte sich das Raubtier im Land ausbreiten? Darum geht es am 29. Januar bei einer Podiumsdiskussion in Grevesmühlen (Nordwestmecklenburg), zu der die Ostsee-Zeitung einlädt. Als fachkundige Gäste stellen sich Umweltminister Till Backhaus (SPD), Landwirt Kurt Klaczinski aus Pötenitz und Jäger Ulf-Peter Schwarz aus Plüschow bei Grevesmühlen, Schäfer Ingo Stoll aus Langsdorf bei Grimmen und Stefan Schwill, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes, den Fragen. Beginn: 18 Uhr im Kreistagssaal in der ehemaligen Malzfabrik. Der Eintritt ist frei.

37 Rudel in Brandenburg, sechs in MV

Der Wolf ist in Deutschland eine streng geschützte Tierart. In Brandenburg leben 37 Rudel, in MV sind es sechs. In Brandenburg wurden seit 1990 über 100 tote Wölfe gemeldet worden. 16 davon wurden illegal geschossen. Über 80 Wölfe starben im Straßenverkehr. In MV sorgte für Aufsehen, als 2016 bei Lübtheen (Ludwigslust-Parchim) ein Wolf, der für das Monitoring mit einem Sender ausgestattet worden war, tot aufgefunden wurde – illegal getötet mit einem gezielten Blattschuss.

In Brandenburg war im November 2017 schon einmal ein Wolf bei einer Jagd erschossen worden, von einem dänischen Jäger. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte das Verfahren gegen die Zahlung einer vierstelligen Geldstrafe eingestellt.

Wolf auch in Hessen erschossen – nach Ausbruch aus Wildpark

In Hessen wurde am Freitag ebenfalls ein Wolf erschossen. Er war aus einem Wildpark-Gehege ausgebrochen. Ein weiteres Tier ist noch auf der Flucht. Die Ausreißer hatten sich unter einem Elektrozaun durchgegraben und auf unbekanntem Weg einen zweiten Zaun überwunden, der die Wolfsanlage als Sicherungsring umgibt.

Skandinavien: 25 Wolfsattacken auf Hunde pro Jahr

In Deutschland sind Wolfsangriffe auf Hunde bisher Einzelfälle, sagt Verbandssprecher Reinwald. In Skandinavien, wo sich der Wolf schon länger etabliert hat, wurden von 1995 bis Mai 2018 genau 617 Wolfsangriffe auf Hunde registriert. 400 der Angriffe endeten für den Hund tödlich, so das Norwegian Institute for Nature Research. Nach Auskunft des schwedischen Jagdverbandes gibt es pro Jahr in Schweden und Norwegen zusammengenommen etwa 25 Wolfsattacken auf Jagdhunde. In Schweden sei es Jägern nach einer Gesetzesänderung erlaubt, einen Wolf bereits zu töten, „wenn er im Begriff ist, Hunde oder Nutztiere zu attackieren“, meint Reinwald. Zuvor müsse aber versucht werden, den Wolf durch Rufen und Warnschüsse in den Boden zu vertreiben.

Elke Ehlers