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MV aktuell Nach dem Absturz in MV: Dörfer am Fleesensee im Ausnahmezustand
Nachrichten MV aktuell Nach dem Absturz in MV: Dörfer am Fleesensee im Ausnahmezustand
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21:00 25.06.2019
An ihm kommt kein Zivilist vorbei: Ein Feldjäger an der Absperrung des Absturzgebiets der beiden Eurofighter am Rand des Dorfs Nossentin. Es wird noch viele Tage dauern, bis alle Trümmer gefunden sind. Quelle: Frank Söllner
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Nossentin

Die Feldjäger am Kreisverkehr lassen nicht mit sich reden. „Nein, Sie kommen hier nicht durch“, sagt der Soldat. Das ältere Urlauber-Ehepaar nickt verständnisvoll und steigt wieder auf die Fahrräder. „Na gut, dann müssen wir eben eine andere Tour machen“, sagt der Mann.

Am Tag eins nach dem doppelten Eurofighter-Absturz herrscht der Ausnahmezustand in den Dörfern an der Nordseite des Fleesensees. In Nossentin hat die Bundeswehr eine kleine Zeltstadt errichtet, mit Bänken, Feldbetten und Gulaschkanonen. Jörg Mietzner aus Rostock krant von seinem Lkw ein zwei Meter langes Handwaschbecken nach unten. „Die Soldaten müssen sich ja auch mal die Hände waschen“, sagt er. Mobile Toiletten hat die Bundeswehr selbst mitgebracht, nur Waschbecken hat sie keine. Die muss sie von Mietzner mieten. Zum Glück konnte der helfen, der Auftrag kam ganz schön plötzlich.

Galerie: Ausnahmezustand am Fleesensee

Die Suche nach den Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter am Fleesensee dauert an.

15 Quadratkilometer Suchgebiet

300 Bundeswehrsoldaten waren am Dienstag in den Dörfern Nossentin, Nossentiner Hütte, Silz und Jabel mit der Aufarbeitung des Kampfjet-Unfalls vom Vortag beschäftigt. Weitere kommen im Laufe des Tages dazu. Einige von ihnen durchkämmen in ABC-Schutzanzügen Felder und Wälder in dem 15 Quadratkilometer großen Areal rund um die Absturzorte Jabel und Nossentiner Hütte. Hier fielen am frühen Montagnachmittag unzählige Kampfjet-Trümmer vom Himmel. Von der eigentlichen Suchaktion bekommen die Anwohner und alle anderen, die es in die abgesperrten Dörfer geschafft haben, so gut wie nichts mit. Das Suchgebiet wurde zur militärischen Sperrzone erklärt, am rot-weißen Flatterband und weiteren Feldjägern mit dunklen Sonnenbrillen ist für jeden ohne Uniform und die nötigen Papiere endgültig Schluss.

Das Puzzle der Wrackteile

Die großen Wrackteile wurden schnell gefunden, sagt ein Luftwaffensprecher. Für das komplette Puzzle fehlen aber noch unzählige kleine Stücke. Die beiden Flugdatenschreiber wurden am späten Nachmittag entdeckt. Für die Aufklärung der Absturzursache sei es wichtig, alle Indizien einzusammeln, sagt ein anderer Bundeswehrsprecher, der wie fast alle seine Kollegen weder fotografiert noch namentlich zitiert werden will. Ausdrücklich warnt die Luftwaffe Katastrophentouristen und Anwohner davor, auf eigene Faust mit zu sammeln: Die Trümmer seien gefährlich, beim Absturz und durch das Feuer könnten giftige Stoffe entstanden sein.

ABC-Einheiten duschen Soldaten ab

Ein Sprecher des Luftwaffen-Kommandos erklärt: „Die Eurofighter waren voll mit Flugkerosin, Hydraulikflüssigkeiten, Kühlmitteln und anderen Stoffen. Der Flieger besteht zu großen Teilen aus Kohlefaser hergestellt. Wenn die verbrennt, entwickeln sich gesundheitsschädliche Gase.“ Eine Gefahr für die Bevölkerung und die Naturschutzgebiete rund um den Fleesensee bestehe nicht. Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte stellt Fahrzeuge des Katastrophenschutzes bereit – die so genannten ABC-Einheiten der Feuerwehr, spezialisiert auf Einsätze mit atomaren, biologischen oder chemischen Stoffen. „Die Soldaten, die Trümmer einsammeln, müssen dekontaminiert werden“, erklärt Landrat Heiko Kärger (CDU). „Sie kommen in Kontakt mit chemischen Stoffen und müssen abgeduscht werden.“

Abgeschaltetes Dorfleben

Die Belagerung der Urlaubsregion wird noch eine Weile bleiben. „Über das Wochenende hinaus“ wird die Bergung noch dauern, meint ein Bundeswehrsprecher am Rande des improvisierten Zeltlagers in Nossentin. Im Einsatz sind Flieger in grünen Overalls vom Geschwader 73 „Steinhoff“ aus Rostock-Laage, Flugexperten von Luftfahrtamt der Bundeswehr, Feldjäger und Panzergrenadiere der 41. Brigade aus Torgelow. Die Männer und Frauen diskutieren, essen Gulaschsuppe, blicken ernst, rauchen oder schlafen auf einem Fahrersitz in einem der vielen geparkten Bundeswehrautos. Etwa 50 Meter weiter steht noch eine Art kleinere Wagenburg mit den Fahrzeugen der Fernsehsender. Das normale Dorfleben ist abgeschaltet. Nur in hin und wieder schlängeln sich ein paar Urlauber auf Fahrrädern an den Bundeswehrwagen vorbei.

Verständnis für die Untersuchungen

Karin Senger scheint das alles nicht zu beeindrucken. Die zweite Vorsitzende der evangelischen Kirchgemeinde Malchow steht vor dem Schaukasten der Nossentiner Kirche. In der drückenden Mittagshitze hängt sie eine Ankündigung für einen Heinz-Rühmann-Film auf, der nächste Woche in der Kirche gezeigt wird. „Die vielen Flüge waren schon ein bisschen doll“, sagt die 79-Jährige aus dem nahen Malchow über die Luftwaffenübungen in ihrer Region. Aber mit so einer Katastrophe habe sie nie gerechnet. Bevor die Luftwaffe den Flugbetrieb wieder aufnimmt, müsse unbedingt mehr für die Sicherheit getan werden, meint die Seniorin. Dann steigt sie ins Auto, weiter zur nächsten Kirche nach Jabel. Wegen der Absperrung muss sie gut 50 Kilometer Umweg fahren. Nein, die Absperrungen nerven sie nicht. „Die Untersuchungen müssen ja gemacht werden“, sagt die Rentnerin.

Flugbetrieb in Laage eingestellt

Die Luftwaffe selbst sieht das anscheinend ähnlich. Auf dem Fliegerhorst in Laage herrscht am Tag nach dem Unglück gespenstische Ruhe. Ein Soldat in der Wache am Eingang möchte nicht, dass Fotografen die auf halbmast gesetzte Deutschland-Fahne fotografieren. Bis zu 20 Maschinen am Tag starten hier normalerweise, erklärt Geschwadersprecher Matthias Ackermann. Jetzt gilt ein Flugverbot. So lange eine technische Ursache nicht ausgeschlossen ist, bleiben in Laage alle 23 verbliebenen Eurofighter am Boden. An den anderen Standort dürfen die Jets dagegen abheben. Die Einsatzbereitschaft sei durch den Absturz nicht eingeschränkt, heißt es im Verteidigungsministerium. In den kommenden Tagen soll ein Trauerakt für den gestorbenen, 27 Jahre alten Piloten stattfinden. Der genaue Termin steht noch nicht fest. Geschwader-Kommedore Oberst Gero von Fritschen brach am Dienstag einen Auslandseinsatz ab und kehrte nach Laage zurück.

Schleudersitz im Boden

Unterdessen steht am Kreisverkehr in Silz Urlauber Manfred Pfaffner und guckt den Feldjägern zu, die gerade wieder mit einem Autofahrer verhandeln. Der agile 89-jährige ist mit seiner Frau im Auto von Dresden hergekommen. Vom Eurofighter-Abstürzen hat er nur im Radio gehört. „Bei uns ist in den Achtzigerjahren mal eine MiG abgestürzt“, sagt der Senior. Der Schleudersitz des Kampffliegers russischer Bauart steckte nachher im Boden vor seiner Haustür. Ob der Pilot noch drin steckte, weiß er nicht. „Damals hat man nie etwas erfahren.“

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